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  1. Teil unserer Kurzgeschichte von Ralph D. Wienrich

Dass es mit Paul schon seit geraumer Zeit nicht mehr so zum Allerbesten stand, gesundheitlich, hatte sich auch bis zu Peter Fiedler, dem familiär gemiedenen durch gemunkelt. Huf habe immer weniger Luft hieß es. Seine Lungen und auch die Bronchien fielen mehr und mehr der Fibrose zum Opfer, sie verklebten also und das führte langsam zum Tod durch Ersticken. Welches Opfer über Jahre nun schon hinweg hatte er für die Verlängerung seines Lebens gebracht? Was an „Entsagungen“, „Entbehrungen“ für einen, der sich alles leisten konnte! Es war, sah man es unter dem Gesichtspunkt seines enormen Reichtums, eine einzige Beleidigung seines Geldes. Für dieses nun schon seit Jahren so gelebte Leben hätte ihm auch die Sozialhilfe gereicht. Und der Familie erging es nicht besser. Üppiger als er durfte auch sie nicht leben.

Fiedlers Hass mit Grund
Klagen über Pauls Zustand in seiner pompösen Villa im Osten Mallorcas hörte Peter manchmal und das auch nur spärlich durchsickern, wenn die Schwestern sich trafen und Birgitta der vertrauten Nachbarin unterhalb ihrer Finca dann in dünnen Worten über den schlechten Allgemeinzustand des gemiedenen Schwagers berichtete. Weilte Peter in Mainz, war er von jeglicher Informationsflut von der Insel abgeschnitten. Jedenfalls von sich aus sprach Birgitta das Thema Huf bei Peter nie mehr an. Für sie war der Hass ihres Mannes auf Paul Huf nicht vergessen und sie hütete sich daher, bei ihm auch nur die geringsten Emotionen zu schüren.
Durfte er sich also freuen über das jetzt ins dramatische Siechtum übergehende Restleben des verachteten Schwagers? Gedanklich riss er diese Überlegung nur kurz an. Der Hass, der unbändige Hass stand ihm aber für eine großmütige Abklärung dieser Frage zu mächtig im Weg.
Nur eines wusste er mit Bestimmtheit: Huf wäre sicher ein Größerer, ein Besserer und wohl auch ein Glücklicherer gewesen, hätte er von seiner Lebenszeit einiges abziehen können. Weniger wäre hier für ihn und für viele andere in der Tat mehr gewesen. Wann schon hatte dieser reiche Mann mal glückliche Tage gesehen, wann schon vermochte er sich seines enormen Wohlstandes dankbar oder gar in Demut zu bedienen? Zu erfreuen gar?

Freude über seine Krankheit?
Sicher, Fiedler fühlte sich schon ein wenig unwohl dabei, jetzt Hufs Ende zu überdenken. Freude etwa darüber zu empfinden, ihn zu überleben. Ein Sieg über ihn – jetzt, zu Guter Letzt, wo alles ins Unbedeutende abzugleiten geriet. Reduzierung auf Tod und Leben nur? Geld, was spielte es jetzt noch für eine Rolle. Für Huf, aber auch für ihn? Letztlich? Nicht dass er sein Ende in diesem Augenblick herbeiwünschte. Aber trotz allem beschäftigte ihn die Frage, warum sich gerade sein Greisenalter auf dieser Sonneninsel so unangemessen verlän
gern musste. Und er fand, dass in dieser Verlängerung für alle, die ihn zu ertragen, zu erdulden oder ihm zu dienen hatten, eine äußerst unangenehme Last mit einher ging. Vermochte er jetzt dem Gelde nicht mehr in so gieriger Weise nachzustellen, so gierte er fortan nur noch nach Leben. Und dies ohne Rücksicht auf die Familie, die ihm dafür sklavisch untergeordnet war, für den Erhalt seines sich verabschieden wollenden Lebens verantwortlich war. Es erdreistete sich, gegen seinen Willen gehen zu wollen, sein Leben!

Immer weitermachen…
Das Grausame dabei war sein völlig klarer Kopf, der unablässig seinem maroden Körper Befehle zum „weitermachen“ erteilte. Ohne dabei zur Kenntnis nehmen zu wollen, dass die Unmenge von Medikamenten, die er, einschließlich des Teufelszeug Cortison, in sich hineinstopfte, mit ihren verhängnisvollen Nebenwirkungen seinem nahezu mumifizierten Körper das noch verbliebene Restleben zunichte machte. Ob er wirklich nicht wusste, dass auch sein Leben – wie jedes andere Leben auch – vergehen würde, so, wie der Tagesschatten eines Oleanderstrauches? So schnell, so unauffällig, so still, so unbemerkt, ja, auch so unbeachtet! Sein beeindruckendes Hab und Gut, sein Besitz mit der Verpflichtung zur Geheimhaltung vor anderen – all dies hatte er sicher nie so betrachtet, als ob er nächstens sterben müsste. Bitter wird für ihn wohl seine letzte Pflicht werden, all dies loszulassen!

