Susanna Moll Kammerich ist seit 2019 eine von drei Senatsmitgliedern für Mallorca in Madrid. Die Spitzenpolitikerin der PSOE kommt aus einer Politiker-Familie und war zuvor im Stadtrat der Gemeinde Palma Dezernentin für Bildung und Sport. Sie ist Vizepräsidentin der Kommission für Industrie, Tourismus und Handel sowie in den Ausschüssen für Gesundheit, Verbraucher und Soziales, Iberoamerikanische Angelegenheiten und Bildung.

EL AVISO: Sie stammen aus einer mallorquinisch-deutschen Familie und sind mit 13 Jahren nach Mallorca gekommen. Wie fühlen Sie sich, mehr als Mallorquinerin oder als Deutsche?
Susanna Moll Kammerich: Ich fühle mich eigentlich als eine Mischung. Meine erste Schulbildung habe ich in Deutschland genossen, und auch die sehr bewusste Erziehung einer deutschen Mutter. Mit bewusst meine ich, dass es für meine Mutter ihre Lebensaufgabe war, ihre drei Töchter zu erziehen und zu leiten. Und als Deutsche hat uns das natürlich sehr in der deutschen Kultur geprägt. Als wir dann nach Mallorca zogen, haben wir auch die spanischen und mallorquinischen Gebräuche und deren Weltanschauung eingegliedert.

EA: Ihre Familie ist in der dritten Generation in unterschiedlicher Form mit Deutschland verbunden. Wie ist Ihr Blick auf die Deutschen, die ja in unübersehbarer Anzahl auf Mallorca vertreten sind?
SMK: Ich habe 25 Jahre im Familienverlag Editorial Moll gearbeitet, da habe ich sehr wenig Kontakt mit den hier lebenden Deutschen oder Touristen gehabt. In den letzten Jahren, als Politikerin, hat sich das ein wenig geändert. Ich glaube, viele Deutsche, die Mallorca als zweite Heimat gewählt haben, versuchen, sich zu integrieren und auch an dem Leben und den Gebräuchen des Landes teilzuhaben. Andererseits gibt es immer mehr deutsche Reisende, die auch auf Mallorca einen alternativen Tourismus suchen: Sport, Wandern, Landschaft, Altstadt, Kultur, usw. Die Art von Massentourismus, der wir versuchen Einhalt zu gebieten, muss langsam weniger werden.

Susanna Moll Kammerich mit Senator Cosme Bonetc

EA: Sie haben schon als Stadträtin und Dezernentin in Palma den Massentourismus kritisiert. Wir sind gerade in einer erzwungenen Krise, ohne Touristen. Ist die Abkehr vom Massentourismus wirtschaftlich überhaupt denkbar?
SMK: Natürlich ist uns allen bewusst, dass die mallorquinische Wirtschaft hauptsächlich vom Tourismus abhängt, aber die Corona-Krise wird uns sowieso zwingen, unsere gesamte Lebenseinstellung umzudenken. Wir müssen ein Modell finden, dass sich mit den neuen Umständen vereinbaren lässt. Wir müssen einen nachhaltigen Tourismus aufbauen, und andererseits sollten wir wahrscheinlich auch überlegen, ob wir weiterhin nur der Strand und Urlaubsort der Europäer sein können, oder ob wir nicht auch Alternativbranchen entwickeln sollten, wie mehr Landwirtschaft für lokalen Verbrauch und Kleinindustrie.

EA: Als linke Politikerin haben Sie mit Blick auf die großen Hotelkonzerne eine gerechtere Verteilung des Reichtums gefordert. Ist das in der Realpolitik und als Spitzenpolitikerin noch ein Thema?
SMK: Für uns Sozialdemokraten wird eine gerechtere Verteilung des Reichtums immer DAS Thema sein und gerade jetzt, in der Corona-Krise, sehen wir, wie wichtig es ist, einen starken Sozialstaat hinter sich zu haben, der das öffentliche Gesundheitswesen garantiert und die Arbeiterklasse in einer so schweren Situation schützt. In einer technologischen Welt, in der immer mehr Arbeiten von Maschinen geleistet werden, müssen wir erst recht für eine gerechtere Verteilung des Reichtums sorgen und müssen Maßnahmen treffen, um dieses Ziel zu erreichen.

