Ausflug zum größten Vogel Mallorcas

- Anzeige -
- Anzeige -

Auf der Straußenfarm Artestruz werden aus Besuchern glühende Verehrer.

Hochbeinig stakst Jumbo über das Gelände, um die Besucher zu begrüßen. Er hat den absoluten Überblick. Kunststück – mit drei Metern Körperhöhe bis zur Schnabelspitze! Man kann wohl ohne Übertreibung behaupten, dass Jumbo der größte (eingewanderte) Vogel Mallorcas ist. In seiner Straußen-Familie auf der Farm Artestruz nimmt er eine Sonderstellung ein. Als einziger genießt der gigantische Vogel das Privileg, sich frei auf dem Gelände bewegen zu dürfen. Auf die Menschlein, die sich zu der ersten Show des Tages versammelt haben, schaut er interessiert herab. Neugierig pickt er hier und da an einem Jackenknopf und lässt zu, dass Kinder und deren Eltern über seine weichen Federn streicheln. Inzwischen drängen sich seine Brüder und Schwestern am Holzzaun. Dort beginnt Ohad gleich mit seinem Crashkurs über die wundersamen Geschöpfe mit den großen, schönen Augen. Zunächst aber dürfen sich Besucher und Tiere näher kennenlernen. Füttern schafft Vertrauen, also strecken sich emsige Hände aus, die den Straußen ihre Lieblingskörner als Snack anbieten. „Bitte die Handschuhe benutzen“, mahnt Ohad. „Die Kinder nehmen besser die Holzkellen dazu. Schön festhalten!“ Der Hinweis ist berechtigt, denn die immer hungrige Linda will den großen Löffel gleich mit vernaschen. Alle Tiere hier haben einen Namen und werden von Ohad mit ihren Charaktereigenschaften vorgestellt. Christopher ist das Alphatier, Penelope stänkert ein bisschen mit Claudia Schiffer. Die Kinder lachen kreischend. „Pssst“, erinnert Ohad sie geduldig. „Wir sind ruhig, wenn wir mit Tieren zusammen sind.“

Im Straußenpark “Artestruz” auf Mallorca dürfen die kleinen Besucher sogar auf den Tieren reiten.

Vier Menschen und 50 Tiere
Seit 1998 wohnen Ohad, sein Bruder Johnny und deren Eltern auf der Farm bei Campos zusammen mit den Straußen. Die Familie besteht sozusagen aus vier Menschen und 50 Tieren. Ziemlich gleichberechtigt, wie es scheint. Die Idee, eine Straußenfarm auf Mallorca zu gründen, kam Uri Löffler und seiner Frau Josephine vor vielen Jahren in Afrika, wo sie 14 Jahre lang lebten. „Wir begannen mit acht Weibchen und vier Männchen“, erinnert sich Uri. „Im engen Zusammenleben mit den Straußen haben wir über die Jahre alles gelernt, was es zu wissen gibt.“ Dazu gehört, dass man sich ihnen vorsichtig nähert. Denn auch wenn sie auf einer Farm geboren sind, bleiben sie doch Wildtiere. Um den Besuchern die Faszination der großen Vögel zu vermitteln, gibt es zwei bis drei Mal täglich eine Live-Lektion unter freiem Himmel. Erstaunliche Fakten und hautnahe Berührungen sorgen dafür, dass die anfangs oft ahnungslosen Gäste die Farm als glühende Verehrer der Tiere verlassen. „Die Leute kommen mit Furcht und Neugier“, sagt Uri, „dann gehen sie mit Wissen und Respekt.“
Männchen haben Nachtdienst
Ohads Besuchergruppe lauscht beeindruckt den Erklärungen. Für die Erwachsenen räumt er gleich mit dem Vorurteil auf, dass der Vogel Strauß bei Gefahr seinen Kopf in den Sand steckt. „Er läuft eher davon, wenn es brenzlig wird, und zwar mit einer Geschwindigkeit von 80 km/h. Seine scharfen Augen können Feinde schon in einer Distanz von 3,5 Kilometern ausmachen.“ Aber auch für den Nahkampf ist er ausgerüstet: Ein Tritt von ihm genügt, um einen Löwen zu töten. Die fachkundigen Kinder horchen besonders auf, wenn es um die Stammesgeschichte geht. „Welcome to Jurassic Parc“, schmunzelt Ohad. Eben hat er erläutert, dass Strauße seit 75 Millionen Jahren ihre praktische Form einschließlich Federnbeschaffenheit und prähistorische Kralle nicht geändert haben, als es aus den Reihen der kleinen Experten wie aus der Pistole geschossen kommt: „Also wie ein Velociraptor?“ Dann bittet Ohad eine der anwesenden Straußendamen, sich für eine Demonstration zur Verfügung zu stellen. Die erste hat keine Lust darauf, die zweite spreizt gnädig ihren Flügel ab. „Damit können Straußen zwar nicht fliegen, aber nutzlos sind sie dennoch nicht. Sie dienen als Stabilisatoren, um bei höchster Geschwindigkeit die Balance zuhalten, als Bremse, um ihre Eier im Gelege zu kühlen und natürlich um andere Tiere einzuschüchtern.“ Ohad macht weiter mit seinen Fun-Facts und erwischt jetzt die Aufmerksamkeit der High-Performance-Manager unter den Zuhörern. „Strauße schlafen am Tag maximal 20 Minuten, aber nie am Stück. Immer mal ein Powernap von 5 Sekunden oder 3 Minuten. Sie sind ständig auf der Hut, um zu checken, was um sie herum vorgeht.“ Auch bei den Infos über das Familienleben stößt Ohad auf reges Interesse: „Es gibt pro Männchen ein großes Nest, dort hinein legen alle Hennen ihre Eier. Aber nur das Alpha-Pärchen brütet das Gelege aus. Tagsüber das Weibchen, das mit seiner grau-braunen Färbung die bessere Tarnung hat, nachts übernimmt das schwarz-gefiederte Männchen.“

Auf der Straußenfarm “Artestruz” in Mallorca.

