In 15 Monaten wird alles anders auf den Balearen. Zumindest was das Müll-Problem angeht. Ab dem 1. Januar 2021 kommen nur noch Kaffeekapseln in Umlauf, die biologisch abbaubar sind. Auch die Lieblinge der Wegwerfgesellschaft – Feuerzeuge, Rasierklingen oder Druckerpatronen, die zum einmaligen Gebrauch bestimmt sind – werden verboten. Schluss mit herkömmlichem Plastikgeschirr und -besteck, keine Einweg-Wasserflaschen mehr in öffentlichen Gebäuden oder bei öffentlichen Veranstaltungen. Kompostierbare Alternativen werden die Plastikprodukte ersetzen. Das in diesem Jahr vom Balearenparlament beschlossene Abfallgesetz ist in seiner Konsequenz geradezu wegweisend. Dazu gehört, dass die Recycling-Quote bis 2030 auf 65 Prozent erhöht werden soll. Derzeit liegt sie bei noch nicht mal 20 Prozent. Dabei kann konsequente Mülltrennung geradewegs zu Einsparungen in der privaten Haushaltskasse führen. Die Gemeinden zahlen nämlich 130 € pro Tonne unsortierten Restmülls. Liefert ein Ort jedoch Plastik, Papier/Pappe und Glas fein säuberlich getrennt ab, entstehen dem Municipio keine Kosten und die örtlichen Müllgebühren können gesenkt werden.

2018 produzierte Mallorca 742.206 Tonnen Müll
Für die Sortierung von Plastikabfällen, die Aufbereitung von Biomüll und die Verbrennung des Restmülls ist der TIRME Umwelttechnologiepark in Son Reus zuständig. Die Anlagen sind von Mandel- und Olivenplantagen umgeben, von Müllgestank kann hier keine Rede sein. Jedenfalls nicht, bis man seine Nase in die schmutzigen Angelegenheiten fremder Menschen steckt und der Sortieranlage ganz nahe kommt. Wer meint, die automatisierten Maschinen würden das unter sich ausmachen, täuscht sich gewaltig. Am Förderband stehen drei Mitarbeiter, acht Stunden täglich in zwei Schichten, und erledigen die erste Grobsortierung per Hand. „Wir müssen diesen Job nur machen, weil die Leute den Müll nicht richtig trennen“, erklärt einer von ihnen. Während das Band läuft, fischen sie alle paar Sekunden Dinge heraus, die mit Plastikabfall rein gar nichts zu tun haben: volle Windeln, Scheibenwischer, ein Beutel mit verwesten Essensresten, Stuhlgerippe aus Metall, Kleidung. Was auf dem Förderband verbleibt, wird anschließend in einem rotierenden Zylinder mit verschiedenen Öffnungen nach Größe und Gewicht separiert und auf anderen Förderbändern weitergeschickt. Am Ende stoßen vier Schächte den gruppierten Abfall aus: PET-Kunststoff, Verbundmaterialien, PEHD-Hartplastik und einen Mix aus dem Rest. Zu Bündeln verschnürt, wandert diese Ladung aufs spanische Festland, um recycelt zu werden. Die Müllverbrennung hingegen braucht keine Sortieranlage. Was kommt, wird bei 900 bis 1100 Grad verbrannt. Statt im Recycling-Kreislauf enden nicht sortierte Wertstoffe hier in Feuer und Rauch. Übrig bleiben sechs Prozent Schlacke, aus denen man noch Metall gewinnen kann, und zwei Prozent Asche, die mit Wasser und Zement versetzt auf einem Sicherheitsdepot gelagert wird.

Meterhoch stapeln sich die Recyclingabfälle in der Aufbereitungsanlage in Son Reus.

Aller Abfall ist Ressource
Das ist die wichtigste Botschaft des Zentrums für Umweltinformation und -bildung auf dem TIRME-Gelände. Dass sich jährlich 12.000 Besucher für die Wege des Mülls interessieren, spricht für die großartige Arbeit der Einrichtung, in der vorgeführt wird, welches Potenzial in unserem Abfall steckt. Die Außenwände des Gebäudes sind mit Sortierungsprozeß Panelen aus gepressten Coladosen, Küchentüchern und Telefonkabeln verkleidet. Wer für Palettenmöbel schwärmt, kann sich vielleicht auch für die hier ausgestellten Sitzmöbel aus Kabeltrommeln, Fässern oder Einkaufswagen begeistern. Im Umweltmuseum ist versammelt, was Schulkinder jedes Jahr am 5. Juni, dem Tag der Umwelt, aus Abfällen basteln. Die Ergebnisse reichen von Musikinstrumenten bis zum Schachspiel. Die Gäste des Zentrums erhalten sogar Gelegenheit, durch die Panoramafenster einer futuristisch anmutenden Hochbahn die verschiedenen Aufbereitungsanlagen zu besichtigen.

