Die Unternehmerin Cornelia von Wülfing hat seit 2000 einen ungewöhnlichen Nebenjob: Sie ist Königin der Sasa Regionen in der Volta Region in Ghana und repräsentiert als Paramount-Queen Mamaga Ngoyinyonufiaga Akosua I. (die an einem Sonntag geborene Königin des Fortschritts), ein Volk von ca. 200.000 Menschen. Ihre Tätigkeit im Pharmabereich und den Handel mit Heilpflanzen verbindet sie mehrmals im Jahr mit Sozialprojekten in Ghana. Ihre Familie lebt auf Mallorca und sie ist häufig zu Gast im Inselsüden.

EL AVISO: Die Monarchie in Ghana ist wahrscheinlich älter als die englische. Wie wird man Königin in einem Land mit einer derartigen Historie?
Cornelia von Wülfing: Es gibt keine Monarchie im herkömmlichen Sinne in Ghana. Neben der demokratisch gewählten Regierung gibt es ein traditionelles Herrschersystem, das aus vielen verschiedenen königlichen Clans besteht. Es gibt also keinen König oder eine Königin von Ghana, sondern lediglich von Gebieten. Ähnlich der europäischen Struktur des Adels mit Fürsten, Herzögen etc. Als ich 1998 erstmals nach Ghana kam war das eine Geschäftsreise, um Heilpflanzen nach Europa zu importieren. Damals habe ich nach relativ kurzer Zeit Teile meines Profits im Land gespendet, um die Lebensbedingungen, besonders von Kindern, in Bezug auf Bildung und Gesundheit zu verbessern. Dann habe ich irgendwann mit dem Bau einer Schule begonnen. Durch mein soziales Engagement wurde ich für das Amt vorgeschlagen.

Tochter Sara, Mama Abrey,
Queenmother of Alavanyo Dogbedze

EA: Die Frauen reden bei der Besetzung der Könige entscheidend mit, zumindest bei den führenden Ashanti und den Akan. Ist das Matriarchat in Ghana noch präsent?
CvW: Bei den Ashantis und den Akan ja, aber ich gehöre zum Stamm der EWE, dort werden die Könige und Königinnen durch sogenannte ‚Kingmaker‘ vorgeschlagen und durch Wahl bestätigt. Sie müssen eigentlich aus einem royalen Haus sein. Ich wurde damals von ghanaischen Eltern in ein royales Haus traditionell adoptiert.

EA: Sie sehen sich als eine Art „Sozialarbeiterin“ und sagen „Hilfe zur Selbsthilfe“ sei das Entscheidende. Welche Projekte sind das und wie funktioniert es mit der Selbsthilfe?
CvW: Das ist etwas verallgemeinert, der Fokus liegt auf Projekten, die es den Menschen später ermöglichen, sie eigenständig weiterzuführen, dass heißt ohne weitere oder ergänzende finanzielle Hilfen. Sie müssen sich selbst tragen. Alle Schulen und Kindergärten, die ich gebaut habe, befinden sich unter der Aufsicht des Erziehungsministeriums, Lehrer werden gestellt und für notwendige Wartungsarbeiten etc. wird gesorgt. Ebenso die Klinik, die ich gebaut habe. Aber wir machen auch Schulungsprogramme, sorgen für eine gute Schulbildung und anschließende weitere Förderprogramme für talentierte Jugendliche um einen Arbeitsplatz zu
finden. Ziel ist eine gesicherte Zukunft im eigenen Land zu bieten, nur so kann
man die Abwanderung verhindern –Scha‹ung von Perspektiven.

EA: Sie sprachen selbst einmal von Rückschlägen und auch davon, dass es für Europäer nicht einfach ist in Afrika Geschäfte zu machen. Was meinen Sie damit konkret?
CvW: Ich sagte nicht immer einfach, das ist ein Unterschied. Eigentlich ist es relativ einfach, wenn man sich mit der Mentalität und den Gegebenheiten auskennt. Ich habe vorher Projekte in anderen afrikanischen Ländern gemacht, zum Beispiel unter der Diktatur Mugabes. Das sind sehr viel größere Herausforderungen gewesen. Man lernt ja auch dazu. In Afrika sollte man jemanden haben, der sich gut auskennt und sich nicht auf Internetbekanntschaften verlassen. Außerdem ist ein sehr gutes Kontrollsystem wichtig, ohne das funktioniert es nicht.

