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Vorhänge und Bettwäsche, Taschen und Tischdecken, Schürzen und Schuhe, Kissen und Kleidung für Damen und Herren sowie kleine Accessoirs wie Buchhüllen, Krawatten und Hosenträger, sie beziehen sogar Möbel wie Sonnenliegen und Stühle mit dem schick gemsuterten Stoff en: Zungen, wohin man sieht. Als “Zunge” bezeichnet man das spezielle Muster, das auf Mallorca überall zu sehen ist: Tela de lengua nennt man es auf mallorquín.

Ein Immigrant aus dem Orient
Einst im 16. Jahrhundert kamen Stoff e, hergestellt mit der Ikat-Technik, aus dem Orient über die Seidenstraße bis hin nach Mallorca, wo es weiterentwickelt wurde. Das besondere dieser Webtechnik: das Garn wird abschnittsweise vor der Verarbeitung eingefärbt, wobei zum einen auch mehrere Farben oder auch ungefärbte Abschnitte dazwischen möglich sind Der Begriff leitet sich aus dem Malaiischen ab und bedeutet “abbinden, umwickeln”. Auf Grund dieser besonderen Technik ist das Muster auf beiden Stoff seiten gleich. Tipp: Wollen Sie wirklich originalen und authentischen Zungenstoff kaufen, um sich daraus selbst etwas zu schneidern, und ist das Angebot günstig, dann drehen Sie ihn um. Nachahmungen sind nur einseitig bedruckt, nicht Ikat-mäßig gewebt. In ganz Europa gibt es übrigens nur noch drei Firmen, die mit dieser traditionellen Technik arbeiten – und alle drei sind auf Mallorca. Da wäre die Firma Bujosa Textil in Santa Maria del Camí (www.bujosatextil.com, seit 1949), die Firma Teixits Riera in Lloseta (www.riera.com, seit 1896) und das Familienunternehmen Teixits Vicens in Pollença, gegründet 1854, die wir für den Artikel besucht haben.

Dritte Generation Martí Vicens

Wie alles begann…
Den Anfang machten Wollgarne, die der erste Vicens sponn. Sein Sohn Martí Vicenç i Vilanova begann schon mit der Stoff -Fertigung. Dessen Söhne Martí und Rafel wuchsen quasi mit dem Stoff in der Nase auf und begannen auch früh sich selbst an die Webstühle zu setzen. Ihre ersten Produkte waren die sogenannten “Canyons”, eine Art Schürze aus Wolle und Garn. Doch bevor der Vater wiederum seinen Söhnen das Handwerk perfekt erklären und sie in die Geheimnisse einführen konnte, wurde er im Bürgerkrieg von Soldaten Francos getötet und die Fabrik zerstört. Seine Witwe und die damals noch jungen Kinder hatten kein Geld, um die Firma anschließend wieder aufzubauen – sie mussten andere Jobs annehmen, um zu überleben. Doch der Ruf der Stoff e war stark, so stark, dass der erwachsene Martí den Neuanfang mit Antonia Capllonch als Ehefrau an seiner Seite wagte. Geblieben waren ihm nur Erinnerungen, einige übrig gebliebene Stoff e als Vorlage und ein kleines Notizbuch, dass sein Vater hinterlassen hatte. “Darin waren beispielsweise die Formeln für die Farbmischung vermerkt – und die nutzen wir bis heute”, so Marga Campomar, die Marketingchefin der Firma.
Die Ära Marti Vicens Alemany
Gleichzeitig war Martí Vicens Alemany ein Künstler, der malte, Skulpuren schuf und seine künstlerische Ader auch in die Arbeit mit den Stoff en einbrachte, ebenso wie seine Frau. Martí Vicens hat quasi den Zungenstoff zu seiner Zeit neu erfunden und ihn vom ersten Moment an mit seiner persönlichen Note in Bezug auf Muster, Farben und Modellen versehen. Eine innovative, gleichzeitig aber auch die Tradition respektierende Stoff kollektion. In seiner frühen Zeit wurden aus Stoff en auch schon Produkte wie Decken, Vorhänge, Taschen oder Schürzen. Dieses Portfolio wurde nach und nach erweitert. Er starb 1995 mit knapp 70 Jahren. Die frühere Fabrik an den Stufen des Kalvarienbergs gelegen – in den 60er Jahren zog man in das heutige Areal Ca’n Berenguer an der Rotonda von Pollença – dient heute als Museum und zeigt sowohl seine künstlerischen Arbeiten wie Historisches aus der Stoff fabrik inklusive alten Werkzeuge und Materialien.

