„Die radikale Erfahrung der Materie von Begrenzung und Verbundenheit“

Wenn Astrid Colomar als Performerin auftritt, benutzt sie alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel und Kreationen, um die Sinne des Besuchers zu animieren, zu berühren, zu erschüttern, „denn nur wenn er sich öffnet, ist seine Wahrnehmung geschärft und es kann wirken…“ Eine von drei Folgen ist die „Rote Serie“, die sich über das Thema der „Schwerkraft“, der „Transformation in Rot“, „Beißende Exstase“, „Werden“, „Mutterblut“ sowie „Einen Atemzug entfernt“ definiert. Dabei spielt die rote Farbe das verbindende Element, denn wie ein roter Faden zieht sie sich als das rote Blut durch ihre Collagen. 

Das Blut 

Als Gral der Lebensenergie, als treibendes flüssiges Elixier, als biologisches Zeugnis menschlicher Herkunft, das als Bote selbst, die feinsten Gefäße der entferntesten Winkel unserer Existenz erreicht und unser inneres Universum mit Energie und Wärme versorgt. Ohne Blut gibt es kein Leben, keine Nahrung, keine Identität. Durch ein Gemisch von Wasser und Pigmenten deutet Astrid das Blut an. In ihrer Performance verschüttet Astrid Colomar das Blut großflächig, während im Hintergrund das Video der „Kollateral-Mord“ läuft. Blut fließt, Zivilisten, Unschuldige, werden „geschlachtet“. Unsere Sinne werden sensibilisiert für etwas, das wir tagtäglich gewohnt sind im Fernsehen zu hören und zu sehen, aber selten erspüren können. Es braucht mehr Anteilnahme am Schmerz, Empörung und Mitgefühl, damit der Mensch mutiger wird und das Leben achtet, das Leben rettet.

Materie

„Wir müssen das Leben in unserem eigenen Körper spüren,” sagt Astrid Colomar. In dem Gefäß der Materie gefangen, sinnbildlich in Szene gesetzt durch Sessel in Blutrot, die unser Gewicht tragen, auf denen wir unseren Körper ausruhen, in einer schwebenden Aufhängung, wird die Schwerkraft der Materie spürbar. Die Videoübertragung, der Sound, die Räumlichkeit, die rote Farbe alias das Blut – alles deutet Strukturen an, die auffordern zu kreativer Umgestaltung der „Materie“, also zur Umgestaltung von uns selbst. Das Wort Materie ist aus den lateinischen Ausdrücken „mater“ (= Mutter) und „matrix“ (= Gebärmutter) entstanden. Es beinhaltet in Astrids Ansätzen auch das Mutter-Sohn Prinzip, als archaische Struktur, in der das Überleben des Urvertrauens durch die Verbindung von Mutter zum Sohn weitergegeben wird, durch Fürsorge und bedingungslose Liebe, als Nahrung zur Entwicklung des Selbstvertrauens, zum Aufbau einer Gemeinschaft durch Verbundenheit. 

Collagen 

Astrid verwendet in ihren Bildern gesammelte Informationen aus Weltatlanten, historischen Büchern, alten lithografierten Karten und Gemälden. Geschehnisse in der Welt, der Mensch, auf Entdeckungsreise in vergangenen Zeiten, die sich auf bildlichen Relikten widerspiegeln, signiert mit Blut. Es sind Schablonen von ausgeschnittener roter getrockneter Farbe, dessen Schnittstellen auf ihren Collagen, die Begegnung von Bild zu Blut, von Bild zu Mensch, von Begrenzung und Verbindung darstellen und uns an unsere Geschichte erinnert, uns als das „Fleisch der Erde“ kennzeichnet, als die Materie, die Lebendig ist, sich kreativ reproduziert.

Rot

Wir sind die Kraft und das Leben, die Erde, die Dynamik, das alles ist in der Farbe Rot ausgedrückt. „Wir müssen uns dessen bewusst sein, um mutig zu werden, um zu erkennen, wie sehr wir alle verbunden sind auf dieser Erde, damit wir emphatisch werden“, so Astrid Colomar.

„Rot“ signalisiert auch die Vielheit, sie beschreibt es in einem Manifest: „… der “Mensch” ist in diese materielle Vielfalt eingetaucht und muss sich dem Leben in den Perspektiven von Zeit, Grenzen, Geburt und Tod stellen und durch Geschichte und Inkarnation Identitäten schaffen. Das Selbstbewusstsein wird zu einem Instrument des Bewusstseins und die Materie wird zu einem Instrument des Geistes. Transzendenz könnte einen Evolutionssprung bringen. So kann sich das individuelle Bewusstsein zu einem kollektiven und schließlich zu einem universellen Bewusstsein entwickeln. Der Mensch entwickelt sich zu einer neuen verantwortlichen Menschheit auf der Erde, die sich wieder mit der Erde verbindet. Ein neues menschliches Bewusstsein wieder verbunden.“

Biographisches zu Astrid Colomar

Geboren wurde sie 1970 auf Mallorca, ihre ersten drei Jahre hat sie auf Ibiza erlebt und mit neun Jahren zog sie mit ihrer Familie in die Schweiz. Schon immer wollte sie Künstlerin sein, das bedeutet für sie leben. 1993 machte sie den Hochschulabschluss in Kunstgeschichte an der Universität von Barcelona und studierte Bildende Kunst 1996 an der Corcoran School of the Arts & Design in Washington, DC.

Durch ein unvergesslich mystisches Kindheitserlebnis nimmt sie schon als ganz junges Mädchen „die Begrenzung von der Erfahrung der Wirklichkeiten“ und „die Existenz einer unglaublichen Kraft, die nichts Religiöses an sich hat und universell ist“ wahr. Sie sieht sich als Forschungsreisende und ist an der Wandlung interessiert. Wenn in der Alchemie mineralische Stoffe zerstückelt, verbrannt, geschmolzen werden, damit sich z. B. ein niederes Metall in ein edles Metall verwandelt, zieht sie Vergleiche und will wissen, was es braucht, um die Materie eines grob stofflichen Menschen in einen durch Liebe erfüllten fein stofflichen Menschen zu verwandeln. 

Auf dieser Forschungsreise lernte sie ihren Lebenspartner Christer Söderberg kennen und beide beschlossen das Land mit dem Gewächshaus bei Bunyola zu kaufen und gründeten „Circle Carbon Labs“ (siehe auch Artikel in der März-Ausgabe von EL  AVISO). Dort verwandeln sie mit ihrem Team die Materie Mutter Erde durch Anreicherung von Biokohle in eine solch fruchtbare gesunde Erde, dass alles, was dort wächst, gesund, frei von Schadstoffen und reich an Nährstoffen ist. Das Gemüse, das man dort kauft, ist so schmackhaft, dass es tatsächlich glücklich macht. Wir haben es ausprobiert, fühlten uns leicht und empfehlen dort einen Besuch.

Info:
astridcolomar@hotmail.com
www.astridcolomar.com
www.circlecarbon.com 

Nermin Goenenc, Roman Hillmann, Fotos: Astrid Colomar, Roman Hillmann

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