EA: Ein Großteil der afrikanischen Länder ist seit den 60-er Jahren unabhängig. Was ist zu tun, um den Nach-Kolonialismus zu überwinden? Ist nach wie vor die Ausbeutung ein Thema, begünstigt von der Korruption?
CvW: Da gibt es, je nach Ländern, große Unterschiede. Ghana war das erste afrikanische Land, das unabhängig wurde. Die Menschen haben ein gut ausgeprägtes Selbstbewusstsein und verfügen über einen gesunden Stolz. Es gibt, bis auf wenige Ausnahmen, kaum Rassismus. Das erleichtert die Arbeit dort. Wie überall in Afrika stellen die Chinesen ein Problem dar, da sie mehr oder weniger rücksichtslos die Ausbeutung des Kontinents fortgesetzt haben. Das war mit den zum Teil sehr korrupten Regierungen problemlos möglich. Inzwischen sind aber sehr viele Länder aufgewacht und haben dem einen Riegel vorgeschoben. Ghana war oder ist auch nicht so sehr betro‹ en.

Mamaga Ametor Hoebuadzu II, Paramountqueen von Alavanyo, Togbega Tzedze
Atakora VII, Paramountchief von Alavanyo, Mamaga Ngoyinjonufiaga Akosua I,
(Cornelia von Wülfing) Paramountqueen Sasa Areas Ghana

EA: Afrikaner sagen mir oft, Probleme müssen unsere ehemaligen Kolonialherren richten, dabei wird eine Ambivalenz zwischen Verachtung und Bewunderung deutlich. Wann nimmt Afrika seine Zukunft selbst in die Hand?
CvW: Wenn die Bildungsmöglichkeiten besser werden entwickelt sich auch ein anderes Verständnis. Die gebildeten Afrikaner, die ich kenne, würden so etwas nie sagen. Natürlich ist es nur legitim geraubte Kunstschätze zurück zu geben und eventuelle Ausgleichszahlungen vorzunehmen. Generell hat der Kontinent noch so viele Ressourcen, dass mit modernen, nicht korrupten Regierungen sehr viel umgesetzt werden könnte. Dazu braucht man das Ausland nicht. Das hat auch der ghanaische Präsident bei seiner Antrittsrede in Accra und bei dem Macron-Besuch in Paris gesagt.

EA: … und wann wird der Elektromüll verhindert und die für eigene Unternehmen ruinösen Hühnerimporte?
CvW: Bezüglich des Elektromülls, wenn es uns verboten wird, ihn für viel Geld dort abzuladen und es den Menschen dort verboten wird damit zu arbeiten. Wenn man aber dort hingeht und sie befragt, sind sie froh über ihre Arbeit. Das Gesundheitsministerium müsste das verbieten. Bezüglich der Hühnerimporte gibt es momentan sehr viele Bestrebungen auf aussichtsreiche eigene Projekte. Da Hühnerfleisch in Ghana das beliebteste Fleisch ist, kann der Bedarf momentan nicht annähernd gedeckt werden. Die eigenen, zum großen Teil kleinen Unternehmen können nicht lukrativ arbeiten, weil die Importe so billig sind. Das ghanaische Huhn ist größtenteils teurer als das importierte.

