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Dass es mit Paul, seinem Schwager, schon seit geraumer Zeit nicht mehr so zum Allerbesten stand, gesundheitlich, hatte sich auch bis zu Peter Fiedler rumgesprochen. Huf habe immer weniger Luft hieß es. Seine Lungen und auch die Bronchien fielen mehr und mehr der Fibrose zum Opfer, sie verklebten also und das führte langsam zum Tod durch Ersticken. Klagen über Pauls Zustand in seiner pompösen Villa im Osten Mallorcas hörte Peter manchmal und das auch nur spärlich durchsickern. Weilte Peter in Deutschland, war er von jeglicher Informationsflut von der Insel abgeschnitten.

Lungen-Transplantation mit 76?
Es war Mitternacht schon vorüber, als in seinem kleinen Apartment in Wiesbaden sein Handy ihn aus dem ersten Tiefschlaf läutete. Die Art, wie Birgitta sich meldete, verhieß nichts Gutes. Im ersten Augenblick dachte er, dass etwas mit der Kommandante sei. Und er war erst beruhigt, als seine Frau die erschrockene Frage verneinte. Sie sagte fortfahrend nur, Paul. Weiter ließ er sie aber nicht kommen. Er sprach hart dazwischen: Was habe ich mit dem noch zu schaffen? Peter, sagte sie betont ruhig, es geht um Leben und Tod. Er braucht Deine Hilfe, er ist schließlich unser Schwager. Wer lebt schon länger als er soll, fragte Fiedler kalt. Er soll es jetzt genug sein lassen. Einmal in seinem gottverdammten Leben soll dieser Kerl den Mut haben, zu sagen, es ist genug. Damit täte er allen, in erster Linie aber seiner eigenen Familie einen riesigen Gefallen. Ich stehe jedenfalls jetzt für nichts aber auch gar nichts zur Verfügung. Und doch fragte er, was anliege. Paul sucht eine Privatklinik, die ihm eine Lunge transplantiert. Der ist ja ein ausgemacht unmoralischer Kerl. Hat er mit seinen 76 Jahren noch nicht genug. Das sage ich nicht, weil ich ihm eine neue Lunge nicht etwa gönnen würde, aber
mit dem Transplantieren ist bei Mitte Fünfzig Schluss! Da läuft nichts mehr, sag ihm das. Hartnäckig, als ging es um ihr eigenes Leben, insistierte sie, das weiß er. Paul sucht ja auch aus diesem Grund eine Privatklinik. Die gibt es nicht. Peter schrie seine Antwort unbeherrscht ins Telefon. Kapier‘ es endlich, es gibt in ganz Deutschland keine wie auch immer organisierte Klinik, die einem Greis wie Huf, für wie viel Geld auch immer, eine neue Lunge verpassen würde, wollte oder dürfte! Geld ist hier völlig nebensächlich, zu seinem Leidwesen, meine Liebe! Seine Millionen sind hier gleich Null, Null, Null wert! Sie zählen hier nichts! Und im Übrigen was soll‘s. Ich verlor vor Jahren Dank seiner geizgesteuerten Untätigkeit mein Haus, mein Lebenswerk, nun ist‘s halt an ihm, verliert er eben sein Leben. So ist das nun einmal. Kismet!

Sein Abgang ist fällig
Erschrocken hielt Peter Fiedler inne. Entschuldige, das sollte man so nicht sagen, aber Du weißt schon, wie ich es meine. Es ist ein Hohn im Übrigen mit einer solchen Bitte zu dieser Stunde ausgerechnet zu mir zu kommen, sag denen das. Für Paul Huf gibt es in dieser Beziehung keine medizinische Lösung. Es sei denn, er machte eine kurze gedankliche Pause, dann sagte er ganz ruhig, es sei denn, er lässt sich in ein asiatisches Land fliegen. Aber das kostet und ich weiß nicht, ob ihm bei seinem Geiz sein von ihm strebendes Leben das überhaupt noch wert sein wird. Werd‘ nicht sarkastisch, sagte Birgitta leise. Denk doch mal an meine Schwester, die hat es ja nun wirklich nicht leicht mit Paul. Ja, gerade weil ich an Deine Schwester denke, sage ich es so drastisch. Einem jeden Höhepunkt folgt das Ende auf dem Fuße. Und Paul hat seinen Lebenshöhepunkt weiß Gott schon lange überschritten. Was wäre schon gegen seinen Abgang einzuwenden? Der ist reif!
Überfällig ist er! Das genießt Du wohl jetzt auch noch, fragte Birgitta mit einem leichten Vorwurf in ihrer Stimme. Peter blieb ihr darauf die Antwort schuldig. Er mochte jetzt nicht auch noch ja sagen müssen. Ich werde die diesbezüglichen Richtlinien, die es gibt, ohne jeden Kommentar in deren Mallorca Hütte faxen. Du kannst mich ja auf dem Laufenden halten. Grüße an die Kommandante. Gute Nacht.

