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Früher ein Ort der Scham, heute ein modernes Kreditinstitut. Das Pfandhaus Monte de Piedad in Palma nimmt Schmuck und Uhren in Zahlung. In nur 20 Minuten ist der Kunde wieder flüssig und hat 12 Monate Zeit, seinen Besitz einzulösen.

Ringe die zur Versteigerung freigegeben sind, werden in einer Vitrine im Pfandhaus Monte de Piedad in Palma de Mallorca ausgestellt.

Wer das Gebäude Nummer 5 in der Carrer de la Vinyassa betritt, braucht Geld. Und zwar schnell. Eine Frau hat zu Hause den von Oma geerbten Schmuck eingepackt, ein anderer muss sich von einer kostbaren Uhr trennen, die er sich in besseren Zeiten noch hatte leisten können. Im Pfandhaus zu Palma herrscht nicht gerade Andrang, aber immerhin betreten täglich etwa 40 Klienten das geräumige, elegante Foyer, das mit Säulen aus der Bank von Spanien bestückt ist. Freundlich wird jeder vom Sicherheitsmann begrüßt und auf die Reihe der Wartesessel verwiesen. Das Monte de Piedad verströmt den Geist des 21. Jahrhunderts und hat rein gar nichts mit der althergebrachten Vorstellung zu tun, dass arme Leute ihre letzte Habe in ein halbseidenes Leihhaus bringen, das mit seinen vollgestopften Vitrinen an den Wänden eher einem AntiquitätenHöker ähnelt.

Erste Schätzung eines Ringes im Pfandhaus Monte de Piedad in Palma de Mallorca.

Schneller als die Bank erlaubt
Die junge Frau, die jetzt an der Reihe ist, legt ein kleines Häufchen Schmuck auf die Durchreiche am Schalter. Die Gutachterin nimmt Ketten und Ringe entgegen und wirft durch die Lupe einen Blick darauf. Nacheinander durchläuft der Schmuck die Echtheitsprobe im Säuretest, wird gewogen und fotografiert. Taxiert wird nicht nur das Material, sondern auch der künstlerische oder historische Wert eines Schmuckstücks. Die Kundin legt ihren Ausweis vor, der Vertrag wird sofort ausgestellt. Die Unterschrift ist noch nicht ganz trocken,
da hält sie schon 495 Euro in Händen. Knapp 20 Minuten hat der Vorgang gedauert. Nicht zu vergleichen mit der Prozedur, der man sich in einem Bankinstitut unterziehen muss, um flüssig zu werden. Die Pfänder werden in Tüten versiegelt, beschriftet und mit einem Barcode versehen. Ein Jahr lang lagern sie hier in einem Tresor und warten darauf, vom Besitzer wieder eingelöst zu werden.

Natalia Segura hinter einem der vier Schalter des Pfandhauses Monte de Piedad in Palma de Mallorca.

Teil des Wirtschaftskreislaufs
Aber wer sind denn nun die Menschen, die persönliche Wertsachen gegen Bares eintauschen? „Es gibt nicht mehr das Bild von jemandem, der so arm ist, dass er seine Hose mit einem Seil zusammenhalten muss“, sagt Ana Pombo, eine der drei Gutachter in Palma. Vielmehr kommen Geschäftsleute, bei denen Steuern fällig werden, Hausbesitzer, die ausbauen wollen, Familien, denen die Autoreparatur gerade ein Loch in die Haushaltskasse reißt. Stammkunden sind Händler, die mit Kleidung oder Taschen über die Märkte tingeln und die am Anfang der Saison den Kauf der Ware finanzieren müssen. Am Jahresende lösen sie mit den Einnahmen ihre Pfänder wieder aus. „Das ist hier auf Mallorca ganz normal, wir sind sozusagen Teil des Wirtschaftskreislaufs“, sagt Pombo. Kredite werden ab 50 Euro vergeben, Summen über 12.000 Euro müssen vom Haupthaus in Madrid bestätigt werden.

Auch eine goldene Erinnerungsmünze von den Wiener Philharmonikern fand ihren Weg ins Pfandhaus in Palma de Mallorca.

