Die wilden Weiber

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Erster Teil unserer Kurzgeschichte von Ralph D. Wienrich

Immer wenn die Zugvögel sich anschikken gen Süden zu ziehen, steht in Mitteleuropa der Winter vor der Tür. Und immer wenn es die Kommandante von Mallorca gen Norden zieht, steht im Rheinland die hohe Zeit der närrischen Weiber ins Haus!

Ihre ersten wilden Aktivitäten, die sich noch im mediterranen Ambiente regelmäßig am 11.11. Punkt 11 Uhr 11, dem Jecken-Stichtag, heftigst entladen, ziehen gnadenlos alles in Mitleidenschaft, was in ihrer unmittelbaren Nähe weilt. Ihr fröhliches Lärmen kommt einer Kriegserklärung an Hund und Katze gleich, die sich dann in andere, stillere Gemächer der vierhundert Jahre alten Finca zurückziehen. Dann sitzt sie, nein sie thront dann als ihre eigene Sitzungspräsidentin hinter dem kleinen Schreibtisch, von dem sie die lange, von Zypressen gesäumte Auffahrt überblicken kann und wählt eine Nummer nach der anderen an, um so mit ihren Möhnen im kühlen Karnevalsland ein närrisches „Alaaf“ zu tauschen. Und dabei peinigt sie, ohne es überhaupt bemerken zu wollen, mit ihrer Fröhlichkeit sogar den vor der Finca in seinem bunten Herbstlaub stehenden Maulbeerbaum. Und es konnte durchaus der Eindruck entstehen, als würde jedes lärmende „Alaaf“ den armen Baum um hunderte seiner schönen Blätter bringen. Von den gleichfalls malträtierten Bewohnern der altehrwürdigen Finca sei erst gar nicht die Rede.

Trinkfreudig und feierwütig
Inmitten dieser traumhaften mediterranen Idylle sorgte ihr untypisches Gebaren auf dem Hügel von „Son Bieu“ für eine atmosphärische Schieflage, dass selbst der beeindruckende Blick auf Artà, auf San Salvador und das fernere Capdepera für den Moment seinen Reiz zu verlieren drohte. Aber all das ficht die Kommandante nicht im geringsten an. Nicht das sie mit ihren gesegneten 84 Jahren etwa dieses Datum erinnerungsmäßig im Kalender nötig gehabt hätte, um so plötzlich ins Närrische zu verfallen – eigentlich ist sie es das ganze Jahr über. Und dafür bringt sie allerdings auch beste Voraussetzungen mit. Niemand träte ihr etwa zu nahe, würde er sie eine Feierwütige nennen. Aus den Vollen schöpft sie, was ihre beeindrukkende Trinkfreudigkeit betrifft, einer der wesentlichen Grundvoraussetzungen
für einen so unbeschwerten und ausgeglichenen Lebensabend! Und diese ihre Frohnatur wird abgerundet von einer allseits anerkannten und bewunderten, manchmal aber auch gefürchteten Trinkfestigkeit. Wehe dem, der sich mit ihr einlässt! Anderntags büßt er schwer dafür. Was Wunder, dass sie bei dieser Feierkraft äußerst hartnäckig jegliche Polizeistunde zu ignorieren trachtet. Und sie zählt es mit zu ihren großen Erfolgen bereits zweimal Beamte der Guardia Civil in ihrer Stammkneipe, der Gran Via, zur Gesetzesverletzung verführt zu haben.

Kommunikative Ehrenmöhne
Natürlich bleibt es nicht bei einem „Alaaf“, beileibe nicht. Nein, ganz nach AltweiberManier kommt sie – wie könnte es auch anders sein – vom Hölzchen aufs Stöckchen – treffender formuliert: sie gerät fürchterlich ins Tratschen. Und dies mit jeder ihrer tratschfreudigen Gesinnungsgenossinnen, die sie in ihrer Eigenschaft als Ehrenmöhne auf diese Weise – gewissermaßen närrisch dienstlich – fernmündlich heimsucht. Aber ohne jeden Zweifel, der Spaß ist beiderseitig. Mahnende Blicke, die ihr dezent andeuten sollten, ‚denk an Deine Telefon Rechnung‘, tut sie mit dem energischen Hinweis und einer ebenso eindeutigen Handbewegung ab: „Es ist schließlich mein Geld und davon hab‘ ich ja wohl genug“. Basta! Und unverdrossen klönt sie – Rotweinschluck um Rotweinschluck – unbeeindruckt weiter.

Zuerst der Arztcheck
Ist sie dann schließlich unbeschadet im Bundesland des unbegrenzten Humors per Jet Palma-Köln eingetroffen, trifft sie als erstes alle notwendigen Vorbereitungen für ihre diversen Arztbesuche. Der Doktor für die inneren Angelegenheiten wird von ihr ebenso belästigt wie der Augenarzt, obwohl sie nur selten einer Brille bedarf, der Orthopäde ja sogar der Fachmann für die Frauen schlechthin musste sich ihrer annehmen. Diesen immensen Aufwand rechtfertigte sie kategorisch:“Ich kann mich erst in meinen Trubel stürzen, wenn ich mich vorher hab‘ durchchecken lassen“. Und so bekamen es die Medizinmänner eine ganze Woche lang mit ihr zu tun! Ist dann alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt – eigentlich fehlte ihr bislang nie etwas – und hat ihr jeder Doktor mittels bewundernder Komplimente versichert, wie fit sie mit ihren 84 Jahren für die kommende Session noch sei, scheidet sie beglückt mit dem Versprechen, auch im nächsten Jahr wieder zu kommen. Wobei sie natürlich keinerlei Endzeit Gedanken hegt. Zeit dafür bleibt ihr keine.

