Pedro Mercant (57) ist Fischer in vierter Generation. Auf Fangtour geht er nur noch, wenn einer aus der Mannschaft seiner zwei Boote ausfällt. Die Netze flickt der Chef aber immer noch selbst. Und dabei entspinnt sich am Hafen von Cala Ratjada ein Gespräch über die Gefahren der Schleppnetze, zertifizierten Fisch von Mallorca und die verlorene Romantik der Fischerei.

Bunt schimmern die Fischernetze im Hafen von Cala Ratjada, wenn das erste Morgenlicht auf den Kai trifft, wo sie ausgebreitet liegen. Ein Gewirr aus blauen, grünen, gelben und roten Schnüren, das dem Laien unentwirrbar erscheint. Die Xarxers aber, die Netzflicker, sehen auf den ersten Blick, wo das kostbare Seemannsgarn gerissen ist. Ab dem frühen Morgen verrichten sie die immer gleiche, notwendige Arbeit. Mit dem Messer die losen Enden abschneiden, mit der Netznadel das neue Garn durch die Maschen ziehen, festzurren. Vier Trawler gibt es noch in Cala Ratjada, deren Schleppnetze zur Reparatur an Land gebracht werden. Jeder hat seinen eigenen Xarxer. Alte Fischer verstehen das Handwerk am besten und haben wohl auch die nötige Ruhe dazu. Denn die Arbeit ist zwar einfach, aber auch eintönig und langwierig.

Fischer Pedro Mercant flickt eines seiner Netze im Hafen von Cala Ratjada.

Relaxen beim Netzeflicken

Als die Sonne höher steigt, setzt sich Pedro Mercant seinen Hut auf. „Der Sicherheitshelm ist das wichtigste“, albert er herum, während seine Finger unentwegt weiter friemeln. Er ist einer der wenigen Xarxers, die es auf Mallorca noch gibt. „Früher habe ich gelernt, wie man Netze kaputt macht, später musste ich lernen, wie man sie flickt.“ Seit er 22 Jahre alt war, fuhr Pedro als Kapitän auf den Kuttern seiner Familie hinaus aufs Meer, um zu fischen. Vor ein paar Jahren hat er sich zwei Boote gekauft und managed den Fischfang seither von Land aus. In zwei Jahren geht er wohl in Rente. „Die Romantik in der Fischerei gibt es sowie nicht mehr“, erzählt er bedauernd. Der Fischfang ist kompliziert geworden.

„Früher sind wir einfach rausgefahren und kamen nachmittags mit dem Fang wieder rein. Heute musst du per Computer den Zeitpunkt der Ausfahrt und die Besatzung anmelden, später dann eingeben, wieviel du gefangen hast. Fischfang ist nur zwischen 5 und 17 Uhr erlaubt, Ausnahmen müssen beantragt und begründet werden.“ Das klingt tatsächlich wie ein Verwaltungsakt. Und trotzdem sind die jungen Fischer lieber draußen auf dem Meer, als am Hafen zu sitzen und Netze zu flicken. Pedro winkt hinüber zu einem einfahrenden Boot. „Wie stolz die jungen Kapitäne herein kommen“, sagt er mit einem Lächeln. „Ihre ganze Haltung sagt: Wieder eine Schlacht gewonnen.“ Die alten Seebären, so wie er selbst, haben ihren Spaß gehabt in den letzten Jahrzehnten. Jetzt genießen sie das Meer von Land aus. „Beim Netzeflicken kann ich herrlich relaxen“, sagt Pedro während er Zentimeter um Zentimeter weiter rutscht, um die Maschen zu reparieren.

Felsiger Meeresboden reißt Löcher

Der Festlandssockel vor Mallorca ist besonders felsig, da reißen die Netze leicht. „Der Meeresboden ist ja nicht plan, der hat Schluchten und Berge, an denen die Netze hängen bleiben können“, erklärt er. Die Trawler fahren mit ihren Grundschleppnetzen bis 30 Kilometer vor die Küste, um in 600 Metern Tiefe Gambas zu fischen. Geheimtipps, wo man den besten Fang rausholt, gebe es heute aber nicht mehr. „Jeder von uns hat eine App auf dem Handy, auf der er die Positionen aller Boote sehen kann. Wenn du mit einer reichen Ausbeute wiederkommst, liegen am nächsten Tag vier weitere Boote vor Ort, weil sie dich auf dem Radar haben.“

42 mm dürfen die Maschen des Schleppnetzes eng sein.

Jedes Netz ist ein „Designerstück“

Gambas zu fangen gilt als hohe Kunst. „Du darfst das Netz nicht zu langsam ziehen, sonst versinkt es im Schlamm. Aber auch nicht zu schnell, sonst fängst du nichts.“ Es liegt am Können der Fischer, wie umfangreich der Ertrag eines Tages ist. Aber auch am Netz. Jedes Boot hat eine unterschiedliche Motorkraft, deshalb ist kein Netz wie das andere, jedes wird individuell angefertigt. Ein Entwurf dafür sieht aus wie ein Schnittmusterbogen im Modeatelier – und das Ergebnis ist mit 9.000 Euro auch entsprechend teuer. Da sorgt man sich schon darum, dass es sorgfältig wieder in Schuss gebracht wird.

