Für die Hamburgerin Carmen Molinar und den Mallorquiner Lorenzo Rosselló ist das Evolution! Mallorca International Film Festival 2019 schon jetzt ein Gewinn. Von über 2.000 Filmeinreichungen schafften es ihre beiden Filme (produziert von ihrer gemeinsamen Firma Mallorca Film Production) in den internationalen Wettbewerb: AVISOS, eine 40-minütige Dokumentation über die Wettertragödie im Dorf Sant Llorenç und im Llevant im letzten Oktober. (Regie: Lorenzo Rosselló) und WHO, ein lustiger Kurzfilm über zwei Frauen, die aneinandergeraten (mit Ewa Watscharska & Carmen Molinar, Regie Oliver Torr).

Die Produzentin, Schauspielerin und TV-Stimme Carmen Molinar spielt außerdem die Hauptrolle im ebenfalls teilnehmenden spanischen Kurzfilm MIRAME, über die Scham, die ein misshandelter Mensch fühlen kann (Regie: Juan Andrés Mateos).

EL AVISO: Was bedeutet für Sie die Auswahl Ihrer Filme für das Evolution Filmfestival? Carmen Molinar: Es ist für uns eine große Auszeichnung, Ehre und Freude, wir haben zwei Filme eingereicht und zwei Filme sind aufgenommen worden. Das ist wirklich cool und wir sind auch ein bisschen stolz, denn als Produzenten sind wir Newcomer.
Lorenzo Rosselló: Ja, sehr stolz – und das muss gefeiert werden. Bei AVISOS habe ich zum ersten Mal Regie geführt, dieser Film liegt mir besonders am Herzen. Es war vielleicht die schlimmste Katastrophe in den letzten hundert Jahren, die wir am 9. Oktober letzten Jahres erlebt haben. Ich komme aus Artá und habe das Ausmaß direkt mitbekommen. Wir waren – wie fast alle Nachbarn – als Helfer in den nächsten Tagen dabei und haben nebenbei Betroffene und andere Helfer interviewt. Aus acht Stunden Material entstand eine 40-Minuten-Dokumentation aus der Sicht eines Helfers.
CM: Es geht weniger um die Bilder der Katastrophe selbst, als darum, was die Menschen bewegt hat in dem Moment. Der Verlust, aber auch die Solidarität, die Menschlichkeit und das Zusammenrücken. Nach dem Festival wollen wir mit AVISOS in die Theater und Veranstaltungshäuser der Dörfer, aufklären und auch gemeinsam überlegen, ob und wie man sich schützen kann.

EA: Dokumentation ist das eine, was zeichnet Ihre Kurzfilme aus?
CM: Es sind Geschichten zu Themen, die uns bewegen. MARTHA war unser erster Film, der die Frage stellt, ob wir wirklich das Leben leben, was wir leben wollen. Wir besprechen mittags beim Essen oder abends beim Wein was uns wichtig ist und welche Denkanstöße wir geben wollen. Bevor wir dann in die Produktion gehen, überlegen wir am nächsten Morgen noch mal, ob das wirklich so eine gute Idee ist (lacht) und wenn wir uns einig sind, binden wir unsere Freunde aus der Filmbranche mit ein. Diesmal z.B. stammt die Musik bei AVISOS von Markus Schnitzler und bei WHO von Nico Vinces Dahlen.
EA: Wie geht es nach so einem Filmfestival mit Kurzfilmen weiter, so viele Sendeplätze im TV gibt es für Kurzfilm ja leider nicht…?
CM: Wir werden WHO auf weiteren Festivals einreichen. Und es gibt neue Plattformen für Kurzfilme. Arte und WDR haben zudem ihr Format Kurzschluss, Samstag Nacht, und ich fände es gut, wenn mehr Sender regelmäßig Kurzfilm-Reihen etwa nach Themenkomplexen zeigen würden. Es gibt so wunderbare Kurzfilme. LR: Und nach 2-3 Jahren stellen wir unsere Filme dann frei ins Internet
EA: Werden Ihre Aktivitäten staatlich unterstützt?
LR: Ja, es gibt die Mallorca Film Commission, die ist wirklich sehr aktiv. Auch die Balear Film Commission hat uns mit guten Ratschlägen bei Martha geholfen, Gebühren für Filmaufnahmen an den Stränden und an der Küste zu vermeiden.
CM: Da ich am liebsten in Cala Ratjada bin, um zu drehen, steht uns das Ayuntamiento de Capderera auch jedes Mal zur Seite.

EA: Die Mallorca Film Produktion ist eine deutschmallorquinische Partnerschaft. Hat das Vorteile?
CM: Wir kennen uns schon unser halbes Leben, vor etwa 10 Jahren haben wir uns dann richtig angefreundet, als Lorenzo gerade eine Weiterbildung zum Kameramann machte und ich noch unter anderem für Stern-TV tätig war. LR: Das ergänzt sich sehr gut. Mallorquiner sind etwas langsamer und Carmen ist ein Torpedo und hat mich bei der Arbeit oft sehr motiviert und angespornt. Und ich bin deutlich pünktlicher als früher
CM: … manchmal ist er schon deutscher als ich und ich wiederum habe gelernt, gelassener zu werden. Lorenzo bringt mir jeden Tag aufs Neue bei, dass man auch entspannt und mit Leichtigkeit professionell arbeiten kann. Wir sollten alle viel mehr voneinander lernen…

EA: Wie nutzt man so ein Festival optimal für sich, als Produzent, als Schauspieler, aber auch als interessierter Zuschauer?
CM: Evolution zum Beispiel ist perfekt um Leute aus der Filmbranche kennen zu lernen. Im S´Escorxador (das Zentrum beinhaltet auch den Mercado San Joan und das Cine Ciutat) ist alles konzentriert, es gibt keine Trennung zwischen VIP und Nicht-VIP. Und es gibt mehrmals das Cafe Con Cine morgens im Rialto Living. Dort hat auch das Publikum die Möglichkeit, mit allen ins Gespräch zu kommen: Regisseure und Schauspieler zu ihren Filmen zu befragen. Und auf einmal saß man dann da mit Danny de Vito oder Mads Mikkelsen im Gespräch. Ich habe durch diesen Austausch alleine dieses Jahr drei internationale Rollenangebote bekommen. Wir sind auf jeden Fall wieder die ganze Woche dabei.
LR: Ja… Nos vemos en Evolution! Mallorca International Film Festival
Das Gespräch führte Frank Heinrich

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