- Anzeige -

Die Kommandante, die ihren unterdrückten Verblichenen in Ottokar wiederzuerkennen meinte, legte diesem ihre ganze Zuneigung zu Füßen. In theatralischer Selbstverleugnung machte sie öffentlich gut, was sie ihrem bedauernswerten Partner zu dessen Lebzeiten alles angetan hatte. In ihren Augen konnte Ottokar denn auch tun und lassen was er wollte, es war immer gut und richtig.
Unvergessen war ihm die – jedenfalls aus seiner Sicht – heiter burleske Episode mit dem Kaffee. In der Begleitung der Kommandante machte er den beiden, die wieder einmal gemeinsam auf der Finca ihre Zeit verbrachten, einen Besuch. Peter schätzte Ottokar sehr als intelligenten Gesprächspartner und suchte schon aus diesem Grund gern und häufig seine Gesellschaft, war er wieder einmal auf der Insel.
Das Haus war eine einzige, urgemütliche Puppenstube. Kleine, sehr zweckmäßig geschnittene und eingerichtete Räume mit viel Naturstein, anheimelnden Holzbalken und alten, wertvollen mallorquinischen Möbeln. Und dann war da noch der Kamin! Er heizte das ganze Haus über seine Warmluftschächte.
Romana hatte auf die kleine Terrasse gebeten, die direkt über der Zisterne angelegt worden war. Ein kleines Dach schützte vor der schon ordentlich wärmenden Mai-Sonne. Ottokar bekam den Auftrag Kaffee zu kochen. Es war bereits früher Nachmittag und Romana bot deklamatorisch ihren frisch gebackenen Obstkuchen feil. Als der Herr auf „Can Petit“ jedoch mit der ratlosen Frage, wo denn der Kaffee sei, wieder auf der Terrasse erschien, herrschte Romana ihn im Vortrag einer griechischen Tragödie an: „Na in der Küche, wo denn sonst“. Ottokar trollte sich wortlos, aber mit predigender Miene. „Dieser Mann“, zischelte sie und es klang um Nuancen hysterischer.
Wenn kein gemahlener Kaffee vorhanden ist…
Romana bremste ihre bis dahin wild rotierenden dunkelgrünen Augen ab, als auch schon wieder Ottokar auf der Terrasse erschien. Mit aufreizend monotoner Stimme stellte er fest: “Da ist kein Kaffee in der Küche“. Wieder verdrehte die kleine Frau ihre Augen, rückte sich leicht im Sessel zu ihm herum und stellte die bühnenreife Frage: „Warum nicht“? Er stand für einen Moment wie unbeteiligt herum um dann entwaffnend zu bekennen: „Na, weil ich ihn vergessen habe“. Für den Augenblick fürchtete Peter, ’jetzt frisst sie ihn’. Aber mit wegwerfender Geste gebot sie nur: „Dann mahl welchen, davon ist ja genug da“. Wieder verschwand Ottokar ohne zu murren in der Küche. Er nahm seine Aufgabe sehr ernst. Überhaupt war er ein ergebener Dienstleister! „Er kostet mich meine letzten Nerven, dieser Mann. Vergisst er den ‘Rico-Kaffee’ für meine EspressoMaschine.“ „Kaffee kocht bei mir immer Birgitta“, versuchte Peter vieldeutig Ottokar zur Hilfe zu kommen. Vergeblich. Romana beugte sich in ihrem Rattan-Sessel leicht vor wobei ihr mild lächelndes Gesicht von dem langen, dicken graublondem Haar gefällig eingerahmt wurde und sagte bestimmt und angriffslustig: „Aber bei mir, Peter, kocht der Ottokar den Kaffee – jedenfalls heute“. Jede weitere Intervention schien Peter nicht mehr hilfreich.

