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Eine klassische Krippe mit dem Christkind, Josef, Maria, einem Ochs, einem Esel und den drei Weisen aus dem Morgenland. So kennt man sie seit Jahrhunderten. In Spanien, genauer gesagt in Katalonien, gibt es eine eher ungewöhnliche weitere Figur – den Caganer. Übersetzt: das Scheißerchen… Seit dem 17. Jahrhundert bekannt, war es früher ein Bauer mit roter Zipfelmütze und Pfeife im Mund, der in hockender Weise sozusagen den Boden düngte. Eine Art Fruchtbarkeitsbrauch und für das landwirtschaftlich orientierte Katalonien ein wichtiges Symbol, der für Gesundheit und Wohlstand sorgen sollte. Die Kirche selbst fand die Idee seit jeher nicht so prickelnd, hat sich aber dem Volkswillen dahingehend gefügt. Mittlerweile ist es nicht nur ein Bauer, sondern Promis aller Art, inklusive Könige, Regierungsschefs und Papst – schon tot oder noch quicklebendig – werden mit blankem Hintern und dem kleinen Kothaufen darunter produziert. Neu in der Riege: die Umweltaktivistin Greta Thunberg. Dahinter steckt wohl die Idee, dass jeder Mensch, ob arm oder reich, ob unbekannt oder berühmt, mal ‚muss‘. Ein zutiefst menschliches Bedürfnis, wo alle gleich sind. Dazu passt der katalanische Spruch: “Menja bé, caga fort i no tinguis por a la mort!” (“Iss gut, scheiß‘ kräftig und fürchte dich nicht vor dem Tod!”). Die Figuren findet man auf Mallorca in Spezialgeschäften, aber auch auf einigen Weihnachtsmärkten. Infos: www.caganer.com und www.amicsdelcaganer.cat

Der Gesang der Sibil·la
Wenn man an Heiligabend in die Kirche geht, dann wird man den Gesang der Sibylle (El Cant de la Sibil·la) hören. Ein Brauch aus dem Mittelalter. Eine junges Mädchen mit einem Schwert in der Hand trägt die Sibil·la vor, die 2010 auch in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen wurde. Ein komplizierter, eher schwermütiger, fast schon apokalyptischer Text, der auf lateinische Schriften aus den Klöstern im 10. Jahrhundert zurückgeht. Es sind Aussagen einer antiken Seherin, die vom jüngsten Gericht erzählt, vom Ende der Welt, von Flammen, die alles vernichten, von der Sonne, die sich verdunkelt, von Strafen und dem Zorn Gottes. Aber auch von der Belohnung für treue Gläubige und einem christlichen Erlöser. Bis heute spricht man von “sibyllinischen” Worten, wenn man dunkle, mysteriöse Vorahnungen meint. Diese Endzeit-Aussagen waren im Mittelalter typisch, das Ganze wurde samt anderer Propheten und ihren Prophezeiungen fast schon theatralisch inszeniert. Der Kirche war es aber bald zuviel des Dramas und man reduzierte das Spektakel auf eben den Sibyllen-Gesang und erweiterte ihn um eine positive Strophe, die von Jesu Geburt handelt. Durch die Übertragung der lateinischen Texte ins Katalanische wurde es auch ent-mystifiziert und ein wenig volksnaher, fast schon folkloristisch. Besonders schön wird die Sibylle in der Kathedrale und im Kloster Lluc zelebriert.

Der Dicke
Am 22. Dezember, in diesem Jahr ein Sonntag, sitzt nahezu ganz Spanien gebannt vor dem Fernsehschirm – bis auf die paar hundert Menschen, die im Madrider Teatro Real weilen, um die große Weihnachtslotterie-Show live zu sehen. Wobei, eine Show ist es nicht wirklich, aber es geht um viel. Denn immerhin schüttet die größte, seit tatsächlich 1812 aktive Lotterie der Welt, als Hauptgewinn den “Gordo” (Dicken) aus. Ein 200 Euro teures Los ist unterteilt in Zehntel, die sogenannten Decimos â 20 Euro. Beim Hauptgewinn gibt‘s vier Millionen Euro pro Los, also 400.000 Euro pro Zehntel. Und es gibt jede Menge Hauptgewinne. Ausgeschüttet werden etwa 2,5 Milliarden Euro. Jedes Jahr wird ein TV-Spot produziert, in diesem Jahr sind es sogar mehrere, die spanienweit für Aufsehen sorgen – oder Anteilnahme. Die 2019er-Spots rufen Emotionen hervor – man teilt sich ein Gewinnerlos: Der alte Mann, der das Los mit der Frau seines verstorbenen Sohnes teilt. Der Pfleger, der das Los mit einer Patientin teilt, die neuen Lebensmut schöpft. Die Tochter, die mit ihrem Vater ein Los teilt, der ihr nach 40 Jahren die Firma übergibt und in Pension geht – die Losnummer zeigt das Datum der Firmengründung.

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