EA: Das Bild Afrikas wird noch immer von den Entdeckern und Kolonialisten bestimmt. Rechtfertigungen für Sklavenhandel und Ausbeutung, Mangel und Hungersnöte prägen Meinungen in Europa und Amerika. Was ist für ein neues Bild zu tun?
CvW: Zunächst einmal ist zu sagen, dass es eine andere Seite des Sklavenhandels gibt. Nämlich die, dass afrikanische Herrscher auch ihre eigenen Leute verkauft haben. Für eine einzige große venezianische Chevron Perle bekam man zum Beispiel vierzehn Sklaven. Ihr Wert wurde von ihren Stammesfürsten in den sogenannten Trade Beads aus Böhmen und Italien bemessen. Das rechtfertigt natürlich nicht den Akt an sich, aber es war auch ein Geschäft, wenn auch ein sehr trauriges. Und der Europäer trägt nicht allein Schuld daran. Natürlich gab es auch verschleppte und gefangene Sklaven. Meiner Meinung nach gibt es keinerlei Rechtfertigungen für die eine oder die andere Seite. Ein neues Bild lässt sich wohl nur prägen, wenn die Korruption eingedämmt werden könnte. Dann wäre der Kontinent insgesamt sehr viel unabhängiger. Das Ausplündern durch eigene Machthaber muss aufhören.

EA: Geburtenkontrolle ist immer wieder ein Thema in Zusammenhang mit Hungersnöten und auch der wirtschaftlichen Entwicklung. Wie ist Ihre Meinung dazu?
CvW: Generell stimme ich dazu, nur liegt es in der afrikanischen Mentalität der ärmeren Bevölkerung sich durch viele Kinder eine Altersabsicherung zu scha‹ en. Je mehr Kinder später arbeiten, desto besser können sie ihre Familien unterstützen.

EA: Es werden schätzungsweise 50 Milliarden Dollar jährlich von ausländischen Konzernen aus Afrika an Ressourcen abgezogen, die etwa gleiche Summe fließt an Hilfsgeldern nach Afrika. Was halten Sie von Entwicklungshilfe?
CvW: Das ist ein sehr komplexes Thema. Die abgezogenen Ressourcen werden natürlich bezahlt, nur landet das Geld durch verschachtelte Firmenkonstruktionen und Korruption nicht dort, wo es das Land und seinen Menschen von Nutzen sein könnte, sondern weitgehend auf den Konten skrupelloser Machthaber und windiger Geschäftemacher aus aller Welt. China ist das perfekte Beispiel für doppelte Bereicherung, es kauft die Ressourcen auf, liefert aber gleichzeitig den Löwenanteil von billiger und minderwertiger Exportware auf den Kontinent, ein für China perfekter Deal, der gleichzeitig die Länder immer mehr verarmen lässt. Ich bin gegen Entwicklungshilfe im herkömmlichen Sinne, weil sehr oft das Kontrollsystem nicht funktioniert, große Stiftungen Personal mit völlig überhöhten Gehältern beschäftigt, das Geld sinnlos ausgegeben wird. Ich könnte ein Buch darüber schreiben, was ich in 35 Jahren Projektarbeit in Fernost und Afrika, aber auch hier in Deutschland, erlebt habe. Viele Organisationen finden Mittel und Wege eingenommene Spenden zur persönlichen Bereicherung zu verwenden. In den Ländern kommt oft zu wenig an, wird mit wenig Aufwand und ohne großen Arbeitsaufwand verteilt. Nachhaltigkeit wird außer Acht gelassen. Ich bin stolz, das anders zu machen, habe immer ehrenamtlich gearbeitet, alle von uns, mit einem administrativen Aufwand zwischen sechs und acht Prozent.

EA: Wir wissen heute, dass zwischen uns beiden vielleicht mehr genetische Unterschiede bestehen, als zwischen Ihnen oder mir und einem Afrikaner. Was kann man gegen Rassismus tun?
CvW: Genau das klarzumachen. Es gibt keine Rassen, das wurde wissenschaftlich bewiesen. Ich lehne jedoch auch jede Form von radikalem Einsatz gegen Rassismus ab. Der Satz: Black lives matter ist in Ordnung, die Organisation selbst ist es nicht. Sie birgt viele radikale und antisemitische Ansätze, die sehr fragwürdig sind. Im Übrigen finde ich All lives matter auch besser getroffen. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass es keine Unterschiede gibt zwischen Menschen mit anderer Hautfarbe und uns, es ist eine Frage der Erziehung und wie man seinen Kindern den entsprechenden Respekt für andere mitgibt.
Infos: www.paramountqueen.com www.charitymedalghana.com http://www.alavanyo.com
Das Gespräch führte Frank Heinrich

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