Vierter und letzter Teil unserer Kurzgeschichte

Die Würde, die diesen Raum jetzt beherrschte traute er sich nicht mit egoistischen und selbst gerechten Gedanken zu zerstören. Er verneigte sich und verließ langsam rückwärtsgehend das Krankenzimmer, das in diesem Moment zum Sterbezimmer des Paul Huf wurde. Kurz nickte er dem Arzt zu, der auf ihn zu warten schien. Es geht zu Ende, sagte er nach einem prüfenden Blick auf Paul Huf. Ich verstehe den Kummer Ihrer Familie, sagte er und bot ihm als Zeichen der Anteilnahme seine Hand. Fiedler aber ignorierte diese freundliche Geste und sagte mit monotoner Stimme: Zu meiner Familie gehörte er schon lange nicht mehr. Und Fiedler hörte sich selber erstaunt zu, wie er „meiner“ trocken betonte. Wenn Sie bitte verstehen wollen, sagte er betont ruhig, drehte sich auf dem Absatz um und verließ die Klinik.

Keine Trauer
Bevor er wieder in eine Taxe stieg rief er Birgitta auf der Finca an: Paul liegt im Sterben. Mehr sagte er nicht. Ich bin in einer dreiviertel Stunde auf Can Sol. Dann beendete er das Gespräch. Peter wollte in diesem Augenblick nicht mit irgendwelchen Reaktionen oder gar Emotionen seiner Frau wegen Pauls Sterben konfrontiert werden. Sie hatten auch so hin und wieder ihren Streit des bald Gewesenen wegen. Der Taxifahrer weigerte sich anfangs den Camino, den recht solide ausgewaschenen Schotterweg zu seinem Feldherrnhügel hinauf zu fahren. Ein paar Euro mehr machte ihn leichter passierbar. Im Gästehaus brannte noch Licht. Die Finca hingegen lag völlig im Dunkeln. Als ihm Senta, seine Schäferhündin, entgegenkam wusste er aber, dass jemand im Haus sein musste. In der breiten alten Eingangstür stand die Kommandante mit betroffenem Gesicht. Eine Kerze auf dem antiken Esstisch warf einen schwachen Schein auf ihre Trauermiene. Was soll diese „Festbeleuchtung“? Das fragst Du noch? Ein nicht zu überhörender Vorwurf schwang in der Frage seiner Mutter mit. In diesem Haus, meine Liebe, besteht nicht der geringste Grund und Anlass zur Trauer. Nicht in diesem, nicht in meinem Haus. Ist das klar? Es hat einer diese Welt verlassen, weiß Gott spät genug, und um den ist es aus meiner Sicht und Du kennst diese genau, nicht schade. Dieses Leben war ein einziger Irrtum der Natur. Bitte, sag das nicht. Auch ihm war sein Leben von Gott geschenkt worden! Wo ist Birgitta, fragte er die Zurechtweisung der alten Dame ignorierend. Im Ton einer trauernden Witwe sehr ähnlich sagte die Kommandante, in Bendinat, bei ihrer Schwester. Sie wusste es ja noch gar nicht.

