Interview

Mit dem Festival MúsicaMallorca haben Wolf Bruemmel und sein inzwischen verstorbener Partner Toyo Masanori Tanaka vor rund 17 Jahren ein mittlerweile international renommiertes Opernfestival geschaffen, in diesem Jahr mit rund 170 Sängerinnen, Sängern und Solisten. EL AVISO befragte den Intendanten zu dem Festival, seinen Plänen und der mallorquinischen Kulturpolitik.

EL AVISO: Sie veranstalten im 17ten Jahr das OpernFestival MúsicaMallorca. Was war für Sie der größte Erfolg?
Wolf D. Bruemmel: Der größte Erfolg von MúsicaMallorca war und ist die von uns initiierte Reihe „Viva la Opera“, die schönsten Arien, Duette, Terzette und Quartette, zusammengestellt aus allen großen Opern. Die Opernhäuser haben die kompletten Opern gespielt, aber wir haben mit den schönsten Stücken aus den Opern immer Besucherrekorde verzeichnet. Wir gastieren damit ja auch von Augsburg bis Brandenburg und die Häuser sind voll, ebenso wie in der Berliner Philharmonie oder in den Konzerthäusern in Wien und Zürich. Das ist ein Erfolg, der weit über Palma hinaus geht. Die Menschen kommen zu uns, weil sie wissen, dass das Angebot und die Qualität von MúsicaMallorca stimmen.

EA: Wie sind Sie auf Mallorca als Festivalort gekommen?
WB: Das lag zunächst an einer persönlichen Erfahrung. Meine Eltern reisten mit uns Kindern regelmäßig nach Mallorca und die Liebe zu der Insel hat sich auf mich übertragen. Später habe ich dann Prof. Josep Moll kennengelernt, ein einflussreicher Politiker der Balearen, der an der Musikhochschule in München war, wo ich auch Dozent bin. Sr. Moll riet uns, in Palma ein Festival zu gründen. Er hat dann den Kontakt zur Balearen-Regierung hergestellt, die uns half, ein Festival zu etablieren, was uns ja auch gelungen ist.
EA: Die Organisation des Festivals war ja mal anders angelegt. Nach dem unerwarteten Tod ihres Partners Toyo Masanori Tanaka haben Sie neben dem Management auch den musikalischen Bereich übernommen. Was bedeutete das für sie?
WB: Toyo Masanori Tanaka war in ganz Europa und in Japan als Opernregisseur bekannt und ich habe deshalb das Kaufmännische übernommen, obwohl ich Musik und Dramaturgie an der Akademie der Künste Berlin studiert hatte. Toyo war ein herausragender Lehrmeister an meiner Seite, sodass es mir nach seinem tragischen Tod nicht schwerfiel, zusätzlich den musikalischen Bereich zu übernehmen. Ich bin sehr glücklich, dass die von mir in den letzten vier Jahren zusammengestellten Konzerte im Vergleich zu davor nicht an Qualität eingebüßt haben. MúsicaMallorca ist bekannt, auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz und selbst mit kleineren Konzerten gastieren wir erfolgreich, was schon etwas heißen will.

EA: Zwischenzeitlich war organisatorisch einiges im Fluss: Wie ist heute die Aufteilung mit ihren langjährigen Wegbegleitern Prof. Matthias Lademann, José María Moreno und seit drei Jahren mit dem Bariton Tohru Iguchi?
WB: Prof. Lademann kenne ich sehr lange, er hat mit unserer Akademie und den Meisterklassen sehr viel für Mallorca getan. Zusammen mit den anderen Kollegen ist er für mich die neue Generation. Dazu gehört auch José María Moreno als Musikdirektor und Vertreter auf Mallorca. Tohru Iguchi war Meisterschüler eines in Japan sehr bekannten Musikprofessors in Tokyo. Anschließend hat er acht Jahre Gesang an der
Musikhochschule Würzburg studiert. Heute studiert er noch Germanistik und Musikwissenschaft an der Universität Nürnberg. Tohru ist ein Juwel in der Programmgestaltung, denn er beherrscht die gesamte Konzert- und Opernliteratur. Er begann bei uns als Artist-in-Residence und ist heute 1. Bariton und als Dramaturg tätig. Irgendwann möchte ich Tohru Iguchi und Stephan Matthias Lademann das Festival MúsicaMalloca übergeben, Die Nachfolge ist also, anders als bei Frau Merkel, geregelt.
EA: Neben großen Namen hat MúsicaMallorca immer auch junge Talente gefördert. Wie hat sich bis heute das Konzept entwickelt?
WB: Es hat sich viel getan. In diesem Jahr möchte ich mit dem Filmmusik-Konzert am 11. Oktober einen neuen Weg gehen. Filmmusiken sind wie klassische Musik, sie klingen wie romantische Tondichtungen. Es gibt also eine Beziehung zur Oper und das hat mich zu diesem Konzert bewegt. Damit man nicht nur zuhören muss, bringe ich einen großen Chor, das sorbische Nationalorchester, ein Ballett und junge hochtalentierte Gesangs-und Instrumentalsolisten auf die Bühne – es gibt Klaviermusik, es gibt Geiger, es gibt Blechbläser, Drummer – alles wie im Film live zu erleben. Wenn wir früher kleine Musicals gezeigt haben, ist das jetzt eine richtig große Produktion, die für mich zur klassischen Musik gehört, wenn man sie richtig serviert.