13 Omeletts aus einem Ei
Straußeneier wiegen durchschnittlich 1,5 Kilogramm. Aber ein Ei von der Farm Artestruz schaffte es im Mai 2004 sogar, den Guinness-Rekord zu brechen. Das Super-Ei brachte genau 2,371 Kilogramm auf die Wage. Damals rechnete Mallorcas Vorzeigekoch Marc Fosh vor, was man mit dem Ei alles anfangen könnte, das dem Gewicht von 37 Hühnereiern entsprach: 18 Portionen Rührei, 13 Omelettes oder 3,5 Liter Sauce Béarnaise. Uri erinnert sich stolz an diesen Erfolg und gefragt nach dem Geheimnis sagt er nur: „Gute Bedingungen und viel Liebe zu den Tieren.“


Die Stachelschwein-Tarnung
Die Gruppe spaziert hinüber zum Gehege des Nachwuchses. Ganz vorsichtig dürfen die Besucher es betreten und hocken nun zwischen den vier Wochen alten „Babys“, die den Kindern immerhin schon bis zu den Knien reichen. Bei der dicken Schale der Eier verwundert es nicht, dass die Küken 48 Stunden brauchen, um sich ins Freie zu picken. Wer so eine Tortur durch hat, wird auch ziemlich schnell selbstständig. Nach acht Tagen können kleine Strauße sich selbst ernähren, nach drei Monaten laufen sie schon mit einem Speed von 50 km/h. Jetzt sind sie aber ganz unaufgeregt. Sie lassen sich mit frischem Grünzeug füttern und über ihr widerborstiges Gefieder streicheln, mit dem sie aussehen wie Mini-Stachelschweine. Eine clevere Tarnung!

Wie die Mode den Strauß tötete
Strauße werden schon seit 150 Jahren gezüchtet. Als im 18. Jahrhundert in Europa Straußenfedern als Hutschmuck in Mode kamen, sorgte die Jagd auf den großen Vogel für den Niedergang der frei lebenden Population. Der Afrikanische Strauß wurde in einigen Gebieten ausgerottet, der arabische Strauß gilt als ausgestorben. Die erste Straußenfarm entstand 1838 in Südafrika, im 20. Jahrhundert erlebte sie einen regelrechten Boom in Südamerika und auch in Europa. Nur dass es jetzt nicht mehr um Federn geht, sondern um die Fleisch- und Lederproduktion. In Artestruz leben Jumbo, Christoph, Penelope, Claudia Schiffer und die anderen Strauße allerdings ein sorgenfreies Leben. „Unsere Farm konzentriert sich auf die Eier“, beruhigt Uri. „Die nutzen wir, um daraus Souvenirs herzustellen.“ Die Familie ist ziemlich begabt, wie man aus den bemalten und gravierten Kunstwerken schließen kann, die in dem kleinen Shop angeboten werden. „Das Leder für die Taschen und Schuhe importieren wir“, sagt Uri, „genau wie die Steaks für das Barbecue. Das kommt aus Zuchtfarmen, die darauf spezialisiert sind.“ Ganz billig ist das alles natürlich nicht. Während das Menü ab 14 Euro beginnt, kosten die Lederwaren einiges mehr. Schuhe sind ab 95 Euro zu haben, Taschen können bis zu 4.000 Euro kosten. „Aber es sind alles Unikate“, versichert Uri, „echtes Kunsthandwerk.“
Hoch zu Strauß
Relativ kostspielig ist auch das Vergnügen, einmal auf einem Strauß zu reiten. Dafür stellt sich Jumbo zur Verfügung. Trotz seiner gigantischen Ausmaße ist er ein geduldiger Geselle. Auf seinen Rücken darf aber nur, wer nicht mehr als 50 Kilogramm wiegt. Als sich ein mutiges Kind bereit findet, übernehmen Ohad und Johnny die Begleitung. Jumbo beäugt den Jungen, der ihn zunächst einmal streichelt. Wenn beide – Strauß und Kind – sich sympathisch sind, darf der kleine Reiter aufsitzen. Ohad und Johnny gehen nebenher, beruhigen und korrigieren die Sitzhaltung, damit sich weder Mensch noch Tier verletzen. Dann darf Jumbo endlich auch mal ein paar schnellere Laufschritte machen. Augenscheinlich haben beide großen Spaß an dem Rennen.
Am Nachmittag, wenn die letzten Gästen gegangen sind, ist auf einmal alles wieder ruhig auf der Farm. Zu ruhig, wenn es nach Jumbo geht. Er stelzt hinüber zum Zaun, reckt seinen Hals über das Tor und hält Ausschau nach den Besuchern. Keiner mehr da. Geradezu enttäuscht lässt sich Jumbo am Gatter nieder. Nun muss er bis morgen warten, damit er wieder seinen Auftritt vor Publikum genießen kann.

Christiane Sternberg, Fotos Marcos Gittis
Artestruz Farm bei Campos Tgl. Touren im Winter: 11 Uhr und 12.30 Uhr (ca. 1,5 h), So geschl. Eintritt: 12 €, Kinder 7 € 15 Minuten Reiten + T-Shirt: 40 € www.artestruzmallorca.com

- Anzeige -