Projecte Home Balears widmet sich seit über 30 Jahren der Suchtbehandlung und Prävention

Drogen sind absolut gesellschaftsfähig. Ein Glas Wein am Abend oder das Verdauungsschnäpschen gehören für die meisten von uns zum alltäglichen Ritual dazu. Dass jedes Mittel zum Gift wird, wenn man zu viel davon zu sich nimmt, ist spätestens seit Paracelsus bekannt. Auch die Balearen bilden keine Ausnahme, wenn es um Menschen geht, die in die Abhängigkeit geraten von erlaubten oder verbotenen Substanzen. Jährlich sind es um die 1.500 Personen, die an Programmen des Suchtprojektes Projecte Home Balears teilnehmen, um dem Teufelskreis zu entfliehen.

Pfarrer Bartomeu Catalá ist Gründer und Präsident von Projecte Home Balears

Mehr Kokainabhängige als Alkoholiker
Lange Jahre hat Alkohol die Liste der meistkonsumierten Drogen auf den Balearen angeführt, aber dann schoss der Kokainverbrauch in die Höhe. In den vergangenen fünf Jahren ist der Anteil der von Koks abhängigen Hilfesuchenden auf über 40 Prozent angestiegen und hat damit den Anteil der alkoholsüchtigen Personen (knapp 30 Prozent) überflügelt. Die Abhängigkeit von Heroin und Cannabis liegt gleichauf bei etwas unter 15 Prozent. Für jede einzelne Sucht gibt es ein speziell entwickeltes Programm bei Projecte Home Balears (PHB). In dem Zentrum in Palmas Industriegebiet Son Morro finden sich medizinische Einrichtungen für die Entgiftung, Therapiezimmer und Wohneinheiten, Gesprächsräume für Angehörige, eine Kantine und Rückzugsorte auf der begrünten Terrasse hinterm Haus. „Wir versuchen, den Räumlichkeiten für jedes Programm ein eigenes Ambiente zu verleihen“, sagt Antoni Parets, Direktor für Kommunikation bei PHB. Selbst im Speisesaal hat jede Gruppe ihre eigene Tafel. Struktur lautet das am häufigsten verwendete Wort im Gespräch über die Heilung und Wiedereingliederung von süchtigen Personen. Struktur innen und außen, um die verlorene Normalität wiederzugewinnen. Struktur, um sich auf sich selbst zu fokussieren in dem schweren Prozess zurück ins Leben. Alle Räume sind dank großer Fensterfronten hell und lichtdurchflutet. „Viel Licht ist wichtig, denn die Welt der Drogen ist eine dunkle Welt. Wir schaffen den Teilnehmern an unseren Programmen hier einen würdevollen Ort. Aber“, wendet er ein, „es gibt keinen Luxus.“ Die Personen, die für ein Jahr stationär aufgenommen werden, schlafen in 4-6-Bettzimmern mit Doppelstockbetten, sie waschen ihre Wäsche selbst, putzen die Räumlichkeiten, kochen selbst. Projecte Home Balears ist kein Hotel. Aber ein Ort der Hoffnung.

Das Leben ist kostbar…
„Das Leben ist kostbar, achte es; Das Leben ist reich, bewahre es; Das Leben ist Liebe, erfreue Dich daran.“ Dieses Wandgemälde im Treppenhaus ist ein Geschenk des deutschen Künstlers Nils Burwitz aus Valldemossa. Es ist eine Mahnung, eine Aufmunterung, die jedem ins Auge fällt, der das Gebäude betritt. Schon der Eingangsbereich ist mit visuellen Mutmachern ausgestattet. Ein Baum, an dem als Blätter hunderte Zettel hängen, auf die handschriftlich Werte notiert sind, für die es sich lohnt zu leben und clean zu bleiben: Ehrlichkeit, Vertrauen, Geduld, Liebe, Bescheidenheit, Familie… Auch zwei Glaskästen gibt es, mit bunten Papierschildern angefüllt, die immer die gleichen Sätze zeigen. „Ich will es tun“ steht auf denen, die von den Teilnehmern am Anfang ihrer Therapie eingeworfen werden. „Ich habe es getan“ werfen jene ein, die durchgehalten haben. „Auch wenn jemand das Programm nicht zu Ende führt“, sagt Antoni, „bleibt etwas, das ihn vielleicht motiviert, wiederzukommen.“

Im Foyer des Antidrogenprojektes hängt eine Tafel mit den Namen aller Spender. Auch der Name von Königin Sofia findet sich darauf.