… dann muss man ihn mahlen
Aus der Küche wurde inzwischen Ottokar vernommen, der lautstark nach der elektrischen Kaffeemühle fahndete. Ebenso laut funkte Romana von der Terrasse zurück: „Ottokar, von Hand, du musst den Kaffee von Hand mahlen. Wir besitzen doch gar keine elektrische Kaffeemühle“. Das laute ‘Aha’, das jetzt aus der Küche zu vernehmen war, hatte für Peter etwas sehr akademisches. Danach erfüllte kurze Zeit später gleichmäßiges Mahlen den Raum. Und als endlich das aufdringliche Pfeifen des Wasserkessels den ersehnten Kaffee meldete, stöhnte Romana so, als sei sie in ihrer dramatischsten Rolle: „Endlich, er hat es geschafft und mich gleich mit“.
Vier Tassen, dazu Milch und Zucker und einen Kaffee, der keiner war, der keiner sein wollte und der auch keiner sein konnte. Für den Augenblick war Romana – und das sollte bei ihr schon was heißen – sprachlos. Auf einmal, mit dem Aufschrei des Entsetzens, entfuhr es ihr: „Ich kann ja die bunten Blumen in meiner Tasse sehen“. Als gäbe es ein achtes Weltwunder auf dem Grund ihrer Tasse zu betrachten, sie war ganz aus dem Häuschen: „So habe ich ja die Blumen noch nie sehen können, in meinem Café! Ottokar was hast Du denn da gekocht?” „Kaffee“, kam es treuherzig aus ihm heraus, „Kaffee, was sonst“.

Heraus kommt Blümchenkaffee
Ottokar zögerte für den Moment sich an den Tisch zu setzten. Neugierig tauchte er seinen Blick in alle Tassen ein. Aber auch für ihn war das Ergebnis wenig erbaulich: „Das sieht aus wie dünner Tee“. Erstaunt, so als sei dies alles nicht seine Schöpfung, traf er diese Feststellung. Sein sachlicher Ton ließ keine Schuldzuweisung zu. „Sieh nur, sieh nur“, schrillte Romana ihren Mann an, „es ist alles Dein Werk. Feiner, Ottokar, feiner musst Du den Kaffee mahlen, sonst wird’s nie etwas“! „Ja, ja“ sagte er nur ohne viel Widerstand in die Stimme zu legen, es klang so, als habe er sich diesen aufdringlichen Vorwurf nicht zu eigen machen zu wollen. Vielmehr legte er eine abwehrende Arroganz an den Tag, die er jetzt liebenswürdig wie eine strahlende Aura vor sich her trug. „Ich hätte wohl zweimal den Kaffee durchdrehen müssen, dann wäre er sicher feiner geworden und ihr müsstet jetzt nicht so leiden“. Ottokar wollte gerade Milch und Zucker in seinen ‘Kaffee’ geben, als ihn Romana unwirsch daran hinderte: „Lass das bitte, das Zeug ist ungenießbar, mach uns einen neuen, aber einen anständigen, bitte!“ Dieses ‘bitte’ ließ sie spitz von hoch oben kommend nach unten auf ihn herabtropfen – als wohl verpackte Befehlsform!

Von großen Eiern und Technikproblemen
Und wieder verschwand Ottokar in der Küche. Peter war gespannt, was er jetzt anstellen würde, um einen genießbaren Kaffee überhaupt brühen zu können. Von Romana war keine Hilfestellung mehr zu erwarten. Sie plauderte mit der Kommandante intensiv über den Campo-Alltag. Insbesondere zeigte sich Romana auf eine sehr urbane Art begeistert über die ansehnlichen – sie liebte den sehr direkten Ton – riesig großen Eier von Luzifer, dem neuen, jungen Kater der Kommandante. Und wenn sie beide so tratschten, noch dazu mittlerweile über Dinge fernab ihres eigenen Erlebnisbereiches, dann war um sie herum sowieso nicht mehr viel anderes wahrnehmbar! Verhaltenes Grummeln und Fluchen aus der Küche zeigten Peter an: Ottokar musste wieder Schwierigkeiten haben. Auf dem kleinen, schweren Küchentisch aus uraltem Olivenholz stand wie ein Fremdkörper vor Ottokar die Kaffeemühle. „Ich kann sie nicht leiden“, sagte er in seinem Banater Deutsch. „Was habe ich diesem blöden Ding nur getan, das es nicht richtig funktioniert?
Diese verdammte Technik!“

- Anzeige -