Die Müllverbrennungsanlage in Son Reus.

Urbane Legenden als Ausreden für Recycling-Muffel
Aus Sicht der Abfall-Experten sind urbane Legenden schuld daran, dass es noch so viele Recycling-Muffel gibt. Hartnäckig halten sich zwei Meinungen: „Wozu trennen? Es wird sowieso alles zusammen verbrannt“ und „Man kann alles in einen Container packen, die sortieren das schon“. Während die junge Generation mit dem System der Mülltrennung aufwächst, tun sich die Menschen aus der mittleren Generation schwer damit. „Deshalb bieten wir Führungen nicht nur für Schulklassen, sondern für die ganze Familie an“, sagt Joan Mateu Barceló, Pressesprecher von TIRME. Für die Ziele des neuen Abfallgesetzes rüstet das Unternehmen kräftig auf. „Die Kapazitäten für die Sortierung von Verpackungsmüll und für die Methanisierung von Biomüll zur Stromerzeugung sollen erhöht werden“, erklärt Barceló. „Außerdem werden neue Kompostierungsanlagen in mehreren Gemeinden der Insel errichtet. Wenn nicht mehr so viel verbrannt wird, können wir uns auf den biologischen Abfall konzentrieren.“ Es geht ja im Endeffekt nicht darum, dass unser Müll weg ist – sondern dass etwas Neues daraus entsteht.
Zentrum für Umweltinformation Son Reus
Führungen (auf spanisch) für die breite Öffentlichkeit einmal pro Monat (samstags). Video und Infomaterial auch auf deutsch. Extra-Termine für Gruppen ab 20 Personen, Einzelpersonen können in andere Gruppen integriert werden. Die Führungs-Dauer: 2,5-4 Stunden. Eintritt: kostenlos. Voranmeldung unter Tel.: 971 212 939, www.tirme.com
Christiane Sternberg Fotos: Marcos Gittis,
Centro de Información y educación ambiental, Consell de Mallorca

Die Hälfte der Abfälle stammt aus der Tourismusindustrie
Interview mit Patricia Arbona, Direktorin für Abfallwirtschaft im Inselrat von Mallorca

El Aviso: Wie viel Prozent von Mallorcas Abfall wird recycelt?
Patricia Arbona: Von den gesamten Abfällen 2018 waren 3,35% Verpackungsmüll, 1,98% Papier und Pappe, 2,15% Glas und 3,5 % organischer Abfall. Der Rest entfällt auf Klärschlamm, Bau- und Abbruchmaterial, Altreifen sowie Abfälle, die nicht wiederverwertet werden können. Zugegeben eine ziemlich geringe Rate. Die gute Nachricht aber ist, dass es 2019 schon einen Anstieg des recycelbaren Anteils um 10-22 Prozent gab. Das heißt, die Bürger bemühen sich weiter, die Abfälle zu trennen.
EA: Wie soll es gelingen, die ambitionierten Ziele aus dem neuen Abfallgesetz umzusetzen?
PA: Meiner Ansicht nach schaffen wir das mit Maßnahmen zur Sensibilisierung der Bevölkerung, mit Kampagnen zur Aufklärung und Umweltbildung. Außerdem können wir Anreize schaffen, damit die Bürger ihren Müll reduzieren und Abfälle richtig entsorgen. Und schließlich wird die gesamte Umsetzung von einem Kontroll- und Sanktionssystem für diejenigen Akteure begleitet, die schlechtes Management betreiben.
EA: Was sind die größten Probleme beim Erreichen der Recyclingquote? PA: Es gibt einige Gemeinden, in denen der Recyclinganteil noch sehr niedrig ist. Da es sich um Orte mit hohem Tourismusanteil handelt (Palma, Manacor, Campos, Santa Margalida usw.), muss die Arbeit in den Tourismusgebieten verstärkt werden. Immerhin vervierfachen sich die Abfälle auf Mallorca in der Hochsaison. Das bedeutet, dass zwischen 40% und 60% der auf der Insel produzierten Abfälle aus touristischen Aktivitäten stammen. Einer der Schlüsselfaktoren zur Verbesserung der Situation ist also der HORECA-Sektor (Gastgewerbe und Catering), der neue und wirksame Systeme zur Reduzierung und ordnungsgemäßen Bewirtschaftung der in seinen Betrieben anfallenden Abfälle einführen muss.

Patricia Arbona
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