Der Gesang der Sibylle

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„Morgen, Kinder, wird’s was geben…“, so singt wohl heute so manches deutsche Kind. Jedes Land hat seine eigenen Weihnachtsbräuche und auch seine eigenen Weihnachtslieder. Statt dem klassischen „Stille Nacht, heilige Nacht“ und dem „Oh Tannenbaum“ gibt es auf Mallorca einen Gesang, der es sogar auf die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit geschafft hat. Geht man an Heiligabend auf der Insel in die Kirche, kann man den archaisch anmutenden Brauch aus dem Mittelalter hautnah erleben. Die Rede ist vom „Gesang der Sibylle“ (El Cant de la Sibil·la ) – ein Lied, vorgetragen von einem jungen Mädchen mit einem Schwert in der Hand, im Text geht es um den Untergang der Welt. Er geht zurück auf lateinische Texte aus dem 10. Jahrhundert, die auf Voraussagen vorchristlicher Seherinnen beruhten und die Apokalypse thematisierten. „Sibylle“ ist dabei nicht der Name einer einzelnen Frau, sondern die allgemeine Beschreibung altgriechischer Prophetinnen, die dem Volksglauben nach die Zukunft voraussagen konnten. Anfang des 15. Jahrhunderts wurden die Texte ins Katalanische übersetzt und entwickelten so auch einen folkloristische Bedeutung im katalanischen Sprachraum, nicht zuletzt, da Varianten des Textes in verschiedenen Dialekten entstanden. In der Kathedrale in Palma und in der Klosterkirche in Lluc ist der urtümliche Gesang in Mallorquinisch immer noch fester Bestandteil der Weihnachtsliturgie. Früher war der Brauch im gesamten iberischen Raum verbreitet, heute wird er außerhalb von Mallorca nur noch auf Sardinien praktiziert.

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