Ein Mensch ohne Gott
So ist das nun mal. Auch von uns können gute Botschaften kommen, kann er sich nicht verkneifen boshaft festzustellen. Peter! Herrschte ihn die Mutter mit ihren 84 Jahren jetzt an. Das sagt man nicht. Auch nicht, wenn man, wie Du, keine Freude an Paul hatte. Weiß der Teufel, die hatte ich wirklich nicht. Er tauchte den alten Bau in gleißendes Licht. Hier wird nicht eine Sekunde getrauert. Es sei denn ein treues Tier ist gestorben! Er war kein so schlechter Mensch, wie Du es siehst, Peter. Irgendwo habe ich einmal gelesen, entgegnete Peter und goss sich genüsslich ein Glas Reserva ein, dass niemand ein guter Mensch sei ohne seinen Gott. Und Paul Huf hatte schon vor vielen Jahren – der Steuer wegen – seinem Gott den Rücken gekehrt. Paul hat ihn verleugnet, er hat ihn verraten. Nehmen wir es wie es ist. Paul Huf war ein Mann ohne Gott und somit war er auch ein schlechter Mensch. Wobei Mensch auf seine Person bezogen für mich eine äußerst problematische Bezeichnung ist.
Keine Nummern für die Nummernkonten Ohne dass er es gehört hatte war Birgitta auf Can Sol eingetroffen. Schweigend war sie eingetreten und saß nun in einem der kleinen, bequemen Sessel, die hinter dem großen, alten mallorquinischen Esstisch an der Wand standen. Gibst Du mir auch einen Schluck Rotwein, bat sie. Sie trank das Glas entgegen ihrer Gewohnheit schnell aus, stellte es auf den Tisch und sah ihren Mann, dann die Kommandante an: Betina und Anke haben mit Paul nicht mehr über die Schweizer Konten, alles Nummernkonten, reden können, sagte sie und wirkte bei dieser Feststellung ziemlich erschüttert. Absicht oder ein dämliches Versehen, sinnierte Peter laut. Was ich nicht mehr haben und nutzen kann, warum sollen es andere haben, sagte er mit schadenfrohem Unterton so vor sich hin. Paul war eben nicht der Mann für ein letztes Wort. Punktum. Es sind schließlich Frau und Tochter, erwiderte sie vorwurfsvoll, die sein Vermögen erben sollten. Ist das denn so sicher, meine Liebe. Du scheinst Paul Huf noch immer nicht zu kennen. Mit dem, über das sie jetzt schon verfügen können, Lob und Dank dem Verblichenen, können sie doch ordentlich leben. Oder?

Die Verfügung
Birgitta schwieg. Dann sagte sie: Paul wollte sie noch in alles einweihen, als er merkte dass seine Chancen, gesund zu werden, immer mehr schwanden. Aber er wird doch in seinem Testament alles Wichtige niedergelegt haben. Das klärt sich alles noch auf. Nichts wird sich da aufklären. Pauls Testament ist den beiden bekannt. Neu ist nur eine Verfügung Dich betreffend. Eine Verfügung mich betreffend fragte Peter erstaunt nach. Wieso gibt es da eine Verfügung wegen mir in seinem Testament. Betina erzählte mir, dass Paul vor einigen Jahren, nach dem großen Streit und Deinem Schreiben an ihn und meine Schwester, verfügt hatte, Dir nie und nimmer auch nur einen Pfennig zu leihen oder zu schenken. Peter lehnte sich in seinem Sessel zurück, trank einen Schluck Wein und sagte verächtlich: Geschenkt!