EA: Wie kann man die Aufgaben einer spanischen Senatorin beschreiben? Mit der PSOE sind Sie die größte Fraktion und haben mit dem Senat Vetorecht bei Gesetzesvorlagen. Was bedeutet das für politische Entscheidungen?
SMK: Der spanische Senat ist eine Kammer für die zweite Lesung bei Gesetzesvorlagen und für die Kontrolle der Regierung. Damit hat der Senat, wie Sie schon sagen, Vetorecht bei Gesetzentwürfen, was natürlich nur vorkommt, wenn die Opposition im Senat absolute Mehrheit hat. Als Mitglieder der Regierungspartei, unterstützen die PSOE-Senatoren die Initiativen unserer Regierung. Auch die Kontrolle wird mehr durch die Parteien der Opposition als durch die Abgeordneten der Regierungsparteien ausgeübt. Darüber hinaus haben wir allerdings einen direkteren Kontakt mit Staatssekretären und Ministern, und als Mitglieder der verschiedenen Ausschüsse lassen wir ihnen unsere Hinweise und die Schlussfolgerungen unserer Besprechungen zukommen und haben Sitzungen mit ihnen, um Information und Meinungen auszutauschen. In diesem Sinne ist es natürlich auch wichtig, dass der Senat eine Landeskammer ist, und jeder von uns dabei im Interesse seines Landes spricht. Trotzdem glauben die meisten von uns, dass der spanische Senat eine Reform benötigt, um aus ihm eine effektivere Kammer für die Vertretung der Interessen der verschiedenen Provinzen zu machen, und dabei wird der deutsche Bundesrat immer als Beispiel hingestellt.

EA: Es wurde in der Bevölkerung Kritik am Corona-Krisenmanagement des Ministerpräsidenten geübt. Woher kommt die riesige Zahl der Infizierten, von mangelnder Hygiene ist die Rede, wurden Fehler gemacht?
SMK: In einer Situation wie dieser, die neu und vollkommen beispiellos ist, wurden sicher auf der ganzen Welt Fehler gemacht. Aber im Großen und Ganzen glaube ich, dass die spanische Regierung diese Krise beispielhaft handhabt. Und nicht nur ich glaube das: über 60 % der spanischen Bevölkerung befürworten das Management von Pedro Sánchez. Hans Kluge, Regionaldirektor der WHOEuropa, sagte nach den ersten Wochen er wäre tief beeindruckt von der Solidarität der spanischen Sanitäter und von der innovativen Vorgehensweise und mutigen Maßnahmen und Entscheidungen der spanischen Regierung. Wir wissen noch nicht genau, wie sich das COVID-19 verhält, vielleicht hat es etwas mit den Temperaturen in dieser Jahreszeit zu tun, auf jeden Fall glaube ich nicht, dass die Anzahl der Infizierten auf mangelnde Hygiene zurückzuführen ist. Irgendjemand sprach auch davon, dass Spanier und Italiener sich mehr umarmen, aber da müsste man erst mal die Statistiken von Fällen normaler Grippe oder anderer Lungenerkrankungen der verschiedenen Länder vergleichen. Ich hoffe jedenfalls,dass ich bald wieder meine deutsche Mutter umarmen kann. Für mich ist auch wichtig, dass unser Ministerpräsident, Pedro Sánchez, immer wieder unterstreicht, dass wir gemeinsam aus dieser Krise kommen müssen, dass niemand zurückbleibt und auch unsere älteren Generationen geschützt werden.

EA: Zur etwa gleichen Zeit wurde der König wegen einer aktuell bekanntgewordenen Schmiergeld-Skandal seines Vater kritisiert, obwohl er sich von seinem Vater klar distanziert hat. Was ist die lautstarke Kritik – spanisches Temperament?
SMK: In Krisenzeiten werden bestimmte Kritiken immer besonders betont. Dabei kann das spanische Temperament genauso dafür wie auch dagegen lautstark werden. In Spanien gibt es einen Teil der Bevölkerung, der für die Monarchie ist, und einen Teil, der sich als republikanisch bezeichnet. Dann ist da noch der Mittelbürger, dem es wahrscheinlich egal ist, ob wir einen König oder einen „Bundespräsidenten“ haben. Natürlich tragen die Affären verschiedener Mitglieder des Königshauses nicht dazu bei, die Monarchie als nützliche Institution zu betrachten, aber im Großen und Ganzen ist es kein Thema, das für die Bevölkerung augenblicklich besonders wichtig ist.

Im Senatspalast in Madrid

EA: Was bedeuten für Sie die CoronaMaßnahmen? Wie sieht der Politik-Alltag
aus, ist die Wahrnehmung Ihrer Aufgaben ohne Anwesenheit in Madrid möglich?
SMK: Politisch gesehen sind wir tatsächlich etwas eingeschränkt, aber wir halten Videokonferenzen mit unseren Kollegen der verschiedenen Ausschüsse und tauschen Information aus über die Maßnahmen, die unsere autonomen Regierungen treffen. Darüber hinaus habe ich auch Besprechungen (über Video) mit Organisationen oder Institutionen, um den wirtschaftlichen Aufbau nach der Gesundheitskrise zu besprechen, oder auch die Maßnahmen, die zu treffen sind, um die Bildung der Kinder und Jugendlichen aufrecht zu erhalten. Ich versuche, mich zu dokumentieren, schreibe den einen oder anderen Artikel und halte den Kontakt mit der autonomen Regierung und den nationalen Abgeordneten aufrecht. Der Senat hat schon beschlossen, die Plenarsitzungen, die wir jetzt nicht machen können, nachzuholen.

