Schaukelstühle im Innenhof, eine Glasfassade mit Blick in die Restaurantküche, der eigene Kräutergarten – das Café Palmanova ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. An den Wochenenden reserviert man besser, um einen Tisch in dem stilvoll-minimalistischen Ambiente zu ergattern. Sämtliche frische Zutaten stammen aus biologischem Anbau, Wein und Olivenöl aus hauseigener Produktion. Aufmerksame Kellner sind sofort zur Stelle, sobald man sich niederlässt. Manchmal gleich zwei aufeinander folgend, die mit ernsthafter Sorgfalt die Bestellung aufnehmen. Am Frühstücksbuff et steht heute Lorena und sorgt dafür, dass die frischen Backwaren stets appetitlich angerichtet sind. Die junge Frau erfüllt ihre Aufgabe mit spürbarer Hingabe.
Ein anderer Rhythmus
Die eigentliche Besonderheit dieses Cafés entdeckt man noch nicht einmal auf den zweiten Blick. „Spürbar wird der kleine Unterschied nur, wenn man genau hinschaut und hinhört und dann feststellt, dass die Leute, die hier arbeiten, vielleicht einen anderen Rhythmus haben“, erklärt Mercé Marrero Fuster von der Marketingabteilung der Amadip Esment Fundació. Unter dem Dach dieser Stiftung bekommen Menschen mit geistig eingeschränkten Fähigkeiten die Chance, ihr Leben selbstbestimmt und würdevoll zu gestalten. Sie erlernen – wenn möglich – einen Beruf, gehen einer Arbeit nach, verdienen Geld und können im betreuten Wohnen ihre Eigenständigkeit bewahren. „Das alles geschieht aber nicht auf der Grundlage von gesammelten Spendengeldern. ‚No Charity‘ ist unser Motto“, betont Mercé. „Wir sind ein gemeinnütziges Unternehmen und erwirtschaften einen großen Teil unserer Einnahmen selbst.“

Zubereitung von Bocadillos

Humanistisch und wirtschaftlich überzeugend
Zu Amadip Esment gehören Restaurants, eine Bäckerei, eine Druckerei, eine Bodega und ein landwirtschaftlicher Betrieb samt Baumschule und Gärtnerei. Fast 500 Menschen mit geistiger Behinderung arbeiten in diesem modernen Unternehmen, 100 von ihnen werden pro Jahr von Fremdfi rmen angestellt, über 150 Personen über 16 Jahre bewerben sich jährlich um Aufnahme in die Fundació. Von der eleganten Empfangsdame über Bürokräfte bis hin zu den Guías, die Führungen durch die Werkstätten und in Museen anbieten, agieren die Mitarbeiter absolut professionell. Jeder wird nach seinen Fähigkeiten eingesetzt, so dass die Arbeit die besten, vielleicht lange verschütteten, Begabungen freilegt und fördert. Die Ergebnisse dieses Konzepts sind nicht nur zutiefst humanistisch, sondern auch wirtschaftlich überzeugend.

Die eigene Druckerei von Amadip Esment.

Vorreiter in Europa
Gewachsen ist Amadip – association mallorquina para personas con discapacidad psiquica – aus einer 1962 gegründeten Elterninitiative. Einer der Väter hatte eine Druckerei und gab schon in den 1980er Jahren den jungen Erwachsenen dort eine Beschäftigung. Das Café Es Pes de Sa Palla war 1996 das erste Restaurant in Europa, das geistig behinderte Menschen beschäftigte. Heute hat sich aus den Anfängen ein sorgfältig aufeinander abgestimmtes Netzwerk entwickelt, das 1.135 Personen betreut. „Unsere Schwerpunkte liegen auf drei Säulen“, erklärt Mercé. „Zum einen kümmern wir uns um Ausbildung und Beschäftigung, als zweites um eine möglichst unabhängige Wohn- und Lebenssituation mit Integration in der Nachbarschaft, und als drittes bemühen wir uns, Vereinsamung und Zurückgezogenheit vorzubeugen, indem wir gemeinsame Freizeitbeschäftigungen anbieten.“ Auch bei diesem Aspekt fordert Amadip die gesamte Schöpferkraft heraus, in Kooperation mit Sputnik-Radio ist sogar ein eigenes Radioprogramm am Start.

