Der unermüdliche Künstler und die Unendlichkeit der Strukturen

Joan Gibert
In seiner Wohnung in Palma, die so voll mit seinen Gemälden ist, dass sie den Anschein hat zu platzen, treffen wir einen gebildeten und aufgeklärten, attraktiven 85-jährigen Mann, der voller Lebensenergie und Freude nur so sprüht, und wir fragen uns: Wie geht das? Joan Gibert ist hochenergetisch, expressiv und andere könnten denken er ist aufgebracht. „Aber nein, das ist mein Temperament, meine natürliche Art zu sein, ich war immer so“, erläutert er eindringlich.

„Grup Tago“
Jung, rebellisch und immer auf der Suche nach neuen Techniken, war Joan Gibert 1959 das jüngste Mitglied des Küstlerkollektivs „Grup Tago“, eine der wenigen und bedeutsamsten Avantgarde-Trendgruppen der Balearen, die auf der Insel entstanden sind und bis 1964 existierten. Mit dem Bestreben traditionelle Formen zu brechen und unter dem Motto „Einheit ist Stärke“ ließen sich angesehene Künstler, die alle große Erfahrung auf komplexen und vielschichtigen künstlerischen Gebieten besaßen, auf das Abenteuer der „Findung neuer Ausdrucksformen“ ein. 

Strukturen
Im Laufe seines Lebens hat sich Joan immer mit dem Zeichnen und Malen von Strukturen auseinandergesetzt und viele Techniken entwickelt, die ihn zu einem eigenen abstrakten expressionistischen Stil in seiner Kunst führten. Wenn er z. B. sehr viele Male Ölfarbe aufträgt, entwickelt sich dabei eine immer wieder neu entstehende Struktur an Dichte und Tiefe in seinen Bildern. Es ist ein tagelanger Vorgang von Auftragen und Trocknen. Hilfsmittel wie Pappe, Stoffe, Hölzer und Metalle werden gerne mit eingearbeitet, so entstehen neue Schichten und Dreidimensionalität. Es gibt auch den Joan, der uns anhand von einer Minute zeigt, was Kunst noch sein kann. Er skizziert mit sieben bunten Filzstiften in einer Hand ein Gesicht, kritzelig agiert er, irre schnell und fast schon hektisch, als wollte er alles Strukturelle von sich werfen…

Mumifizierte und goldene Wellen
Ein Bericht über den Fund einer 1.500 Jahre alten Mumie, die in einem See in Dänemark gut erhalten gefunden wurde, inspirierte ihn zu einer Serie von reliefartigen Kunstwerken. Darauf zu sehen sind in Wellenformen übergehend angedeutete Strukturen von menschlichen Körpern, oft Gesichtern. Auf einer Holzplatte hatte er mit kleinen Nägeln, den Stoff von Kartoffelsäcken befestigt und ihn immer wieder vorsichtig, mit in Leim angerührtem Talkpulver, überschüttet. So entstanden durch das Material, die Pinselführung und die Modellierung neue Strukturen, die er dann mit goldener Ölfarbe unzählige Male übermalte. Unheimlich und schön wirken diese in Wellen verzauberten Wesen fast lebendig.

Lehrer, Grafikdesigner, Künstler
Über 32 Jahre war er Lehrer an der Hochschule für angewandte Kunst und Design. „Wenn bei anderen Lehrern an einer Technik lange geübt wurde, wechselte ich die Techniken manchmal wöchentlich, das war eine echte Herausforderung für meine Schüler. Heute noch treffe ich sie auf der Straße und sie können sich gut an mich erinnern“, lacht Joan. Mit der Erforschung der Farben hat er sich intensiv beschäftigt.  Wie sie sich zum Licht verhalten, wie sie sich mischen und wie sie neu entstehen. Wie sieht der Ausschnitt eines Kunstwerkes von ganz nahem aus, und wie von weitem, er vertieft sich, bis er jeden Winkel studiert und analysiert hat und die Struktur sieht. Er wird dessen nicht müde, alles hat für ihn ein „Eigenleben“. „Durch meine Nichtkonformität entstand in mir immer eine Suche nach neuen Formen, eine ständige Veränderung und eine innere Beweglichkeit.“

In der Werbebranche hat er für viele Agenturen gearbeitet, unter anderem für die Tageszeitung Última Hora, La Hoja Del Lunes, Diario de Mallorca, Mallorca Daily Bulletin. Und er war an vielen Werbekampagnen beteiligt wie Eléctrica Española, Coca-Cola, Cruzcampo, Allegro und die Pepsi-Kampagne von 1962. Durch seine künstlerische Inspiration war er ein sehr gefragter Grafikdesigner und setzte seine eigenen Maßstäbe. Er lebte und arbeitete zudem ein Jahr in Finnland, wo er auch als Künstler ausstellte. Verheiratet war er 20 Jahre mit einer Dänin, so hielt er sich viel in Dänemark auf und stellte auch dort aus. Schon lange hat Joan aufgehört die vielen Kollektivausstellungen, Soloausstellungen, Prämierungen und Auszeichnungen zu zählen. Bis heute ist er noch aktiv und sieht sich als Erschaffer und Kreativkopf, der sich durch nichts ausbremsen lässt, auch nicht durch das Alter. 

Joan Gibert hat eine bewundernswerte körperliche Konstitution. Er war ein großer Sportler, Sport-Reiter und zweimal Schwimm-Meister auf den Balearen. Auffällig ist auch sein sehr gutes Gedächtnis. Er weiß alles über das Mallorca seiner Zeit und die „Garde“ der großen Literaten, Maler, Poeten, Musiker und Künstler. Ein liebenswerter Mensch mit genialen Fähigkeiten und guter Persönlichkeit. Er ist ein seltener Zeuge einer Zeit, in der auf der Insel die ersten Postkarten entstanden, es noch keine Autobahnen existierten, das „Tito’s“ noch weltweiter Anziehungspunkt der Highsociety war, es in vielen Bars noch Live-Musik gab und man noch diese „gewisse ausgelassene Atmosphäre“ in Palma spürte. 

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Joan Gibert

Nermin Goenenc, Roman Hillmann
Fotos: Roman Hillmann, Archiv Joan Giber
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