Geld statt Würde
Peter schaltete sein Handy ab, an Schlaf aber war vorerst nicht zu denken. In diesem Alter sollte sich eine andere, würdevollere Art von Abschied in den Vordergrund schieben dachte Fiedler bei sich. Aber konnte, wollte er sich mit einschließen können – wenn es einmal bei ihm soweit sein sollte. Festhalten, wollte das nicht jeder? Fiedler lag auf seinem Bett, die Daunendecke war noch zurückgeschlagen. Der Dimmer seiner Leselampe über dem französischen Bett tauchte die Mahagoni-Möbel des englischen Arbeitszimmers in ein gemütliches, weiches Licht. Fiedler hatte sie nach dem dramatischen Abschied von seinem Haus mit nach Wiesbaden genommen. Es wurde ihm bewusst in dieser Nacht, in der sich Paul Hufs Ende ganz offensichtlich ankündigte, dass Huf in seinem eigenen Haus kein lang Betrauerter sein würde. Auch wird er mit Sicherheit nicht zu denjenigen zählen, die sich würden rühmen dürfen, glücklich gestorben zu sein. Warum sollte auch einer wie Huf es gelernt haben, mit Würde von dieser Welt zu kommen? Hatte doch sein ganzes Leben wenig mit Würde zu tun. Und überhaupt: hatte er Würde nötig, brauchte er sie? Nein, sein Geld ersetzte ihm so ziemlich alles, was andere zu angesehenen, geachteten und geliebten Menschen machte. Bei Paul Huf lag Exquisites und Lausiges beängstigend nah beieinander. Wo, fragte sich Fiedler, dem jetzt so viel über Paul Huf durch den Kopf ging, wäre da auch Glänzendes, menschlich bemerkenswertes oder gar Erhabenes bei ihm zu vermuten gewesen, ging er jetzt seinen letzten Gang. Welche Meisterleistung hätte ein Priester zu erbringen, wollte er aus diesem belanglosen Leben noch etwas herausheben, das wenigstens seinen letzten Tag überdauerte? Hufs Art war es ganz und gar nicht, seine Hoffnungen auf einen gnädigen Tod zu konzentrieren. Er, der nie etwas gab, wollte nun auch sein Leben nicht hergeben! Er geizte auch hier!

Der todgeweihte Fantast
Seine Hoffnungen, die er hegte, die schickte er vielmehr – so wie sie ihn allesamt überkamen – in die Ferne, so vermessen, als hätte er das ewige Leben. So, als hielte diese Ferne einen sicheren Abstand zwischen ihm und seinem Tod, als machte sie ihn unantastbar! Es machte den Eindruck, als versteckte er sich hinter diesen Hoffnungen. Paul wollte unauffindbar sein für seinen Tod. Er, der einstige gnadenlose Realist wurde in dieser Lebensnot zu einem angstvollen Fantasten. Er ließ sich von seiner Maßlosigkeit verführen noch in Tagen und Wochen zu denken, obwohl ihm nur noch wenige Stunden blieben. Über eines wurde er sich in dieser Nacht, die er mit Paul Huf als „Lebewesen“ auf diesem Planeten noch gemeinsam verbringen würde, auch eindeutig klar: Unterlassene Hilfeleistung würde er sich von der Familie nicht nachsagen lassen. Und nur in diesem Rahmen würden sich seine Bemühungen um Paul überhaupt bewegen. Insoweit war Fiedler zu allem entschlossen. Nur zu einem nicht: Die Lebensgier dieses Unersättlichen in seinen letzten Stunden, Tagen oder auch Wochen noch zu mehren, zu mästen. Das nicht! Hatte sich doch Paul Huf schon lange vom eigentlich wirklichen Leben verabschiedet, ausgeschlossen und nur noch sein abgestorbenes, den Geldbeutel schonendes tristes Leben gelebt. Was also konnte er hier noch verkehrt machen, hielt er sich bedeckt, hielt er sich zurück?