MusicaMallorca 2018

EA: MúsicaMallorca ist eines der älteren Festivals, mittlerweile gibt es etliche. Ist das Publikum, zumal bei klassischen Konzerten, nicht irgendwann übersättigt?
WB: Das hängt vor allem von der Qualität ab. Ich beobachte da einiges, was kurz- bis mittelfristig keinen Erfolg haben kann. Da braucht man teilweise nur ins Internet zu schauen, um alleine schon die Angaben in der Werbung für einzelne Konzerte zu wiederlegen. Es wird schlichtweg gelogen, was den Hintergrund der Interpreten angeht. Das ist nicht das Niveau von MúsicaMallorca. Wir werden im Gegensatz dazu ernst genommen, sind fast immer ausverkauft, und unsere Künstler, wenn sie nicht schon bekannt waren, sind sehr begehrt, und gehen anschließend zum Beispiel an die Wiener Staatsoper oder an die Mailänder Skala.

EA: Welche Rolle spielt die Dezentralisierung der Veranstaltungsorte auf der Insel?
WB: Zunächst einmal sind wir sehr stolz auf unser Publikum. Durch eine unabhängige Erhebung konnten wir feststellen, dass 48 Prozent unseres Publikums Mallorquiner sind, die andere Hälfte war angereist oder sind Residenten. Die Dezentralisierung war leider nicht wirklich umsetzbar – ein Beispiel: Wir waren in Artà, Alcúdia und anderen Orten. Die Theatermiete ist einfach zu hoch, da wir nur 20 Euro Eintritt nehmen konnten. Das Publikum möchte aber Produktionen wie „Viva la Opera“ hören und sehen, wie soll das mit den ganzen Kosten gehen? Da musste ich privat zuzahlen und das kann auf Dauer nicht so sein.

Wolf D. Bruemmel, Sylvaina Gerlich, Frank Heinrich

EA: Wie reagiert das Publikum?
WB: Die Mallorquiner sind ein fantastisches Publikum. Viele warten nach den Vorstellungen am Teatre Prinzipal, am Auditorium oder umliegenden Bars auf die Künstler. Klatschen begeistert, holen Autogramme, loben und umarmen die Sänger. Und auch die eher zurückhaltenden Deutschen animiert das, sie waren angesteckt durch die Mallorquiner und plötzlich ganz locker, sie freuen sich und sagen: Mensch Herr Bruemmel, das war schön! Ich habe auf diese Weise viele nette Deutsche kennengelernt. Ich freue mich, denn mein Publikum geht immer fröhlich aus dem Theater, das ist die eigentliche Aufgabe der Musik.

EA: Seit 2013 hat man Ihnen die von der Regierung zugesagten Subventionen gestrichen. Gerade werden wieder Subventionen für kleinere wie das ChopinFestival gestrichen. Verabschiedet sich Mallorca von einem Teil seiner Kultur und kann ein mittlerweile in Europa anerkannter Festivalort darauf verzichten?
WB: Natürlich nicht. Diese Gelder sollte man nicht einsparen. Das sind in der Regel keine großen Summen, die derzeit gestrichen werden. Aber das ist schade, denn die kleinen Festivals auf der ganzen Insel verteilt, werden von vielen Touristen besucht. Immer wieder berichten mir Mitglieder von Reisegruppen, die extra zu unserem Festival einfliegen, dass sie gerne unsere Konzerte mit Besuchen der kleinen Festivals mit Chor-und Orgelkonzerten verbinden. Schon mit einer geringen Summe können viele kleine Konzerte finanziert werden. Die Beteiligten, wie die Chor-Mitglieder, bekommen ohnehin kaum Gage. Mallorca braucht für kleine und große Festivals zur Pflege ihrer reichen musikalischen Tradition eine fi nanzielle Unterstützung. Darf ich an dieser Stelle ein wenig Werbung machen? Das Festival MúsicaMalloca ist voll dabei und verlängert die Saison durch Konzerte im Frühling und im Herbst.

Tohru Iguchi

EA: Es geht ja nicht um finanzielle Unterstützung. Mit dem ehemaligen Chef des Teatre Principal, Carlos Forteza, gab es von Ihrer Seite ein öffentliches Scharmützel, weil Proben und Konzertwerbung nicht möglich waren und die Ticketpreise vorgeschrieben wurden. Was läuft da schief?
WB: Ach wissen Sie, das ist alles eine Frage der Zeit. Forteza ist nicht mehr in der Position, war hochbezahlt und hatte ja nicht den Erfolg, der erwartet war. Er hat seine Subventionen nicht eingespielt. Seinem Nachfolger habe ich zum 250ten Geburtstag von Ludwig van Beethoven 2020 die 9. Symphonie mit den Berliner Symphonikern angeboten. Dieser Publikumsrenner wird für beide Seiten erfahrungsgemäß ein großer Erfolg. Nun schauen wir mal.
EA: Was tun Sie, wenn Sie gerade nicht MúsicaMallorca organisieren?
WB: Ich übernehme ab der neuen Spielzeit 2020 die Brandenburger Festspiele. Ich habe in Brandenburg einen funktionierenden Konzertbetrieb, einen kaufmännischen Direktor und die Finanzierung ist auch sichergestellt, das macht alles leichter. Zudem leite ich „Die International Ópera Munich – Vienna“, bin nach wie vor bei den Berliner Symphonikern als Dramaturg dabei und inszeniere am Hofspielhaus München die ÓperaComique „Rita“. Außerdem gehen wir mit unserer Produktion „Viva L`Ópera“ wieder auf Tournee. Aber Mallorca bleibt für mich die wunderbare Insel mit meinem eigenen Festival für klassische Musik und einem fantastischen Publikum, weshalb ich sogar die Salzburger Festspiele aufgegeben habe.
Das Gespräch führte Frank Heinrich

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