Für ein Gramm Gold gibt es 17 Euro
Seit 2017 ist das Pfandleihhaus Teil der Stiftung „Fundación Montemadrid“, zu dem auch Häuser in Granada, Córdoba und Alicante gehören, und hat mit diesem Wechsel das vormalige historische Domizil verlassen, um die modernen Geschäftsräume zu beziehen. Seine Geschichte auf Mallorca reicht bis zum Jahr 1882 zurück. „Es wurde geboren, um den Wucher der Kreditgeber zu bekämpfen, die sehr hohe Zinssätze verlangten“, erzählt Ana Pombo. „Früher war es beinahe ehrenrührig, ein Pfandhaus zu betreten. Herrschaften schickten ihre Angestellten, um nicht dabei gesehen zu werden, wie sie ihr Familiensilber versetzen.“ Bis vor ein paar Jahrzehnten hat das Monte de Piedad auch Schreibmaschinen, Nähmaschinen oder selbst Stoffe in Zahlung genommen. Jedoch schreitet der Werteverfall vor allem bei technischen Geräten inzwischen so rasant fort, dass nur noch Gold, Silber, edle Steine und kostbare Uhren angenommen werden. Als Pfand wird für Gold 17 € pro Gramm gezahlt, beim Verkauf in einschlägigen Goldankauf-Geschäften kann das Gramm bis zu 24 € bringen. Allerdings sind die Erbstücke dann auch futsch. Neben den klassischen Preziosen, wie den typisch mallorquinischen Goldarmbändern und Ketten, von denen, wie Pombo versichert, jede Mallorquinerin mindestens eins zu Hause hat, gehen auch ausgefallene Gegenstände vorübergehend in fremden Besitz über – die vergoldete Panflöte eines Scherenschleifers, goldene Brillen oder exotischer Schmuck von afrikanischen Kunden. Einen Eigentumsnachweis muss niemand für die Sachen erbringen, die er hier versetzt. Mit der Unterschrift bestätigt jeder, dass ihm die Stücke gehören. „Wir geben sowieso jede Woche eine Liste mit den Pfändern an die Polizei. Da kommt schnell heraus, ob etwas faul ist“, beschreibt Pombo das Prozedere.

Die Zinsen fließen in soziale und kulturelle Organisationen
„Wir sind ein Traditionsunternehmen, die Leute wissen, dass sie uns vertrauen können“, betont sie. Niemand muss befürchten, übers Ohr gehauen zu werden. Der niedrigste Jahreszins liegt hier bei 6 Prozent, der höchste bei 11 Prozent. Die Zinsen werden normalerweise beim Einlösen des Pfands entrichtet, können aber auch monatlich zurückgezahlt werden. Von den Zinserträgen unterstützt die Fundación Montemadrid gemeinnützige Organisationen. Bisher zwar nur solche in anderen Regionen von Spanien, aber es soll künftig auch eine Zusammenarbeit mit Institutionen auf den Balearen geben.

Das sozial ausgerichtete Pfandhaus Monte de Piedad (Berg der Barmherzigkeit) ist eine 1775 gegründete Institution und Spanien zweitälteste eingetragene Firma. Hier die Webseite mit den Angeboten zur Versteigerung.

Der Berg der Barmherzigkeit
Wenn nach einem Jahr und einem Monat die Pfandware nicht eingelöst wird, kommt sie in die Versteigerung. Solche finden heutzutage nur noch in Madrid mit Publikum statt, der Rest wird über die Website der Stiftung abgewickelt. Nur ein ganz kleiner Anteil der beliehenen Pfänder, lediglich 5 Prozent, wird nicht wieder ausgelöst. Diese Exemplare kommen dann zur Auktion, um das verliehene Geld auf diesem Umweg wieder einzutreiben. Wenn ein Exponat bei der Versteigerung einen Wert erzielt, der über die geliehene Summe hinausgeht, wird die Differenz an den vormaligen Besitzer ausgezahlt. Auch an dieser Stelle macht das Monte de Piedad seinem Namen als „Berg der Barmherzigkeit“ alle Ehre.
Monte de Piedad Balears
C/. de la Vinyassa 5, Palma
Mo-Fr 8.15 bis 14 Uhr
Tel: 902 001 702 oder 971 009 945
Online-Versteigerung: https://subastas.montedepiedad.es
Christiane Sternberg, Fotos: Marcos Gittis

Interview mit Santiago Gil de la Rosa, Direktor von Monte de Piedad, MonteOro y Subastas, Madrid
EL AVISO: Wie viele Kredite in welchem Umfang werden auf Mallorca vergeben?
Santiago Gil de la Rosa: Im Jahr 2018 haben wir 6.566 Darlehen mit einem Kreditbetrag von 5.128.313 € an 3.657 Klienten vergeben. Das sind durchschnittlich 781 € pro Darlehen.
EA: Ab wann werden Gelder aus Mallorca direkt in Projekte auf den Balearen fließen?
SGR: Wir sind eine unabhängige gemeinnützige Organisation, die sich für die Verbesserung des Lebens der Bürger durch Projekte in den Bereichen Soziales, Bildung, Kultur und Umwelt einsetzt. Daher prüfen wir die verschiedenen Angebote, die in diesem Umfeld bestehen, um in nicht allzu ferner Zukunft dort aktiv zu werden.
EA: Warum wurden – bis auf Madrid – die Präsenz-Auktionen abgeschafft und finden nur noch im Internet statt?
SGR: Diese Entscheidung geht auf die Zeit vor der neuen Etappe des Pfandhauses auf der Insel zurück. Es ist erklärtes Ziel, dass das Monte de Piedad in Palma wieder mindestens eine jährliche Präsenzversteigerung durchführen wird. Wir befürworten Auktionen und glauben, dass die Insel diese Möglichkeit begrüßen würde.

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