Wo die Frauen dominieren und die Männer folgen

Getanzt wird auf jedem mallorquinischen Fest. Aber es sieht kompliziert und anstrengend aus: Jede Menge verschiedener Schrittkombinationen, dabei gehen die Arme nach oben, und man tanzt und hüpft in Gruppen – mal im kleinen, mal im großen Kreis, mal in Zweierreihen. Aber Achtung Männer: die Frauen führen beziehungsweise geben die Richtung vor!

Mal sind es organisierte Gruppen, die ihn vorführen, mal tanzen die Einwohner. Und zwar junge wie alte, dünne wie dicke, Arbeiter, Hausfrauen, Akademiker und Studenten – jeder halt. Getanzt wird der Ball de Bot, wobei dies eigentlich der Überbegriff für verschiedene Tänze ist, die teils vom Festland stammen wie der Bolero, der im 16. Jahrhundert als Modetanz in ganz Spanien entstand, den zeremoniellen Fandango gibt es seit dem 18. Jahrhundert in Andalusien und die schnelle Jota mit ihren sprunghaften Bewegungen stammt aus Aragon und kam erst Anfang des 19. Jahrhunderts auf die Insel. Einzig die Copeos und die Mateixes sind mallorquin und sind seit etwa dem 15. Jahrhundert bekannt.

Franco hat‘s verboten
Auch bei den Ursprüngen geht die Schere auseinander. Einige der Ball de Bot-Tänze wurden einst von Adligen getanzt, andere wiederum von Feldarbeitern auf den Festen der adeligen Gutsherren zum Abschluss der Ernte. Die Tänze symbolisieren bis heute das Gefühl von Freiheit, Glück, Einfachheit
und innerer Ruhe. Kein Wunder, war der Ball de Bot, der Tanz der Hüpfer, doch unter Franco verboten, weil zu volksnah. Aber man tanzte heimlich weiter, doch eher auf dem Land als in Palma. Das Verbot entsprach auch der Meinung der Kirche, die früher ebenfalls den Ball de Bot ablehnten, wenn auch eher aus moralischen Gründen. Er sei obszön, hieß es. Sie revidierten ihre Meinung erst, als sie andere Paartänze sahen – und wurden Befürworter des harmlosen Volkstanzes. Musikalisch begleitet werden die Tänzer zum einen von sich selbst, das heißt vom Klang der Kastagnetten, die etliche der Tänzer in ihren Händen halten. Zum anderen von einer Ximbomba, eine inseltypische Reibetrommel, einer Xeremia, einem Dudelsack-ähnlichem Blasinstrument, einem Tamburin, einer Gitarre und der Einhandflöte Flabiol. Jedoch werden heutzutage auch weitere Musikklänge integriert, wie zum Beispiel die eines Klaviers oder einer Hängetrommel. Der Gesang dazu ist meist poetisch und es wird über die Liebe gesungen oder den Schmerz, wenn diese nicht erwidert wird.

Farbenfrohe Röcke
Wenn man bei den Volksfesten einfach anfängt zu tanzen, gibt es keine bestimmte Kleidung, jeder hat das an, was er halt gerade anhat. Die organisierten Tanzgruppen hingegen tragen Tracht. Bei de Frauen ist dies ein langer, weiter Rock im rustikalen Stil und in dunkler Farbe, kombiniert mit einer schwarzen Bluse. Der weiße Rebocillo
aus weißem Stoff, oft bestickt, bedeckt den Kopf und verleiht der Tracht eine besondere Eleganz. Bei besonderen Tanzanlässen darf es natürlich auch etwas schicker mit farbigen Röcken sein. Unter ihren Röcken tragen sie eine knielange weiße Hose mit Rüschchen, weiße Strümpfe und einen weißen Unterrock. Die Herren tragen weite Hosen, die so genannten Calçons, die bis knapp unter das Knie gehen, weiße Kniestrümpfe, helle Hemden und zu den Calçons passende Westen. Dazu gibt es flache Schuhe, nur die Damen besitzen auch Schuhe mit Absatz und Riemchen, die sie jedoch nur in Kombination mit ihren farbenfrohen Röcken tragen.

Tanzen schon als Kleinkind
Der mallorquinische Folkloretanz findet auch weit über Mallorca hinaus immer mehr Liebhaber. Diese Popularität ist vielen Tanzschulen zu verdanken, unter anderem auch den Tanzschulen Calabruix in Llucmajor oder Escola de Música i Danses de Mallorca in Palma, die mit ihren Auftritten in Deutschland, Polen, Frankreich oder gar in China für große Begeisterung sowie Interesse an der mallorquinischen Kultur sorgen. Die Tanztradition (und die Tracht) wird von Generation zu Generation gerne weiter gegeben und somit ist es gar nicht so unüblich, wenn schon die ganz Kleinen im zarten Alter von drei Jahren mit viel Spaß und Spiel an diese Tanzkultur herangeführt werden. Eine Altersgrenze nach oben gibt es nicht, in den Tanzschulen ist jeder, der sich
für die mallorquinische Tanzkultur interessiert und ein wenig Rhythmusgefühl besitzt, gerne willkommen. Ob es in dem eigenen Wohnort eine Tanzschule gibt, die den „Ball de Bot“ anbietet, kann man leicht über das Internet herausfinden oder man fragt beim örtlichen Rathaus nach.
Juliane Mayol Pons, Martina Zender


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