Der Gelsenkirchener Künstler Christian Nienhaus hat sich auf Mallorca ein zweites Atelier eingerichtet. Bei Ausstellungen vor Ort erklärt er den Besuchern persönlich seine Bilder.

Mallorca scheint ihm gut zu bekommen. Von dem Stress, vor dem Christian Nienhaus aus seiner Heimat, dem Ruhrgebiet, regelmäßig in das beschauliche Canyamel flieht, ist nichts mehr zu spüren. Er lächelt freundlich und führt auf seiner Finca durch das Erdgeschoss in den Garten, quer über den Rasen, auf dem eine große, silbern glänzende Schildkröte sitzt, direkt in sein Atelier. Offen, hell, mit direktem Blick nach draußen.

Mitten aus dem Pott
Der 43-Jährige stammt aus Gelsenkirchen, mitten aus dem „Pott“. Den Menschen von dort sagt man Bodenhaftung und eine gewisse Beständigkeit nach. Seiner Heimat ist er nach wie vor treu, auch wenn er sonst viel herumreist und sich auf Mallorca ein zweites Refugium erschaffen hat. Christian Nienhaus hatte viel Glück. Seine Eltern ließen ihn gewähren, sodass er sich ausprobieren konnte. Zunächst im Modestudium, was ihn aber nicht vollends befriedigte, dann wechselte er zur Modernen Malerei an der Ruhrakademie. Detlef Bach wurde sein Meister und er sein wissbegieriger Schüler. Seitdem experimentiert er. Seine fotorealistischen Bilder sind farbgewaltig, realistisch und gleichzeitig abstrakt. Und sie erzählen Geschichten in vielen Schichten. Wenn ihm die Leinwand nicht genug ist, wechselt er auch in die Objektkunst.

Ein Tagebuch mit Farben
Die Ausstellung „Vermessung der Zeit“ auf seiner Finca bei Canyamel endet an diesem Tag. Hat Mallorca seine Art zu malen verändert? „Die Farben sind kräftiger geworden, seit ich hier male. Ich verwende mehr Blautöne, das Türkis des Meeres. Die Hitze der Insel drücke ich farblich aus. Das Licht hier lädt mich anders auf.“ Auf der rechten Seite seines Ateliers hängt ein Bild, fast zwei Meter auf zwei Meter groß. Viel Türkis, eine wilde dunkle Flosse, Glanz. “Das, was hier ganz klein, ein wenig silbrig glänzt, sind zerschredderte Geldscheine aus der Zentralbank, verdeckt von einer Schicht Schellack und Aceton, darüber 30 Gramm leichtes Chinapapier.“ Eine schwere, dunkle Schwanzflosse hebt sich aus dem Farbenmeer empor und scheint wild um sich zu schlagen. „Ich habe ein stark ausgeprägtes ikonisches Gedächtnis“, sagt Nienhaus. Das bedeutet, dass visuelle Eindrücke sich bei ihm nicht so schnell wie üblich verflüchtigen, sondern quasi ein- und festbrennen.
Christian Nienhaus rückt den inneren Bildern mit seiner Art der Bewältigung zu Leibe. Das tut er, in dem er dem inneren Bild viele neue Schichten und Eindrücke hinzufügt, es indirekt übermalt. Für ihn ist es noch sichtbar, für den Betrachter schwer zu erkennen. „Es ist wie Tagebuch schreiben, nur mit Farben“, sagt der Maler.

Die private Galerie
Die Ausstellungen auf der Finca sind sehr persönlich. Die Bilder hängen im Flur, über dem Kamin, sogar oben im ersten Stock und im Garten, passend eingebettet in die Umgebung. Christian Nienhaus führt die Besucher selbst durch die Räume und erklärt ihnen die Bilder. Neben dem Pool hängt ein Bild, das fast mit den Pflanzen des dahinter stehenden Oleander mit seinen rosa Blüten verschwimmt. Eine auf dem Bauch liegende Frau, das Gesicht zwischen den Händen vergraben, scheint vom Wurzelwerk der sie umgebenden Bäume auf dem Bild aufgefressen zu werden. Das Grün-Türkis des Bildes geht nahtlos in das Grün der realen Pflanzen in Christian Nienhaus´ Garten über. Die Freiheit, die seine Eltern ihm schon früh vermittelten, schätzt er nach wie vor. Er ist an keine Galerie gebunden, seine Werke verkauft er selbst.

Farbe, Fußball, Kinder und ein riesiges Bild
Dann erzählt er noch von einem geplanten Projekt. Einem besonderen, das ihn mit seiner Heimat verbindet. Wer aus dem Ruhrgebiet kommt, hat oft eine besondere Beziehung zum Fußball. Schalke ist dort nicht irgendein Verein. Er bastelt an einer Idee, gemeinsam mit dem Guiness Buch der Weltrekorde. Das weltweit größte Bild soll entstehen. Der Fußball und das Stadion „auf Schalke“ werden darin eine wesentliche Rolle spielen. Viele fußballfreudige Jungs und Mädchen bekommen einen kleinen Farbrucksack auf den Rücken geschnallt, aus dem langsam die Farbe in einem feinen Strahl herausrinnt. Sie spielen Fußball und das Farbrinnsal markiert ihre Laufwege. Ein Bild aus kreuz- und querschießenden Farbwegen wird das Ergebnis sein. Aber keiner hängt ein Bild, so groß wie ein Fußballstadion, auf. Daher wird das Werk zuerst in seiner Gesamtheit fotografiert und dann in 1 x 0,60 Meter große Einzelteile zerschnitten. Die Teilwerke des Gesamtkunstwerks sollen verkauft werden – für einen guten Zweck. Aber ein wenig Geld fehle noch, bis das Projekt realisiert werden könne, sagt Nienhaus. Reisen, Malen, Projekte planen. Für diese Tätigkeiten braucht es Kraft und Energie. Wo könnte man diese besser aufladen, als in der friedlichen Oase bei Canyamel? www.christian-nienhaus.de
Dorothee Kammel

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