Peter als Medikamenten-Bote
Peter war gerade aus der Morgenkonferenz gekommen und hatte sich mit dem harten Kern der Redaktion zu einem zweiten Frühstück zusammengesetzt, als ihn ein erneuter Anruf seiner Frau erreichte. Wieder Paul? fragte er gut gelaunt und ohne jeden Argwohn. Ja, wieder Paul, sagte Birgitta nur. Wenn Du am Wochenende, also Morgen, nach Palma fliegst, kannst Du dann ein Medikament mitbringen und es direkt im Klinikum Miramar abliefern, Paul liegt in dieser PrivatKlinik – er hängt jetzt am Sauerstoff. Für immer wohl. Das „für immer“ will ich nicht hoffen, frotzelte er aufgeräumt. Birgitta indes holte merklich genervt Luft. Mein Gott mäkelte er, lass das Tremolo in Deiner Stimme. Um diesen Halunken ist‘s nun wirklich nicht schade. Also bitte, nimm Dich ein bisschen zusammen. Er hatte sich nicht in der Gewalt. Es nervte ihn, wie Birgitta sich kümmerte um einen, der sie, als es sehr ernst für sie war, schamlos im Stich gelassen hatte. Und Peter vergaß nun einmal nicht so schnell. Dieses jedenfalls nicht! Damit Dein Seelenfrieden keinen größeren Schaden nimmt, als ihn Dir Paul ohnehin schon zugefügt hat, bring ich das Medikament mit und liefere es auch in dieser Klinik persönlich ab. Lass es in die Redaktion bringen. Aber aus Prinzip zahle ich keinen Cent dafür aus meiner Tasche. Ich will von denen jeden Cent erstattet haben. Wie sagte doch Paul immer: ich habe kein Geld. Und ich habe heute erst recht kein Geld. Bitte merke es Dir und sorge für den Ausgleich meiner Auslagen!

Ist eine Versöhnung möglich?
Wie sollte er sich Huf gegenüber verhalten, der – gewiss zur Unzeit – Birgitta wissen ließ, dass es an der Zeit sei, wieder miteinander zu reden, den alten Streit zu vergessen. Nach all den Jahren des Schweigens und Ignorierens. Unter dem dezenten Hinweis auf Pauls schlechten Gesundheitszustand, wollte sie sich – ihrem Naturell gehorchend – zum Versöhnungswerkzeug machen lassen. Und Fiedler wusste, es wäre ein Fehler, zumindest keine großherzige Geste, diesem Versöhnungsbegehr am Ende seines Lebens nicht zuzustimmen. Für ihn, Fiedler aber war es noch nicht die Zeit. Auch wenn des anderen Zeit jetzt davonlief. Nein, Paul Huf hatte ihn um zu viel gebracht. Zumindest hatte er tatenlos mit angesehen, wie ihm sein Wertvollstes abhandenkam. Überdies ahnte Fiedler, dass er gerade in dieser Zeit des physischen und psychischen Niederganges des Paul Huf nur wieder Hilfe suchend angesprochen und ausgenutzt werden würde, geriete er wieder in allzu große Nähe zu dieser gierigen Familie. Und war diese Zeit erst einmal gekommen, kannte sie ohnehin keine Scham ihn wieder und wieder um Hilfe anzugehen. Dafür, dass es so sein würde, stand seine Erfahrung mit dieser Familie! Und diese Erfahrung sollte Fiedler nicht trügen.

Beklemmendes Klinik-Gefühl
Die Maschine landete pünktlich in Palma de Mallorca und Peter kam schnell vom Airport weg. Das Taxi fand das Klinikum Miramar auf Anhieb. Fiedler fühlte sich in diesem Augenblick unwohl. Der lange, grellbeleuchtete, klinisch saubere Gang, dessen weicher Kunststoffboden jeden seiner Schritte sofort verschluckte, die überbreiten Türen-Betten gerecht beeindruckten, sie bedrückten ihn. Dieser Gang hatte für ihn etwas Beklemmendes. Er vermittelte Endzeit. Neben ihm, der spanische Arzt, drehte das neue, überhaupt noch nicht zugelassene Medikament in seiner Hand und dabei sagte er leise: Ich glaube Señor, Ihr Schwager wird es nicht mehr brauchen. Helfen jedenfalls wird es ihm nicht mehr. Er sah den Mediziner, ein Mann von Mitte Vierzig, nur kurz an, sagte aber nichts. Auf diese Begegnung war er nicht vorbereitet. Und jetzt hatte er seine Probleme damit. Peter fürchtete sich vor diesem Zusammentreffen, das er so nicht wollte. Wie eigentlich sollte er sich verhalten, gleich? Was ihm sagen? Trösten gar? Vergeben? Vergessen? Für ihn Beten gar? Peter bekam mit diesem letzten Gedanken Schwierigkeiten. Aber wäre dies nicht gerade seine Christenpflicht? Beten? Irgendetwas schnürte ihm in diesem Augenblick, wo sie dem Krankenzimmer näher kamen, die Kehle zu. Sein Mund war unangenehm ausgetrocknet. Die Tür zu Paul Hufs Zimmer war nur leicht angelehnt. Es war ein Einbett-Zimmer mit einem fantastischen Ausblick auf den Hafen, dem von
Fortsetzung folgt…

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