Zu Besuch bei den Glaskünstlern von Lafiore

Jetzt nur nichts falsch machen! Immer wieder geht mir der Gedanke durch den Kopf, während ich darauf warte, das Blasrohr an den Mund setzen zu können. Mario und José bereiten mit routinierten Handgriffen alles dafür vor, dass ich heute meine eigene Glaskugel für den Weihnachtsschmuck fabrizieren kann – mundgeblasen (25 €). Eben durfte ich mir noch die Farbe aussuchen, jetzt erhitzt José den mit Farbstaub gepuderten glühenden Glastropfen noch einmal im Ofen. Inzwischen schärft Mario mir ein: „Achte auf meine Anweisung – mal mehr, mal weniger stark blasen.“ Dass ich das Blasrohr währenddessen auch noch gleichmäßig drehen soll, habe ich im nächsten Moment schon wieder vergessen, so sehr konzentriere ich mich darauf, dass exakt nur so viel Luft durch den hohlen Metallstab gelangt, wie Mario es anordnet. Mit aufgeplusterten Wangen sehe ich in 1,20 Meter Entfernung vor mir, wie sich das Glas wölbt und wächst. „Stopp!“, ruft Mario und vollendet „meine“ Kugel, indem er sie vom Stab trennt und mit einer geschwungenen Öse krönt, an der ich die Dekoration später aufhängen kann. Mitnehmen kann ich sie allerdings noch nicht, die Ware ist zu heiß. Bei 1.200 Grad Celsius wurde das Glas geformt, in einem speziellen Ofen kühlt es nun bis Schichtschluss auf 500 °C herunter und erst am nächsten Morgen ist die Kugel dann soweit, dass ich sie in Empfang nehmen kann. „Das langsame Abkühlen nimmt die Spannung aus dem Glas, sonst würde es in tausend Stücke zerspringen“, erklärt mir Mario die lange Prozedur.

Jeder kann sich hier als Glasbläser versuchen, aber normalerweise geben sich Besucher damit zufrieden, den Kunsthandwerkern bei ihrer Arbeit zuzuschauen. Gerade in der kalten Jahreszeit ist die Werkstatt mit den heiß bullernden Öfen ein Besuchermagnet. Neugierig stehen ganze Familien um die Absperrung herum und schauen fasziniert zu, wie aus einer rotglühenden Perle vor ihren Augen innerhalb von zehn Minuten plötzlich Karaffen, Leuchter oder Gläser entstehen.
Mario wirft einen Blick auf die Auftragsliste von heute und nimmt sich die nächste Bestellung vor. Schon wieder sind seine Hände unaufhörlich in Bewegung. Drehen, immer weiter drehen. Hat die Glasmacherpfeife, so der korrekte Ausdruck für das Blasrohr, erst einmal das flüssige Glas im Ofen aufgenommen, darf sie bis zur Fertigstellung der Schale keinen Moment stillstehen.