EA: Wie verhalten Sie sich selbst in dieser Corona-Krise? Hat sich etwas in der Arbeit und privat geändert und hat Corona für Sie persönlich Einfluss auf Ihre Zukunft?
SMK: Persönlich bedeutet es, praktisch zu Hause eingesperrt zu sein, aber ich bin schon zufrieden, weil meine Tochter, die in Deutschland studiert, rechtzeitig nach Hause kommen konnte und somit sind wir zu dritt, zusammen und gesund. Wie schon gesagt, vermisse ich meine Mutter, Schwestern, Freunde und Verwandte, aber wir sind ja bestimmt bald wieder zusammen. Für unsere Zukunft glaube ich, ist es noch etwas früh, um Genaues zu wissen. Wir müssen abwarten, wie sich die Krise entwickelt, ob bald jemand einen wirksamen Impfstoff entwickelt, ob das Virus saisonbedingt ist, usw.

EA: Es ist alles im Fluss und vieles wird gerade spekuliert und ohne neue Erkenntnisse zerredet. Ist Corona genauso wie für den Tourismus auf Mallorca, den Sie erwähnten, nicht auch eine große Chance, unsere Welt nachhaltiger zu gestalten und zu verändern?
SMK: Ja, ich glaube auf alle Fälle, dass wir alle unsere Lebensweise und -gewohnheiten umdenken und umstellen müssen. Auch unsere Werteskala wird sich wohl nach dieser Krise etwas geändert haben. Ich hoffe, dass wir Menschen etwas daraus lernen werden, dass wir einsehen, wie kostbar unser öffentliches Gesundheitssystem und auch unser Bildungswesen ist, wie wichtig viele Berufe und Tätigkeiten sind, denen wir vielleicht nicht immer die angemessene Bedeutung zugeteilt haben. Was täten wir jetzt ohne Ärzte, Krankenschwestern, Polizei, Lebensmittelverkäufer und -lieferanten, Lastwarenfahrer, Reinigungspersonal, usw.? Oder ohne all die Lehrkräfte, die von zu Hause aus ihren Schülern Unterricht erteilen? Ich glaube, wir sind ihnen allen zu Dank verpflichtet, allen jenen, die jetzt für uns alle sorgen.

EA: Ist denn für Sie schon sichtbar etwas Neues entstanden – positiv wie negativ? Was ist Ihnen in den letzten Wochen aufgefallen, hat Sie beeindruckt oder hat Ihnen missfallen?
SMK: Ich glaube, für uns alle ist das Beste dabei die enorme Solidarität, die wir überall sehen. Ich sprach gerade schon von einigen Berufsgruppen, die jetzt so viel für uns tun und dabei ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen. Und auch das Verantwortungsbewusstsein und die Disziplin der Bevölkerung, die größtenteils zu Hause bleiben, um nicht andere in Gefahr zu bringen. Die gute Laune und der Sinn für Humor der meisten Menschen gehört auch zu den positiven Sachen. In aller Welt und auch hier in Spanien versuchen die Leute zu Hause Sport zu treiben, Musik zu machen, mit ihren Kindern zu lernen und zu spielen. Um 20 Uhr gehen die meisten auf ihren Balkon, um den professionellen Helfern mit Applaus zu danken, oder auch den Kindern, die sich damit abfinden, eingesperrt zu sein. Und wo wir schon einmal bei der Solidarität sind, glaube ich auch, dies ist ein wichtiger Moment für Europa, um zu beweisen, dass wir tatsächlich eine Europäische Union sind, und nicht nur ein gemeinsamer Markt. Auf der negativen Seite sind die Haters und Trolls, die versuchen ihre Hoaxes, Lügen und Übertreibungen über soziale Netzwerke zu verbreiten. Dazu gehören leider auch einige Mitglieder der Opposition, die somit ihre fehlende institutionelle Loyalität beweisen und das Leid und den Schmerz ihrer Mitbürger ausnutzen, um ein paar Stimmen zu gewinnen.

EA: Was sind für Sie die großen Ziele für Mallorca, an denen Sie in Ihrer Amtszeit von vier Jahren mitwirken wollen?
SMK: Auf nationaler Ebene gibt es viele Themen, die sich auch auf Mallorca auswirken, wie das neue Bildungsgesetz oder die Arbeitsmarktreform. Und ganz konkret für Mallorca, wollen wir die neue spezielle Finanzierungsregelung für die Balearen ausarbeiten und entwickeln.

Das Gespräch führte Frank Heinrich

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