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Die Tür zu Paul Hufs Zimmer war nur leicht angelehnt. Es war ein Einbett-Zimmer mit einem fantastischen Ausblick auf den von Schiffen belebten Hafen. Paul war nicht mehr Paul.

Die Atemmaske, die er vor Mund und Nase tragen musste erlaubte keinen direkten Blick auf das Gesicht, das schon etwas Maskenhaftes zu haben schien. Beginnender Verfall, fragte sich Fiedler. Das rasselnde Atmen, in dem der leise zischende Sauerstoff, so eine Art Grundmelodie abgab, ließ das Ende ahnen. Peter war als kämpfte er um jeden Atemzug. Wir geben ihm jetzt acht Liter Sauerstoff pro Minute, sagte der Arzt mit leiser Stimme. Sie können mit ihm reden, er ist bei Bewusstsein. Peter blieb etwas mehr als einen Meter vor dem Bett stehen, sagte aber kein Wort zu Paul. Dr. Garau zog sich zurück, um – wie er sagte – „die Familie von Señor Huf zu informieren“. Also hatte er nicht auch noch ein Zusammentreffen mit Bettina in nächster Zeit zu gewärtigen.

35.000 Mark hätten geholfen…
Pauls Blick war starr auf ihn gerichtet. Aber auch er schwieg. Minuten verstrichen. Ungenutzt. Von beiden. Matt und kraftlos lagen Pauls Hände auf dem Bett. Abgeschlafft lag er nun da, der, dem er so viel Schlimmes verdankte, nur weil er nicht helfen wollte. Damals! Gnadenlos, wie eine Geißel kroch die Erinnerung jetzt wieder in ihm hoch. Und nun? Fiedler stand vor diesem Todkranken, und er war ohne jede Emotion, ohne innere Anteilnahme. Peter war voll böser, unangenehmer Gedanken. Platz für eine versöhnende Geste war da nicht in ihm. Seine Gedanken liefen ihm davon. Vergangenes kreiselte durch seinen Kopf, als er stille Zwiesprache mit Paul Huf hielt: Da liegst Du nun und beginnst nicht mehr der zu sein, der Du ein
mal warst. Du starrst mich an wie einen vor dem Du Dich zu fürchten hättest. Nein, vor mir musste sich noch niemand fürchten. Keine Angst, von mir hörst Du kein böses Wort. Überhaupt, schweigen werde ich an Deinem Bett, das wohl bald auch Deine Bahre sein wird. Ich bin kein Rächer für Dein böses Versagen, vor allem Birgitta gegenüber! Und mich hat Dein Geiz mein Haus gekostet. Obwohl Du hättest wissen müssen, dass Fünfunddreißigtausend es mir erhalten konnten und Du das Geld auch wieder bekommen hättest. Was hast Du davon gehabt. Was hat er Dir gebracht, Dein Geiz? Mehr als eine zerstörte Familie? Weißt Du noch, als Birgitta und ich Dich vor vielen Jahren mal um diese Fünfunddreißigtausend Mark baten? Jahre zuvor, als Du ein noch etwas kleiner warst, hattest Du Dir von mir einmal Fünfundzwanzigtausend Mark geliehen. Du aber hast Dir damals nicht mal die Mühe gemacht zu fragen, für was und warum wir Geld von Dir erbaten, sondern Du hast nur gesagt: ich habe kein Geld. Und dabei fuhr jeder von Euch schon damals einen Wagen von über Hunderttausend Mark. Schlimm, dass ich bei Dir immer nur an Geld denken kann, denken muss. Du warst selten ein Guter!