Beflaggung mit Liebestötern
Die Tage bis zum hoch-heiligen Tag der Weiberfastnacht überbrückt sie sodann im Haus mit überaus aktiver Kruschelei. Eine ausgesprochen verhängnisvolle Art der Selbstbeschäftigung. Was bedeutet: im ganzen Haus stöbert sie umher, sucht und findet natürlich auch noch Überflüssiges und Nutzloses, was sie unbedingt noch mit auf die Finca zu nehmen gedenkt. In Windeseile hat sie das große Haus dermaßen auf den Kopf gestellt, dass seine eigentlichen Bewohner, Sohn und Enkel nämlich, ihre nach Karneval geplante Abreise wie eine „Erlösung“ herbeisehnen. Zunächst aber müssen die beiden am Tag der wilden Weiber auf ihre Anordnung hin – ein Wunsch, eine Bitte ist es beileibe nicht, vielmehr ist‘s ein nahezu unzumutbarer Befehl – das Haus mit Altweiber-Utensilien verunstalten. Wahrhaftig besteht die Kommandante darauf, dass riesige, alte, ausgewaschene und ausgeblichene Liebestöter allerschlimmsten Designs, garniert mit Luftballons und Luftschlangen, ganz wie es der Brauch will, im ersten Stock an einer langen Stange aus dem Fenster gehängt werden. Was Sohn und Enkel wiederum spontan veranlasst, dass Haus nur noch durch die hintere Garage zu verlassen, solange diese „Beflaggung“ von ihr angeordnet ist.

Jeden Tag op Jück
Wacht sie einerseits eifersüchtig über den Betreuungs-und Verwöhnstandard während ihrer Verweildauer so ist ihr andererseits die Restfamilie scheißegal, wenn es ums Feiern geht. Abend für Abend geht sie dann auf Jück. Hier ein Vortrag, da ein Festessen, da eine Sitzung. Und in steter Regelmäßigkeit gehört sie mit zu den letzten wilden Weibern, die die jeweilige Saalstatt lärmend verlassen. Wenn ihre Stimme dann ebenso am Stock geht wie sie selber, dann erst ist‘s in der Regel Zeit für sie das Feld zu räumen. Aber auch erst dann! Für den Tag darauf hat sie, sehr zum Verdruss der beiden Männer, den großen Kühlschrank nahezu vollgestopft mit Piccolos der Marke Freixenet, ihre spanische Hausmarke, die sie mittels Extrakoffer nebst Übergepäck-Gebühr eingeflogen hat, um so jeweils morgens ihren Kreislauf wieder für den Rest des Tages in Schwung zu bringen. Und obwohl sie gern und häufig ihre Ärzte heimsucht, hält sie allerdings von deren Medizin nur begrenzt etwas. Für Herz und Kreislauf beispielsweise bevorzugt sie ausschließlich ihren Champagner: „Und mein Alter gibt mir da wohl auch Recht, oder”? rechtfertigt sie so ihre täglichen zwei bis drei Piccolos eigensinnig.

Geizhals Sohnemann
Warum auch sollten dagegen Einwände erhoben werden? Das Maß an Lebensfreude, welches die Kommandante sich auf diese Weise so lustvoll beschert, steht dafür. Und kam sie das eine oder andere Mal gar mit einem mittelprächtigen Schwips und auch noch in Begleitung eines lärmenden Trosses von nahezu aus der Kontrolle geratener Möhnen nach Hause, waren die Verteilungskämpfe um den restlichen Wein des Hausherrn rasch und kompromisslos zu ihren Gunsten entschieden! Und sie schreckte nicht einmal davor zurück, den Sohn einen „gnadenlosen Geizhals“ zu schimpfen, weigerte er sich zu so früher Stunde noch einige Flaschen zu köpfen. Dann brachte sie sich in der Wohnhalle vor ihm in Stellung, plusterte sich in ihrer wüsten Montur, einem weiten, alten langen Rock, darüber der ehrwürdige Gehrock ihres Vaters im stattlichen Alter von 150 Jahren sowie einem überdimensionierten Schlapphut mit riesigen, grellroten Federn vor ihm auf und begann den Hausherrn in Gegenwart ihrer kichernden und in unregelmäßigen Abständen überdreht „Alaaf“ kreischenden Möhnen krächzend zu beschimpfen:“ Und sowas hat man nun in die Welt gesetzt, um seine alte Mutter an ihrem höchsten Feiertag verdursten zu lassen. In Spanien, also bei mir auf meiner Finca, da gibt‘s Wein, Kinder, da gibt’s Rotwein, sag ich Euch und hier, hier bei meinem trockenen Sohn da gibt es nichts, nichts, nichts. Eine Schande ist das!“ Und weil ihr in diesem Moment die Stimme völlig versagte, streckte sie ihm in Ermangelung von Sprachgewalt demonstrativ ihre Zunge raus, machte auf dem Absatz kehrt und entschwebte in das von ihr besetzte Gästezimmer.
Fortsetzung folgt…
Ralph D. Wienrich

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