Fischbestand muss geschont werden

Der Anspruch an die Fischerei ist in den vergangenen 30 Jahren enorm gewachsen. Sensoren am Netz schicken Daten an den Computer an Bord, der die Netzausrichtung interpretiert. So ein Kutter ist ausgestattet mit teurer Elektronik. „Heute muss man aufpassen, dass man mit dem Fang mehr verdient, als das Boot kostet“, bringt es Pedro auf den Punkt. „Trotzdem kann man noch gut leben von der Fischerei“, betont er. „Wir neigen dazu, zu jammern. Aber wir können ja selbst auch etwas tun, um den Fischbestand zu schützen.“ In einer Selbstverpflichtung haben sich die Fischer von Mallorca bereit erklärt, nur noch an vier Wochentagen rauszufahren. Die Regionen wechseln sich dabei turnusmäßig ab. Um den Bestand zu schonen, steht der Seekorridor zwischen Mallorca und Menorca schon länger unter besonderem Schutz. Die Fischerei ist hier nicht verboten, sondern streng nach Fangzeiten und Fischarten reguliert.

Schaden durch Schleppnetze minimieren

Dass gerade die Schleppnetzfischerei negative Auswirkungen auf den marinen Lebensraum hat, daraus macht Pedro gar keinen Hehl. Die zwei je 600 Kilo schweren Scherbretter, die die Netzöffnung spreizen, pflügen über den Meeresboden und zerstören so das Ökosystem. „Es gibt ein neues Prinzip, das wir einführen wollen, dabei bleiben die schweren Torflügel aus Metall dank Sensortechnik drei Meter über dem Boden. So könnte man den Schaden minimieren.“ Allerdings koste die Einführung der neuen Technik ein kleines Vermögen. „Und trotzdem müssen wir das tun, sonst sind wir in 20 Jahren am Ende, weil wir uns selbst unsere Lebensgrundlage entziehen.“

Mit Plastikschildern getaggte Langusten garantieren einen Fang in den Gewässern um Mallorca.

Nur 18 Prozent Mallorca-Fisch auf dem Tisch

Sinkende Fischbestände und strenge Fangregeln machen den Fisch vergleichsweise teuer. „Es gibt eine Studie, dass der Fisch, der auf Mallorca gegessen wird, nur zu 18 Prozent aus Mallorca kommt“, sagt Pedro. Die Hotels, so erklärt er, achten bei Fisch und Schalentieren eher auf den Preis als auf das 0-km-Prinzip, mit dem gern andere Lebensmittel angekauft werden. Ob tiefgekühlte Massenware aus dem Atlantik oder billige Angebote aus Algerien – die einheimischen Fischer sind in jedem Fall preislich im Nachteil. Wer aber Wert auf lokale Produkte legt, sollte sich im Restaurant danach erkundigen. Echter Fang aus Mallorca ist zertifiziert und an farbigen Markierungen zu erkennen, die Auskunft darüber geben, von welchem Boot er stammt. St.Petersfisch ist mit roten Bändchen markiert, Langusten haben gelbe Kennzeichnungen. Allerdings gilt wie bei gutem Fleisch oder Brot auch hier – Qualität hat ihren Preis. Während der Fischer für 1 kg Thunfisch 7 Euro bekommt, wird das Kilo im Restaurant für 40 Euro verkauft.

„Wir sind so wenige, man sollte uns unter Schutz stellen.“

Pedro wischt sich den Schweiß von der Stirn. Die hohe Mittagssonne bereitet dem Netzeflicken ein natürliches Ende für heute. Jetzt noch einen Cortado im kleinen Hafenrestaurant an der Mole. Pedros Hand weist in Richtung Horizont. „Nach der Ausgangssperre konnte man von hier aus Delfine vorbei schwimmen sehen.“ Der Fischbestand hat sich erholt während dieser Zeit. „Aber nicht etwa, weil die Fischer im Hafen geblieben sind. Nein, der Grund für die saubere Umwelt ist, dass die 50.000 Sportboote nicht auslaufen durften, die normalerweise die Gewässer verschmutzen.“ Auf ganz Mallorca gibt es nur noch 23 Trawler und knapp 190 kleinere Fischkutter. In Cala Ratjada sind vierzig Fischer übrig geblieben. „Wir werden mit den Jahren immer weniger.“ Die Arbeit ist hart, der Ertrag nicht gerade verlockend für ein müheloses Leben. „Wir sind so wenige, uns sollte man unter Schutz stellen“, grinst Pedro. Zumindest sollte man wieder Fisch aus der Region essen, um nicht den Massenprodukten den Teller zu überlassen.

Frischer Fisch zum Verkauf
Der Sohn von Pedro Mercant liefert frischen Fisch aus Cala Ratjada an Restaurants und direkt nach Hause.
Bestellungen über FB @Pesqueres Mercant Sirer oder Whatsapp 616 67 35 06

Text: Christiane Sternberg, Fotos: Marcos Gittis, Pedro Mercant

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