„Bei uns gibt es keine sinnlosen Beschäftigungen“
Manchmal geht es aber auch einfach nur darum, gemeinsam einen Kaffee trinken zu gehen. Denn immer wird darauf geachtet, die Bandbreite der Angebote so groß wie möglich zu halten, um wirklich allen ihrem speziellen Förderbedarf entsprechend ein würdevolles Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. „Bei uns gibt es keine sinnlosen Beschäftigungen“, betont Mercé. Selbst die Mitarbeiter, die starke Unterstützung brauchen und nur einfache Handgriff e ausführen können, befüllen zum Beispiel Geschenktüten für externe Auftraggeber. „Jede Arbeit hat ein bedeutungsvolles Ergebnis, das gebraucht wird.“ Das stärkt das Selbstbewusstsein und die Selbstachtung. Mit welchem Engagement bei Amadip gearbeitet wird, beschreibt das zweite Wort im Namen der Stiftung: Esment. „So ein schönes mallorquinisches Wort“, schwärmt Mercé. „Es bedeutet, etwas mit Hingabe und Sorgfalt zu tun.“ In der engen Zusammenarbeit mit Betreuern und Facharbeitern liefern die Auszubildenden und Mitarbeiter eine Qualität, die den Vergleich mit den Konkurrenten des jeweiligen Marktes nicht zu scheuen braucht.

“Cafeteria Palmanova” .

Ein nachhaltiger Kreislauf
Auf der Finca Weyler bei Son Ferriol werden in ökologischem Anbau Obst und Gemüse für die Restaurantküchen und die Kantinen gezogen. Marmeladen, Kräutertees, eigenes Olivenöl und drei Weinsorten aus der hauseigenen Bodega „Gallinas&Focas“ haben hier ihren Ursprung. Die Gärtner bewirtschaften nicht nur das eigene Gelände, sondern sind auch für die GrünanlagenPflege der Gemeinde Marratxi zuständig. Obrador Forn Pes de sa Palla ist die zweite Ausbildungsstätte. In der Backstube, der Konditorei, der Küche und im Service durchlaufen die angehenden Fachleute auch hier ihre Ausbildung im dualen System, das sich die Stiftung von Deutschland abgeguckt hat. Wie in den anderen Werkstätten arbeiten Ausbilder, Lehrlinge und gestandene Mitarbeiter im Team. Der Herstellungsbereich und die Bar de l’Escola sind nur durch eine Glaswand voneinander getrennt. Zum Essen kommen die Gäste aus umliegenden Firmen und aus der Nachbarschaft.
Das frische Brot und Gebäck wird auch zum Mitnehmen verkauft, ebenso wie Marmelade, Tees und Wein. Biogemüse von der Finca, die hausgemachten Backwaren und sogar selbst hergestelltes Eis werden an die anderen Gastro-Locations von Esment Alimentació ausgeliefert. Das Café Es Pes de Sa Palla in Palmas Innenstadt ist das älteste, das Café Palmanova das modernste. Menükarten und Tischsets der Restaurants stammen natürlich aus der hauseigenen Druckerei. Das aktuelle Design zeigt eine geometrische Anordnung schwarzer Balken. Sie sind die abstrahierte Draufsicht der Auberginen- und Kürbisbeete der Finca. Der helle Drucksaal ist mit modernsten Offset- und Digitaldruckmaschinen ausgestattet. Die Nachbearbeitung erfolgt gleich nebenan, wo die Mitarbeiter die Produkte falten, kleben, verpacken. Selbst Magnum, die berühmteste Fotoagentur der Welt, lässt hier Bücher drucken.

Das erweiterte Angebot in der von Amadip Esment geführten Cafeteria “Bar de l’Escola”

Kein Mitleid, stattdessen Anerkennung und Respekt
In dem klug durchdachten Konzept von Amadip Esment beweist sich, dass Innovation gepaart mit Inklusion eine würdige Gesellschaft schaffen kann, die niemanden ausschließt. Wenn sich die Maßstäbe nicht an der Norm orientieren, sondern individuell ausgehandelt werden, erleben sich Menschen mit ihren Fähigkeiten als nützlich, die vorher oder in anderen Bereichen des Lebens vielleicht Zurückweisung und Benachteiligung erfahren mussten. Deshalb gibt es etwas, das sich bei der Begegnung mit den Menschen bei Amadip Esment ganz und gar nicht einstellt, und das ist Mitleid. Dafür bleiben Anerkennung und Respekt für
das Projekt und für die Menschen, die endlich zeigen dürfen, was wirklich in ihnen steckt.
Wie kann geholfen werden? Mit dem Kauf der Amadip-Produkte und Besuche in ihren Cafés sowie Nutzung der Druckerei unterstützen Sie die Stiftung. Gesucht werden auch Partnerbetriebe, die ausgebildete Fachkräfte von Amadip einsetzen. Darüber hinaus werden immer auch Freiwillige für die Freizeitgestaltung gebraucht.
Kontakt: comunicacio@amadipesment.org
Christiane Sternberg, Fotos: Marcos Gittis

Cafés und Restaurants
• Café Es Pes de Sa Palla (Placa Es Pes de sa Palla, 3 in Palma)
• Café Palmanova (Autopista Palma Andratx, Salida Palmanova)
• Bar de L’Escola, Bäckerei und Restaurant in der Schule (Passatge Cala Figuera, 10 in Palma)
• Café Can Balaguer (Carrer de la Unió)
Übersicht aller Produkte und Öffnungszeiten der Cafés www.fornpesdesapalla.es

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