Die Besitzer-Familie Vicens

Die vierte und fünfte Generation
Seit seinem Tod sind seine Töchter Juana (61) und Cati (48) am Ruder. Und Martina, eine Tochter von Juana arbeitet ebenfalls mit. Als Designerin hat sie einige Muster kreiert. Apropos Familie: Das Wort Familienunternehmen wird bei Teixits Vicens wirklich gelebt. Von insgesamt 18 Firmenmitgliedern sind mehr als die Hälfte miteinander verwandt. Neben den Besitzern und ihren direkten Nachkommen sind dies Vettern und Cousinen. Jeder hat seinen Platz und bringt seine Fähigkeiten ein. Man ging auch neue Wege, kreierte spannende Accessoirs und Ungewöhnliches aus Zungenstoff . “Erst letztens wurde sogar ein Anzug für einen Bräutigam von uns aus Zungenstoff genäht”, erzählt Marga Campomar. Eine besonders interessante Kooperation wurde mit der Kochvereinigung Chefs(in) eingegangen, die eine Vielzahl von balearischen Meisterköchen vertritt. Hierfür entstanden Sets, Servietten, Tischläufer, Schürzen und vor allem witzig-praktische Besteck- und Messer-Stofftaschen – die natürlich für jedermann nun zu kaufen sind.

Einblick in die Fabrikation
Doch wie entstehen überhaupt diese wunderschönen und vielseitig einsetzbaren Stoffe? Den Anfang machen die Baumwollgarne, die auf Spulen gewickelt werden, um sie zu für einfarbige oder gestreifte Stoff e zu färben. Für die Stoff e mit Ikat-Musterung werden 200 Meter Kettfäden eingefärbt, wobei die Fadenzahl vom gewünschten Eff ekt abhängt. Um das Zungenstoff -Muster oder dessen Varianten zu erzielen, werden die Garne in regelmäßigen Abständen mit Papier umwickelt, dass mit einem Gummiband festgezurrt wird. Das
Ganze erinnert an die früheren Batik-Versuche meiner Jugend… Nach dem Färben wird das Garn mit Wasser und Seife gewaschen, um jede Art von Verschmutzung zu eliminieren und das Abfärben zu verhindern. Dann wird das Garn zum Trocknen aufgehangen und zwar im verwinkelten Dachboden der Firma. Es kann aus Platzgründen immer nur einen Trockenvorgang geben, der im Sommer nur einige Tage, aber im Winter bis zu zwei Wochen dauern kann. Somit ist das Produzieren von Garnen und Stoff en eine sehr aufwändige Angelegenheit. Es folgt im Erdgeschoss das eigentliche Weben mit Kett- und Schussfäden, die ersten vertikal, die zweiten horizontal verlaufend. Die Musterung wird mit den Kettfäden erzeugt. Man spannt exakt 2052 Fäden auf den Webstuhl. Dabei bestehen die Kettfäden aus Baumwolle, die Schussfäden aus Leinen, die für eine besondere Dichte sorgen. Alle Stoff e von Teixits Vicens bestehen somit zu 70 Prozent aus Baumwolle und zu 30 Prozent aus Leinen, stets mit einer Breite von 150 Centimetern. Insgesamt entstehen so etwa 100 verschiedene Muster und Farben.

Weiterverarbeitung der Stoffe
Zurück auf dem Dachboden kommt man zu den Damen der Schneiderei, die zum einen alle Teile, die im Laden zu sehen sind, von Hand nähen und anfertigen. Zum anderen wird hier nach Wunsch des Kunden maßgefertigt. “Wir bieten dies, inklusive des Vor-Ort-Maßnehmens, unseren Kunden für letztlich jede Art von Produkt an. Hauptsächlich sind dies jedoch Vorhänge, Decken oder Kissen in speziellen Größen”, erklärt Marga Campomar.

Showroom
Wer den großen Verkaufsraum der Firma betritt, ist überwältigt von der Vielfalt des Angebots. Neben den Stoff ballen und jeden erdenklichen, daraus entstandenen Produkten bis hin zu kleinen niedlichen Püppchen, angezogen mit Zungenstoff , gibt es sogar Keramikarbeiten, Geschirr, das eine Firma aus dem Töpferdorf Portol speziell für sie anfertigt. Wer hier nichts fi ndet, ist selbst schuld. Alle Produkte kann man natürlich auch im OnlineShop der Firma ordern.
Teixits Vicens Rotonda de Can Berenguer s/n, Pollença Geöff net Mo-Fr 9-19 Uhr, Sa 10-14 Uhr Tel.: 971 530 450 www.teixitsvicens.com
Martina Zender, Fotos: Martina Zender und Teixits Vicens


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