Prof. Dr. Ing. habil Günther Krause war 1990 Parlamentarischer Staatssekretär beim Ministerpräsidenten der DDR und mit Wolfgang Schäuble Verhandlungsführer beim deutsch-deutschen Einigungsvertrag, von 1990 bis 1991 Bundesminister für besondere Aufgaben und von 1991 bis zu seinem Rücktritt 1993 Bundesminister für Verkehr. Er forscht heute im Bereich alternativer Energien.

EL AVISO: Der Mauerfall war vor 30 Jahren ein historisches Ereignis von weltweiter Bedeutung. Und die Euphorie der Ost- und Westdeutschen war groß. Was haben Sie damals empfunden, welche Erwartungen hatten Sie?
Günther Krause: Im August 1989 war ich mit meiner Familie (meiner damaligen Ehefrau und den Kindern) in Debrecen, Ungarn, im Urlaub. Wir haben vor Ort erlebt, wie sehr viele DDR-Bürger den Zeltplatz verlassen haben, um über Österreich die DDR zu verlassen. Ich war davon überzeugt, dass die Grenzöff nung in der DDR nur eine Frage der Zeit ist, denn die Mauer hatte seit Ungarn einen großen Riss. Wir haben am 09. November 1989 mit unseren drei Kindern im Ost- und Westfernsehen die Pressekonferenz von Herrn Schabowski verfolgt und entschieden, wir fahren am 12. November 1989 in den Westen. Die Erwartung war Freiheit ohne Überwachungsstaat und später die Deutsche Einheit.

EA: Wie ist das heute in der Rückbetrachtung? Was ist von Ihrer Begeisterung geblieben? Welche Erwartungen, vielleicht auch Hoffnungen sind erfüllt worden, welche auf der Strecke geblieben?
GK: Als Mitglied der letzten DDR-Regierung sehe ich vieles aus dem Blickwinkel des Machbaren, nicht der Visionen und Wünsche. In der Wende wusste jeder, was abgeschaff t werden soll! Wie die Umstrukturierung einer Gesellschaft aber ablaufen kann, das war unklar. Das Einbringen der Lebenserfahrungen „Ost“ ist für viele Menschen auf der Strecke geblieben. Obwohl im ersten Staatsvertrag – der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion – als politisches Ziel die Angleichung der Löhne und Renten bis 1995 vereinbart wurde, ist das auch nach 30 Jahren nicht erreicht. Daraus resultiert im Osten das Gefühl der Unzufriedenheit und der Benachteiligung, im Westen der fehlenden Dankbarkeit.

EA: Hat Westdeutschland denn genug getan, Ostdeutschland auf eigene Beine zu stellen, Stichwort Treuhand. Und haben letztlich auch die Ostdeutschen selbst dafür genug getan? GK: Die eigentlichen, wirtschaftlichen Probleme im Osten waren folgende:

1.) Nach dem 1. Juli 1990 – der Einführung der Deutschen Mark (DM), wollten die Ostdeutschen endlich Westprodukte kaufen, die es vorher nur für Bürger mit DM im DDR-Intershop gab.
2.) Die Produktivität der DDR-Wirtschaft lag bei nur 35 bis 40% bezogen auf das Westniveau!
3.) Am freien Markt waren mehr als 90% der DDRProdukte nicht wettbewerbsfähig.
4.) Seit 1975 gab es in der DDR-Wirtschaft einen erheblichen Investitionsrückstand, weil fast das gesamte Geld in die „Energieträgerumstellung von Öl in Braunkohle“ investiert wurde. Dadurch konnte die Treuhand nur wenige Unternehmen retten. Carl-Zeus Jena mit weltmarktfähigen Produkten hat allein 3 Milliarden DM Beihilfe erhalten, um am Weltmarkt auch zukünftig Bestand zu haben.

EA: Die Wiedervereinigung war ein enormer Kraftakt, u. a. zu Lasten der westdeutschen Rentenkasse. Heute werden in Ostdeutschland ungerechte Löhne beklagt. Wird da nicht zu viel gejammert?
GK: Wie gesagt, die Angleichung der Löhne ist seit 25 Jahren überfällig und Bürger im Osten, die heute Rentner werden, bekommen auch eine schlechtere Rente als im Westen. Das ist ein Vertragsbruch. Die Produktivität ist heute bei 75% der Westdeutschen – eine enorme Entwicklung, denn im Westen ist diese auch deutlich gestiegen, aber langsamer als im Osten. Insofern hat sich sehr viel getan.

EA: Die Westdeutschen haben seinerzeit 16 Millionen Ostdeutsche in ihr Sozialsystem aufgenommen. Wenn man die ostdeutsche Pegida hört, schädigt heute jeder einzelne Ausländer das System. Was ist da passiert?
GK: Der Vergleich hinkt, denn nach Artikel 23 des Grundgesetzes wurde immer davon ausgegangen, dass die DDR zur BRD gehört. Insofern ist bei Niedrigrenten, Langzeitarbeitslosigkeit usw. es für viele nicht zu verstehen, wie die Eingliederung erfolgt. Viele Ostleute, nicht die Mehrheit, aber etwa 20-25% fühlen sich benachteiligt.

Einigungsvertrag Unterzeichnung 31.08.1990 mit Wolfgang Schäuble und Lothar De Maizière

EA: Wie sehen sie die Zukunft der ostdeutschen Bundesländer?
GK: Endlich sollte es gelingen, auch Teile von Führungen der Großunternehmen und DAX-Unternehmen in den Osten zu bringen; es muss jede sechste Führungsposition in Politik, Wirtschaft sowie Hochschulen und Universitäten von Ostdeutschen besetzt werden. Eine Bundeskanzlerin reicht nicht! Das positive Beispiel ist die Deutsche Bahn-AG, das größte, in Deutschland ansässige Unternehmen mit Sitz am Potsdamer Platz in Berlin.
Das Gespräch führte Frank Heinrich, Fotos: Tagesspiegel, Bundesarchiv

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