Huf maß ihn mit wachen Augen…
Heute weiß ich es besser als je zuvor. Alle um Dich herum mussten Dir dienen, hast Du benutzt, ausgenutzt, aber für keinen von diesen Dir Nützlichen warst Du im Not-, im Ernstfall jemals hilfreich zur Stelle. Dann hattest Du immer kein Geld. Wie praktisch! Und was bringt es Dir heute in Deinen vielleicht letzten Stunden? Ich bin nicht hier, weil ich es unbedingt wollte, nein Birgitta nötigte mir diesen Besuch auf, weil ich dieses Versuchspräparat aus Amerika von Deinem forschenden Schulfreund unter strenger Geheimhaltung in die Hand gedrückt bekam um es dann schließlich und endlich zu Deinem Nutzen, verstehst Du, zu Deinem Nutzen hier abzuliefern. Fiedler standen kleine Schweißperlen auf der Stirn. Er schwitzte für gewöhnlich nie. Aber diese stumme Zwiesprache machte ihm ungemein zu schaffen, wühlte ihn innerlich auf. Heiß, sehr heiß war ihm in diesem klimatisierten Krankenzimmer, das mit modernster Technik ausgestattet war. Paul Huf maß ihn mit seinen immer noch erstaunlich wachen Augen. Es waren auch jetzt noch, in dieser Lebensdämmerung, die Augen eines Herrschers, die ihn da fixierten. Und in diesem Augenblick, wo sich ihre Augen ineinander verkeilten misslangen ihm einige seiner Gedanken zu ausformulierten Worten: Hättest Du je der Angst ins Auge geblickt, Du wärest ein Anderer, ein besserer geworden, Du hättest Dich, Du hättest Dein Leben verändert, von Grund auf. Ich meine Leben als Entwicklung! Paul ließ Fiedler ohne Reaktion. Wieder schwiegen beide. Und jetzt, wenn Du der Angst ins Auge schauen musst, wird es für Dich zu spät sein. Der Zenit Deines Lebens liegt weit hinter Dir. Ändern wirst Du nichts mehr und Dein Schicksal wird Dich aus Deinem Leben führen.

Zum Lachen war dieses Gesicht nie geboren
Fiedler erschrak über sich, ließ aber seine Worte gnadenlos ausklingen. Beileibe war Paul nicht der Geist, der von sich heraus hätte erkennen können, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb, bis zu seinem Ende. Fiedler taxierte den Mann, der einmal für ihn ein geachteter und auch schon mal ein bewunderter Schwager war. Er wartete jetzt auf Paul, er sollte – wenn überhaupt – etwas sagen. Aber eigentlich war es Fiedler egal. Sagte er was, oder schwieg er. Es mochten nur wenige Augenblicke verstrichen sein, da streifte Paul Huf langsam seine Atem-Maske ab. Fiedler fiel auf, dass seine Hände dabei überhaupt nicht zitterten. Mit äußerst kontrollierten, ja pedantischen Bewegungen installierte er jetzt stattdessen einen Atemschlauch, der den Sauerstoff direkt in die Nase einleitete. So hatte er den Mund frei, offensichtlich wollte er jetzt etwas sagen. Fiedler stand noch immer regungslos da. Er wartete. Immer noch war er diesen einen Meter von dem Krankenlager entfernt und betrachtete in diesem Augenblick nicht ohne Erschütterung das Gesicht von Paul Huf. Es war plötzlich etwas in diesem Zimmer, das ihn ergriff, das Fiedler niederzwang, das ihn zu erkennen gebot, dass hier, zu diesem Zeitpunkt seiner Anwesenheit, etwas Besonderes geschah. Er aber flüchtete sich in seine Gedanken, er wich diesem ‚Zeichen‘ aus. Peter wollte, er konnte sich diesem Augenblick nicht ergeben. Er verglich in seiner Erinnerung, das Gesicht des Schwagers mit dessen Gesicht von vor vielen Jahren: Es war ein trostloses Gesicht in das sein Blick jetzt fiel. Gezeichnet war es von den verrinnenden, immer weniger werdenden Stunden. Zum Lachen war dieses Gesicht nie geboren. Es war ein talentloses Gesicht.

