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Interview

Wir sprachen zu diesem Thema mit Dr. Andreas Schümchen. Er ist Professor für Journalistik, Medieninnovation und Digitalisierung an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Der promovierte Medienwissenschaftler war viele Jahre als Journalist tätig und ist Autor mehrerer Fachbücher, Referent bei Tagungen und Berater von Medienunternehmen.

Andreas Schümchen


EL AVISO: Herr Schümchen, Sie sind Professor für Technikjournalismus, Medieninnovation und Digitalisierung. Wie innovativ sind Sie selbst in Bezug auf die fortschreitende Digitalisierung?
AS: Tatsächlich muss ich alles, was es an neuer Medientechnik gibt, gleich ganz schnell selber ausprobieren. Da bin ich sehr neugierig. Was aber auch nicht heißt, dass ich von allem gleich begeistert bin. Die derzeitigen Virtual-Reality-Anwendungen etwa überzeugen mich noch nicht.
EA: Eine Generationsfrage scheint die Nutzung beispielsweise digitaler Medien nicht zu sein, die Jugend macht in kurzer Zeit deutliche Sprünge im Nutzungsverhalten…
AS: Für die „Digital Natives“ sind digitale Medien ungefähr so spannend wie für ältere Generationen ein Telefon oder eine Mikrowelle. Streaming-Angebote wie Netflix oder Amazon Prime werden ganz selbstverständlich genutzt, weil sie einfach da sind.
EA: Die Welt verändert sich rasant, insbesondere durch die digitale Transformation. Gibt es demnächst noch die klassische gedruckte Zeitung oder das Buch zum Blättern?
AS: Wir erleben schon jetzt eine Renaissance der gedruckten Magazine. Papiermedien, die sich angenehm anfühlen, deren Akku nicht leer wird und für die man kein WLAN braucht, erfreuen sich schon jetzt bei jüngeren Leuten großer Beliebtheit. Gut gemachte anzeigenfinanzierte Zeitungen werden auch in Zukunft ein Publikum finden, wenn sie nützliche, überraschende und attraktive Inhalte bieten.
EA: Von Digitalisierung und Transformation ist es nicht weit bis zur meist als bedrohlich geschilderten Entwicklung einer gänzlichen Automatisierung. Wie sehen die gesellschaftlichen Veränderungen zumindest teilweiser Automatisierung aus?
AS: Maschinen, die die Arbeit von Menschen übernehmen, sind schon zu Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert als Bedrohung angesehen worden. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass uns dadurch viele unangenehme, schwere, gesundheitsschädliche Arbeiten abgenommen worden sind. Auch die digitale Transformation wird uns viele Arbeiten abnehmen. Das ist für diejenigen, deren Jobs wegfallen, zunächst einmal nicht schön; aber gesellschaftlich sicher ein Fortschritt.
EA: … welche Themen werden in diesem Zusammenhang an Gewicht gewinnen? Die oftmals belächelte Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen beispielsweise?
AS: Es werden Tätigkeiten wegfallen, die bisher als hochqualifiziert galten: Viele Ärzte, Rechtsanwälte und Steuerberater etwa werden künftig nicht mehr gebraucht werden, weil Künstliche Intelligenz ihre Arbeit nicht nur übernehmen, sondern sogar besser machen kann. Denn da, wo es nur darum geht, Röntgen- oder CT-Aufnahmen zu betrachten und Auffälligkeiten zu bemerken, ist künstliche Intelligenz schneller und besser: Sie kann in Sekundenbruchteilen Millionen solcher Bilder vergleichen und mit viel größerer Sicherheit eine Diagnose empfehlen.

Am Ende muss noch ein Arzt draufschauen; aber dazu braucht man eben sehr viel weniger Ärzte als heute. Für Anwälte und Steuerberater, z.B. beim Vergleich der bisherigen Rechtsprechung zu einem Thema, gilt das entsprechend. Damit sollte ein Umdenken hinsichtlich der Definition von Arbeit einhergehen: Arbeit ist heute für uns ausschließlich Erwerbsarbeit. Künftig sollten aber auch Kindererziehung, die Pflege von Angehörigen oder kulturelle Tätigkeiten als „Arbeit“ gelten. Und das könnte durch ein bedingungsloses Grundeinkommen finanziert werden.

EA: Wo liegen die Gefahren und Grenzen der digitalen Transformation und welchen Einfluss können die Medien als kontrollierende Gewalt nehmen? AS: Ich glaube, in Friedrich Dürrenmatts Theaterstück „Die Physiker“ fällt sinngemäß der Satz: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Derzeit wird sehr viel gedacht, und dabei können auch Ideen herauskommen, die nicht im Sinne eines freiheitlichen demokratischen Gemeinwesens sind.

Da muss man nur einmal auf Ideen wie das „Social Scoring“ in China schauen, die in mitteleuropäischen Demokratien – zumindest derzeit – nicht vorstellbar sind (Anm. d. Red.: Dies ist ein auf verschiedene Datenbanken zugreifendes Scoring-System, bei dem beispielsweise die Kreditwürdigkeit, das Strafregister und das soziale wie politische Verhalten von Unternehmen, Personen und Organisationen zur Ermittlung ihrer Reputation verwendet werden. Kurz: Überwachung pur). Damit das aber so bleibt, müssen die Medien die gesamte Entwicklung kritisch begleiten und die Diskussion in Gang halten, was gewollt ist und wo die Grenzen liegen.

EA: Wie sieht unsere Medien- und sonstige Welt angesichts der Digitalisierung im Jahr 2025 aus?
AS: Die Welt im Jahr 2025 können wir uns tatsächlich nicht vorstellen. Bis 2025 sind es sieben Jahre. Und es ist gerade einmal rund zehn Jahre her, dass Apple mit dem iPhone das erste Smartphone auf den Markt gebracht hat. Und das hat die Welt komplett verändert. Geht man einmal davon aus, dass die Entwicklung eher schneller als langsamer wird: Aus der Sicht von 2025 wird das Jahr 2018 ziemlich lange her sein.
Das Gespräch führte Frank Heinrich


Frank Heinrich und Andreas Schümchen


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