Hat Huf eine Seele?
Fiedler malte sich für den Augenblick das Ende dieser menschlichen „Fehlprägung“ aus. Wie könnte das mit dem Ende des Paul Huf sein, möglicherweise? Eines war für ihn, Fiedler, gewiss: nicht loslassen können, nicht loslassen wollen, macht diesem Reichen, diesem Gierigen, diesem Ruhelosen, diesem nimmersatten Ausbeuter sein Restleben am Ende Beweinens wert schwer. Und dann muss er gehen, würdelos, beinahe hinaus gejagt aus seinem Leben! Sein Leben? War es wirklich sein Leben? War es nicht nur so irgendein Leben? Belanglos gar? Ohne fundierten Inhalt, ohne Gewinn für seine Seele? Ohne die so unendlich glücklich machende Zufriedenheit. Hatte dieser ethische Krüppel überhaupt eine Seele? Aber er war ein so beschissener Kerl im Alter geworden, dass es ihm völlig gleichgültig war, aufgrund wessen Gnade er bisher überlebte – die Hauptsache für ihn war doch, dass er überhaupt noch lebte und dies ohne Qualitätsanspruch, lange schon.

Erlösung oder Strafe?
Peter Fiedler hatte das merkwürdige Gefühl, als würde sein Ende, sein Schicksal dem seiner Lebenssitten ähnlich sein. Er würde gehen, unbemerkt, unbeweint. Wie auch sollte einer wie er, der so den irdischen Gütern zuneigte, ihnen zu jeder Sekunde seines farblosen, eintönigen Lebens nachjagte, wissen, dass der Tod die letzte wahrhaftige Wohltat des Lebens überhaupt ist. Auch die seines so faden Lebens. Für einen wie ihn wäre gewiss ein frühzeitiger Tod kein Unglück, sondern Gnade gewesen. Sprach nicht der fromme Mann im Talar dann immer von Erlösung, ging einer von dieser Welt? Aber war einer wie Paul überhaupt zu erlösen? Wollte, konnte das Gott? Und wenn, von was Erlösung? War dieses Leben nicht Strafe nur? Ja, es gab Zeiten, da bedauerte, ja da verfluchte Fiedler jeden Tag, den dieser Kretin länger auf
dieser Erde herum schmarotzte, ohne dass der Tod ungerufen zu ihm gekommen wäre. Aber wie konnte einer wie der daran überhaupt nur einen Gedanken verschwenden? Gewiss, zu gegebener Zeit hatte der Tod schon was Gutes, seine durchaus Guten Seiten. Aber vermochte ein so egoistischer Mann wie Huf dies auch so zu sehen: Den Tod eben als Wohltäter, als seinen Erlöser?

Her mit dem Leben
Es war nicht unbedingt sein innigster Wunsch, wohl aber interessierte es Fiedler schon, wie dieser Gierige als „glücklicher“, „zufriedener“, „dankbarer“ Mensch einmal seinen Löffel abgeben würde. Was mochte ihm bleiben, dem, dem nie etwas genug sein konnte, nie etwas heilig war? Das, was er für den Augenblick seines Lebens hatte, würde über sein Ende nicht bleiben! Und das kleine, gewachsene Glück mit der alles adelnden Bescheidenheit hatte er nie kennenlernen wollen, hatte er stets nur verachtet. Nein, er war nicht der Mann, der jeden Tag seines Lebens dankbar bilanzierte, der mit des Tages Untergang seinen eigenen hätte verbinden und überdenken wollen. Paul Huf weigerte sich zu bekennen: ‚Ich habe gelebt‘. Vielmehr forderte er von jedem Tag, den ihm ein vielleicht zu gütiger Gott überließ: „Ich will leben!“ Und dies geschah keineswegs als zaghafte Bitte. Vielmehr war es ein ‚her damit, her mit diesem Leben. Meinem Leben. Gib es mir, lass‘ es mir, verdammt noch mal!‘ Auch gegenüber Gott war Paul Huf ein Fordernder! Aber leben nur so, warum nur?

Ist eine Versöhnung möglich?
Wie sollte er sich Huf gegenüber verhalten, der – gewiss zur Unzeit – Birgitta wissen ließ, dass es an der Zeit sei, wieder miteinander zu reden, den alten Streit zu vergessen. Nach all den Jahren des Schweigens und Ignorierens. Unter dem dezenten Hinweis auf Pauls schlechten Gesundheitszustand, wollte sie sich – ihrem Naturell gehorchend – zum Versöhnungswerkzeug machen lassen. Und Fiedler wusste, es wäre ein Fehler, zumindest keine großherzige Geste, diesem Versöhnungsbegehr am Ende seines Lebens nicht zuzustimmen. Für ihn, Fiedler aber war es noch nicht die Zeit. Auch wenn des anderen Zeit jetzt davonlief. Nein, Paul Huf hatte ihn um zu viel gebracht. Zumindest hatte er tatenlos mit angesehen, wie ihm sein Wertvollstes abhandenkam. Überdies ahnte Fiedler, dass er gerade in dieser Zeit des physischen und psychischen Niederganges des Paul Huf nur wieder Hilfe suchend angesprochen und ausgenutzt werden würde, geriete er wieder in allzu große Nähe zu dieser gierigen Familie. Und war diese Zeit erst einmal gekommen, kannte sie ohnehin keine Scham ihn wieder und wieder um Hilfe anzugehen. Dafür, dass es so sein würde, stand seine Erfahrung mit dieser Familie! Und diese Erfahrung sollte Fiedler nicht trügen. Fortsetzung folgt…

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