Alle Schichten sind betroffen, alle Berufe
Es gibt inzwischen 26 Programme von PHB, davon mehrere für Alkoholismus und seit zwei Jahren sogar eines für digitale Sucht. „Ciber“ wurde anfangs für Kinder und Jugendliche eingerichtet, doch inzwischen kommen auch immer mehr ältere Teilnehmer dazu. Vor dreißig Jahren, als Projecte Home Balears gegründet wurde, gab es noch kein Internet, keine Mobiltelefone. Ins Leben gerufen wurde es 1987 als Hilfsprojekt für Heroinabhängige. Der Pfarrer Bartomeu Català (78) war ausgewählt worden, sich der Sache anzunehmen. Er hatte schon in New York mit drogenabhängigen Hispanoamerikanern zusammengearbeitet und erhielt dann als Starthilfe eine praktische und theoretische Ausbildung im renommierten Drogenprojekt Daytop Village. Der Gründer und Präsident des Projektes hat im Laufe von drei Jahrzehnten all die Veränderungen gesehen, die das Drogenproblem auf den Balearen durchgemacht hat. „Am Anfang“, erinnert er sich, „war die Meinung in der Bevölkerung über Drogenabhängige absolut negativ. Ein Süchtiger war ein Krimineller, fertig. Heute ist die Akzeptanz viel höher. Viele Firmen helfen uns bei unseren Wiedereingliederungsprogrammen, indem sie Jobs für Teilnehmer zur Verfügung stellen.“ Es ist der harten Arbeit von Projecte Home Balears zu verdanken, dass sich das Bild gewandelt hat. Aber auch der Erkenntnis, dass Drogenprobleme in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. „Alle sozialen Schichten sind betroffen, alle Berufe, jedes Alter. Kürzlich haben wir eine 78-jährige Frau ins Programm aufgenommen.“ Die Teilnehmer sind ein Abbild der Gesellschaft, auch bezüglich der Nationalitäten. Denn es gibt jede Menge Deutsche, die bei PHB Hilfe suchen.

4 Millionen Euro für die Suchthilfe
Die Schwelle, an Drogen zu gelangen – ob legal oder illegal – ist sehr niedrig. Deshalb macht die Arbeit des Projektes auch nicht Halt bei der akuten Hilfe, wie Entgiftung oder Therapie. „Prävention ist absolut essenziell“, betont Bartomeu Català. „Und das betrifft nicht nur die Arbeit in Schulen, sondern auch in Firmen. Genau so wichtig ist das Wiedereingliederungsprogramm, damit die Teilnehmer in der Familie, im Alltag und im Job wieder Halt finden.“ Um den Einstieg ins Arbeitsleben zu erleichtern, wurde die Firma Empresa de Inserción Projecte Home Balears S.L. gegründet, die auch das Restaurant auf dem Gelände von PBH betreibt. „Es ist von fundamentaler Bedeutung, dass jeder kostenlos an den Programmen teilnehmen kann. Aber ebenso notwendig ist es, dass wir trotz Finanzierung von Außen unabhängig unseren therapeutischen Rhythmus gestalten können“, betont Català.
Die jährlich über 4 Millionen Euro Einnahmen der Einrichtung mit 100 Mitarbeitern kommen zu 50 Prozent aus öffentlichen Mitteln, zu 18 Prozent von Privat und zu 30 Prozent aus Eigenfinanzierung. Der größte Teil davon (73 Prozent) wird für Prävention, Behandlung und Forschung ausgegeben. „Wir evaluieren ständig unsere eigenen Programme und die Veränderungen draußen, um auf neue Bedingungen reagieren zu können.“ Die Erfahrung und das Wissen von PHB ist so gefragt, dass das Projekt seit vergangenem Jahr Partner einer internationalen Studie in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen ist zum Thema Behandlung von Suchterkrankungen in therapeutischen Gemeinschaften.

Gebäude der Suchtberatungsstelle Projecte Home Balears in Palma de Mallorca

Die Dunkelziffer bei Frauen ist hoch
Rein statistisch gesehen gibt es mehr drogenabhängige Männer als Frauen, zumindest sind in den Programmen die männlichen Teilnehmer in der Überzahl. Aber der Schein trügt, denn die Dunkelziffer ist hoch. Frauen trinken aus Einsamkeit, um die Qualen häuslicher Gewalt erträglich zu machen oder weil sie dem Stress ihrer mehrfachen Rolle als Berufstätige, Hausfrau und Mutter nicht gewachsen sind. Der Gang zu einer Behandlung fällt ihnen ungleich schwerer als Männern. Zum einen, weil weiblichem Alkoholismus ein höheres soziales Stigma anhaftet. Zum anderen aus rein praktischen Gründen – sie haben einfach keine Zeit. „Wer macht den Haushalt? Wer muss mit den Kindern zum Arzt? Wer holt die Kinder vom Sport ab? Die Frau!“ Antoni Parets zählt an den Fingern all die Hinderungsgründe auf. „Deshalb arbeiten wir seit geraumer Zeit daran, ihnen den Zugang zur Behandlung zu erleichtern. Vielleicht können wir irgendwann eine Kinderbetreuung organisieren. Wichtig ist es auch, dass Ärzte und soziale Dienste über uns Bescheid wissen und die Frauen zu uns schicken.“

Selbst helfen
Wer helfen will, unterstützt das Projekt zum Beispiel mit einem Besuch im Restaurant „Hom“ gleich nebenan. Auch Geld wird gern genommen. „Ob 5 oder 1.000 Euro, jede Spende ist uns willkommen“, versichert Bartomeu Català. Leute, die freiwillig mit anpacken möchten, können es den anderen 300 ehrenamtlichen Helfern gleich tun, die wöchentlich ein paar Stunden vorbeikommen. So wie der 70-jährige Armando Guerra, der als Pförtner aushilft und mit seinen Deutschkenntnissen ein guter Ansprechpartner ist.
Website des Projektes: www.projectehome.com
Restaurant Hom, C/. Projecte Home, 6, Polígono de Son Morro Geöffnet Mo-Fr 9.30-17.30 Uhr FB: Restaurant HOM
Biografie: „Bartomeu Català, un projecte d`home de fe“, Autor: Gabriel Pérez Alzina (auf katalanisch)
Christiane Sternberg, Fotos: Marcos Gittis

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