Ein kaltes Gesicht!
Lachen? Dazu hatte es nie gereicht! Dieses Gesicht war nichts weiter als eine ausdruckslose Maske, garniert mit der Attitüde des tückischen, in der das Aggressive hauste, das Böse herrschte. Angst erzeugte und verbreitete es bei dem zufällig Aufblickenden. In ihm, diesem Gesicht, wohnten arglistige Züge, geboren aus der erlebten, begangenen Zerstörung. Dem Geschäft des Bösen. Freundlichkeit, Wärme und das menschlich so wesentlich Gewinnende, das ein Antlitz anschauenswert macht, hatte in diesem Gesicht, in seinem, keinen Platz!
Es war ein armes Gesicht. Kein verarmtes! Reich war es wohl nie gewesen. Reich an Gebendem, Mitfühlendem, Aufnehmendem, Gewährendem. Da war nichts! Von ihm kam auch nichts! Kalt war es, nahezu leblos, erstarrt, von seinen Mitmenschen nicht angenommen. War es ein ausgestoßenes, ein verlassenes Gesicht gar? Vereinsamt? So war‘s! Es fehlte ihm die freundliche Heiterkeit eines unbeschwert lebenden fröhlichen Menschen. Wo war das Licht, das freundlich helle? Erloschen etwa in diesen gierigen, habsüchtigen, ewig tief toten Augen? Hatte der Schöpfer sich aus diesem Gesicht, der Oberfläche seiner Seele, bereits resignierend zurückgezogen? Ja, möglich. Ja, es war so! Gott bekannte sich nicht mehr zu diesem Gesicht, so verlassen, so verdammt wirkte es in diesem Augenblick, da es dem distanzierten Betrachter begegnete. Der Glanz der Liebe, der Lebensfreude, der Demut und der Offenheit, der beruhigende Glaube an Gott, an das Gute, der auch das hässlichste Gesicht
ansehenswert macht, war aus diesem Antlitz geschwunden. Gepeinigt vom zerstörerischen Schatten seiner eigenen Trostlosigkeit aber heischt es bei allem Abstoßenden, das in seinen faden Zügen nistet, um erbarmungswürdiges Mitleid.

Keiner von uns wird handeln können
Habe ich noch eine Chance, fragte Paul unvermittelt in Fiedlers Gedanken. Der 76-jährige japste mehr als dass er sprach. Peter spürte wie er sich jäh verkrampfte, und dass ihm die Antwort schwer fallen würde. Erst jetzt, in dieser für beide ausweglosen Situation wurde Fiedler bewusst, dass er überhaupt nicht mit ihm hatte reden wollen! Sein Blick ging durch Paul hindurch, so, als gäbe es ihn schon gar nicht mehr. Dann aber hörte er sich sagen und er war verwundert darüber, was er dem Todgeweihten als seine vielleicht letzte Antwort anbot: Der einzige, der einem jeden von uns sein bei unserer Geburt gegebenes Versprechen einlösen wird, ist der Tod. Bei dem einen früher, bei dem anderen später. Keiner von uns wird handeln können. Du nicht, ich nicht. Keiner von uns wird länger leben als er soll! Nur eines ist sicher: unsere Leiden haben über unseren Tod hinaus keinen Bestand. Das als Trost.

Befreit von Hass und Wut
Betroffen schwieg er. Dieser Mann lag mehr auf seinem Sterbebett als auf seinem Krankenlager aber dieser Mann wollte leben, statt sich auf seinen letzten Weg, den er wohl bald gehen musste, vorzubereiten. Wie auch? Hatte er nicht aus Ersparnisgründen, aus purem Geiz, seinem Gott den Tribut verweigert, ihm vielmehr den Rücken gekehrt? Und jetzt? Paul sah Peter schweigend an. Dann sagte er mit überraschender Klarheit: Ich begreife. Zuviel steht zwischen uns. Wirklich zu viel. Ich bin nicht gekommen, um über das, was zwischen uns beiden steht, mit Dir zu reden. Jeder von uns sollte sich seinen Teil denken, und wir vermeiden unnötigen Streit. Ich bin nur hier, um die Versuchs-Medizin aus den Staaten, aus dem Labor Deines Freundes abzuliefern. Du wirst sie gleich bekommen. Paul fiel das Sprechen jetzt offenbar schwer. Er nickte nur kurz und schloss die Augen. Fiedler trat jetzt einen Schritt näher an das Bett heran. Schweigend verharrte er so einige Minuten. Was ging ihm jetzt nicht alles durch seinen Kopf. Wo aber war sein ganzer Hass, seine unbändige Wut auf diesen Mann. Peter Fiedler stand da und schwieg. Er fühlte sich auf einmal befreit von Hass und Wut und er unterwarf sich der Weihe dieses Augenblicks. Aber seinen Dank für das Schöne, das es ja auch gegeben hatte, für die Wegweisung auf diese wunderschöne Insel, diesen Dank allerdings sprach er nicht aus, aber er erinnerte sich hier in diesem Zimmer und dies mit ehrlicher Dankbarkeit.
Fortsetzung folgt…

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