Die Handbewegung ist Mario im Laufe der Jahre in Fleisch und Blut übergegangen. Während er dem Glas mehr Volumen einbläst, es in Farbpartikel taucht, in gusseisernen Mulden formt, zwischendurch wieder erhitzt und mit eisernen Gerätschaften die elegantesten Designs gestaltet, drehen seine Finger unablässig die Stange, an deren Ende ein fragiles Kunstwerk entsteht. Der Glasbläser formt aus der flüssigen Masse, die im Brennofen wabert, reinste Poesie.
„Am schwierigsten sind Trinkgefäße.“
Seit einem Vierteljahrhundert steht Mario Moncada (45) in dieser Werkstatt. Bevor er selbst Meister wurde, hat er zehn Jahre lang als Helfer die Assistenzen erledigt. So ein Tandem arbeitet mit aufeinander abgestimmten Handgriffen, die jede Anweisung überflüssig machen. Was heute José für Meister Mario mit sicherer Hand erledigt, hat Mario selbst zehn Jahre lang ausgeübt. „Davon habe ich allein ein Jahr lang in der Hocke gesessen und geblasen, während der Meister auf der Bank die Werkstücke gerollt und bearbeitet hat.“ Es dauert lange, bis sich die Sicherheit einstellt, glühende Materie in ein wohlgeformtes Objekt zu verwandeln. „Am schwierigsten finde ich es, Trinkgläser zu machen.“ Trinkgläser, ehrlich? Das kann doch nicht so kompliziert sein! Mario nickt bedächtig. „Das nicht, aber Farbe und Größe einer Sorte müssen möglichst gleich sein. Die Kunden sind es von den industriell hergestellten Gläsern gewöhnt, dass alle identisch sind. Was wir produzieren ist jedoch Handwerk, da kann es schon zu Abweichungen kommen.“ Solche Unebenheiten sind also sozusagen ein Qualitätsmerkmal, ein Zeichen dafür, Kunsthandwerk erworben zu haben statt Produkte von der Stange (Trinkgläser ab 13 €, Glas-Tischset ab 22,50 €, Vase ab 30 €).
Wichtigstes Utensil des Glasbläsers ist … Wasser
Für wirklich knifflige Gebilde bekommen Mario und José einmal in der Woche kompetente Hilfe. Immer samstags stellt sich Andres Mayrata (69) in der Werkstatt ein und übernimmt die „schweren Fälle“. Er hat selbst 42 Jahre lang bei Lafiore gearbeitet, bevor er in den Ruhestand ging. Der ist ihm allerdings nicht gut bekommen. „In den ersten zwei Jahren nach der Pensionierung war ich furchtbar nervös, weil mir etwas fehlte. Seitdem komme ich einmal in der Woche her, um zu helfen.“ Mario assistiert seinem ehemaligen Meister heute dabei, eine Kelch-Lampe zu gestalten. Wenn das Glas am oberen, breiten Rand der Öffnung zu dünn wird, verformt sich das hohe Gefäß und die ganze Arbeit war umsonst. Aber bei Andres gibt es keinen Ausschuss – gelernt ist gelernt. Seit er sieben Jahre alt ist, hat er in der Werkstatt von Menestralia gearbeitet, um seine sechs Brüder mit zu ernähren.
Mit nur 14 Jahren stieg er schon zum Meister auf. Ruhig und mit großer Sicherheit gestaltet Andres selbst die verzwicktesten Formen und Verzierungen. In schneller Abfolge kommen dabei die Arbeitsgeräte zum Einsatz: Scheren, Zangen, hölzerne Formbretter. Auf die Frage, was denn das wichtigste Utensil für einen Glasbläser ist, antwortet Mario ohne Zögern: „Wasser!“ Angesichts meines erstaunten Blicks schiebt er auch gleich die Erklärung hinterher: „Bei einem Unfall muss Wasser griffbereit sein, um Verbrennungen zu mildern. Außerdem brauchen wir Wasser, um das Glas vom Blasrohr zu trennen. Der Werkstoff ist ja flüssig und lässt sich nicht schneiden. Also tauchen wir die Pinza (Zange) ins Wasser, bevor wir den Hals damit berühren. An dieser Stelle kühlt sich das Glas ab, wir schlagen leicht dagegen und können das Werkstück abtrennen. Und nicht zu vergessen – in dieser Hitze braucht man viel Flüssigkeit. Ich trinke fünf Liter während einer Schicht.“


Ein Startup wie Phönix aus der Asche
Mario ist seinem Handwerk ebenso tief verbunden wie der alte Meister. Selbst im Urlaub besucht er Glasbläsereien überall auf der Welt und bringt sich immer ein Stück Glaskunst mit. Doch im vergangenen Jahr sah es so aus, als würde er seine geliebte Werkstatt verlassen müssen. Die Zeiten für traditionelles Handwerk sind prekär. Im November 2017 schloss die Manufaktur ihre Pforten, vier Meister und zwei Helfer mussten gehen. Mario sah sich schon nach Alternativen um, als ihm der Chef anbot, auf eigene Kosten weiterzumachen. Seither sind Mario und José selbständige Unternehmer und verkaufen ihre zerbrechlichen Herrlichkeiten an „Lafiore“.
Denn aus der einstigen Glasmacherei gleichen Namens ist nun eine Marke geworden, die losgelöst von der Werkstatt agiert. Der Showroom nebenan präsentiert sich als stylischer Interior-Store. Gedeckte Tische, die Sektkelche und gläserne Tischsets ins rechte Licht rücken, elegant drapiert mit Blumenschmuck und beleuchtet von hauseigenen Kronleuchtern. In den Vitrinen ringsum changiert die Glaskunst dem neuen Farbkonzept folgend in sieben Tönen von grün bis violett. Neu ist aber nicht nur die Präsentation der Waren, sondern auch die Zusammenstellung der Kollektion. „Unser Ziel ist es, vermehrt mit anderen Kunstgewerken der Insel zusammenzuarbeiten“, erklärt Sónia Torres. Die junge Frau ist seit April 2018 Projekt-Managerin von Lafiore, das jetzt unter dem Label „Lifestyle-Store“ agiert. „Glas bleibt natürlich ein großer Bestandteil des Angebots, aber auch Keramik, Holzkunst, Textilien und innovative Sachen wie ökologische Kosmetik kommen Schritt für Schritt hinzu.“ In der Auslage finden sich tatsächlich auch Korbtaschen, Gewürzsalze und sogar Hosenträger und Krawatten aus dem Mallorca typischen Zungenstoff.
An der Glasbläserei hat sich dagegen nichts geändert. In stillem Einvernehmen erschafft das eingespielte Team ein Stück nach dem anderen. Und wir können dabei zusehen, wie Alltagsgegenstände, mit denen wir uns täglich umgeben, hergestellt werden – fast unverändert seit 2000 Jahren. Wenn wir zu Weihnachten am festlich gedeckten Tisch anstoßen, sollten wir vielleicht einen Trinkspruch auf das Fortbestehen der Glasmacherkunst ausbringen: „Glück und Glas – wie leicht bricht das!“
Christiane Sternberg, Fotos Marcos Gittis

 

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