Alte Reisepässe als Versteck
Seine Maschine nach Frankfurt ging am Montag in aller Herrgotts Frühe. Birgitta begleitete ihren Mann zur Abfertigung. Alles ging wie gewöhnlich sehr rasch, da er immer ohne großes Gepäck reiste. Plötzlich fragte sie: Hat Paul Dir vor etwa 15 Jahren mal ein Kuvert zur Aufbewahrung anvertraut? Peter schaute erstaunt seine Frau an: Nein, hat er nicht. Aber irgendetwas muss er Dir mal gegeben haben. Wieso sollte er mir was anvertraut haben? Es muss die Zeit gewesen sein, wo ihr beide besonders gut miteinander gekonnt habt. Überleg mal. Es war noch die Zeit für einen Café Solo. Gedankenverloren zerrührte er den Berg Zucker in seiner Tasse. Peter nahm immer sehr viel Zucker in seinen Kaffee. Ja, sagte er auf einmal gedehnt. Da war mal was. Aber es war kein Kuvert und er hat mir auch nichts gegeben.
Ich erinnere mich nur an das Folgende: Paul fragte mich damals ob es was gäbe, das ich nie wegschmeißen würde, und dem man unverdächtig einige Informationen anvertrauen könnte, ohne dass dies allzu sehr einem Dritten auffiel. Meine abgelaufenen Reisepässe, sagte ich ihm, befänden sich sorgfältig aufbewahrt in meinem Schreibtisch. Kurze Zeit später,
Hufs waren bei uns zu Besuch, Du erinnerst Dich, es war jenes schöne Treffen der Familien im Frühling mit den Kindern und dem Grill-Desaster von Friedrich, da schrieb er ohne mir eine Erklärung dafür zu geben, mehrere Zahlen-Kombinationen in meinen Uralt-Reisepass, hinten auf die letzte, oder vorletzte Seite. Es waren, meine ich, sechs oder sieben Zahlenkolonnen, genau weiß ich es jetzt nicht und darunter schrieb er, so erinnere ich schwach, Zürich und den Namen seines ersten Bootes, glaube ich. Mehr war da nicht. Doch, er sagte doch etwas zu mir. Als er den Pass aus den Händen legte sagte er mahnend: “Dies ist nur für den Notfall für meine Familie, verstehst Du, nur für den Notfall.“ Ja, so war es. Birgitta sah ihn an. Klar, das sind die Zahlen seiner Nummernkonten nebst Codewort in Zürich, kombinierte sie. Nicht schlecht,
meine Liebe, so könnte es sein.

Der Schlüssel zu Pauls Millionen
Nach einer kurzen Schrecksekunde schlug er laut lachend auf den Tisch, dass ihre beiden Kaffeetassen wild tanzten. Das nenne ich Ironie des Schicksals, ausgerechnet ich habe den Schlüssel zu Pauls Millionen, welch eine Perfidie! Der Tod harrte seiner wirklich nicht als Freund. Oh Gott, welch ein Irrsinn. Was für eine hässliche Strafe!
Gegeben war ihm wahrlich nichts! Genommen, nur genommen hatte er sich alles! Und nun dieses. So, meine Liebe, sieht das Ende von Reichtum aus, der auf Habsucht gründet. Hätte ihm auch nur ein Quäntchen Bescheidenheit unbequem im Weg gestanden und hätte er sich ihrer nur ein klein wenig angenommen, er hätte ein Anderer, ein Geachteter, ja vielleicht sogar auch ein Bewunderter sein können. Aber silberne Wasserhähne machen eben einen Menschen nicht wertvoller, wie Du siehst. Lass das, sagte sie nachdenklich. Dann schaute sie ihn an. Hast Du den Pass noch? Ja sicher. Und was wirst Du tun? Ich? Ja, Du! Muss ich jetzt etwas tun? Du solltest! Alles Edle kommt immer nur von einem selbst, richtig? Also von jedem Einzelnen von uns.
Du kennst so gut wie ich mein, nein, eigentlich ist es unser Problem mit der Familie Huf, siehe Testaments-Verfügung. Und Du kennst meinen Schaden durch den Notverkauf unseres Hauses. Fiedler lehnte sich demonstrativ langsam zurück, sah seine Frau an und sagte schließlich kalt und hart: Wenn Deine Schwester und unsere Nichte einen Weg des Ausgleichs
meiner Verluste durch Pauls schäbiges Verhalten finden, dann und nur dann sehe auch ich einen Weg, der sie zu Paul Hufs Millionen führt. Wenn nicht, werde ich zum unfreiwilligen Wohltäter der Schweiz. Sag ihnen das. Nicht mehr und nicht weniger.
So groß auch die Versuchung sein mag, meine Liebe, ich vergreife mich nicht an diesem Geld! An diesen Huf-Millionen, sagte er geringschätzig. Weißt Du, wer nur nimmt, kann entweder sehr bedürftig oder aber ein Schmarotzer sein. Dein Schwager Paul war beides: ein bedürftiger Schmarotzer. Fiedler lachte gequält auf. Umsonst, Paul! Alles war umsonst.
ENDE

- Anzeige -