Mit dem Roten Blitz von Palma nach Sóller und weiter mit der Tranvía nach Port de Sóller

Wer mit 25 Kilometern pro Stunde im „Roten Blitz“ durch die Landschaft zuckelt, erlebt nicht nur Mallorca aus einem anderen Blickwinkel, sondern auch eine Reise in die Vergangenheit.

Geschrieben VOR den Entwicklungen in Bezug auf den Corona-Virus!

Abfahrt um 10.30 Uhr an einem ganz normalen Dienstag in der Vorsaison, da sollte der Andrang ja nicht so groß sein an dem kleinen Bahnhof am Plaça d’Espanya in Palma. Der Hinweis auf der Website, Billetts für die Tour nach Port de Sóller mit den historischen Züglein seien nicht im Vorverkauf erhältlich, bereitet da noch kein Kopfzerbrechen. Als Einstimmung auf eine Reise wie zu Großmutters Zeiten gar nicht so übel. Aber wenn man wie empfohlen eine halbe Stunde vor Abfahrt zum Bahnhofsgebäude strebt, sind da schon Himmel und Menschen! Sechsmal am Tag verkehren die Züge in der Saison von April bis Oktober, die digitale Anzeige über den Kassenhäuschen zeigt an, wie viele der rund 350 Plätze zur jeweiligen Abfahrtszeit noch frei sind. Wer ganz hinten in der Schlange steht, sieht anhand der kleiner werdenden Nummern seine Hoffnung schwinden, noch zur geplanten Zeit einen Platz im Tren de Sóller zu bekommen. Rechtzeitiges Erscheinen ist also notwendig. Für Spontaneität ist auf dieser Strecke ebenso kein Platz, denn die Ticket-verkäuferin möchte jetzt und sofort wissen, wann man seine Rückfahrt antreten wird. Die Uhrzeit für Retour wird dann auch gleich auf der Fahrkarte mit ausgedruckt, die Umsteigezeiten für die Straßenbahn in Sóller angekreuzt.
Auf Tour wie vor 108 Jahren
Bei dem Besucherandrang ist dieses durchgetaktete System die einzige Chance, den Überblick zubehalten und bei Bedarf zusätzliche Züge einzusetzen. Jährlich genießen rund eine Million Fahrgäste die Tour mit den historischen Bahnen. Ein einstmals reguläres Verkehrsmittel, das Menschen und Güter transportierte und das mit steigendem Autoverkehr immer überflüssiger wurde, hat es geschafft, zu einer Attraktion zu werden. Die Einweihung der Strecke zwischen Sóller und Palma liegt jetzt 108 Jahre zurück. Auf dem nostalgischen Bahnhof in Palma zeugen nicht nur die architektonischen Details von seiner Historie, sondern auch die Enge auf dem Perron, auf dem sich die Fahrgäste drängen, als der Zug endlich einfährt. Erst wenn alle ihr Plätzchen gefunden haben, die Jacken im Gepäcknetz verstaut sind und die Bimmel ankündigt, dass es gleich losgeht, legt sich das aufgeregte Gewusel in den Abteilen und man kommt miteinander ins Gespräch. Wer über die eingeschränkte Beinfreiheit mosert, die an Sitzreihen im Ryanair-Flieger erinnert, wird von Wiederholungsfahrgästen darauf hingewiesen, dass sich die Rückenlehnen umklappen lassen und so Viererabteile mit mehr Raum entstehen.

Der Tren wird zur U-Bahn
Wie eine Straßenbahn zuckelt der Tren durch Palma in einer Fahrtgeschwindigkeit, die man vom Auto nur noch aus dem dicksten Berufsverkehr kennt. Der Schaffner kommt durch und locht die Fahrkarten, ganz wie in alten Zeiten. Draußen vor dem Fenster wechselt der Ausblick von Häuserschluchten zu Industriegebiet zu Schrebergärten. Dudum, dudum. Das Geräusch der Schienenstöße weckt Erinnerungen an das Verreisen, als Züge noch nicht wie Hochgeschwindigkeits-Pfeile durch die Landschaft rasten. Kinder winken den an den Schranken wartenden Autofahrern zu, die Zeit genug haben, zurück zu grüßen. Um 11 Uhr fährt der Zug im gemütlichen Bahnhof von Bunyola ein. Langsam, knarrend und quietschend kommt er zum Stehen. Vogelgezwitscher ist von draußen zu hören, von Hektik und Geschubse keine Spur. Ein guter Grund, hier zuzusteigen, auch wenn es in Stoßzeiten eventuell nur noch Stehplätze gibt. Ab jetzt kommen die felsigen Erhebungen der Tramuntana immer näher und damit der Abschnitt, in dem sich der Rote Blitz in eine U-Bahn verwandelt. Ganze acht Minuten dauert die Fahrt durch die Dunkelheit, die nur von den antiken Messingleuchten in den Waggons erhellt wird. Der Bau des beachtlichen Tunnels, begonnen im Juni 1907, dauerte drei Jahre. Über 2,8 Kilometer mussten sich die Baufirmen durch die Gebirgskette Alfàbia fräsen.

Defilee in den Straßen von Sóller
Auf der anderen Seite angekommen, verändert sich der Blick. Den Reisenden liegt nun das zauberhafte Tal von Sóller zu Füßen. Bevor es hinunter geht zum Bahnhof, hält der Zug noch einmal auf freier Strecke. An der Aussichtsplattform gibt es die Möglichkeit, die prachtvolle Landschaft zu fotografieren oder einfach nur zu genießen. Von nun an ziehen Olivenhaine am Fenster vorbei und dann endlich, kurz vor dem Ziel, kommen die ersten Zitrusbäume in Sicht. Orangen, Mandarinen und Zitronen wachsen so dicht an der Bahnstrecke, dass man am liebsten zugreifen möchte. Um 11.45 Uhr endet die Fahrt mit dem „Roten Blitz“. Nun heißt es Umsteigen in den „Orangen-Express“, wie die Straßenbahn genannt wird, die zwischen Sóller und Port de Sóller verkehrt. Zwei Minuten Fußweg sind es vom Bahnhof zur Haltestelle, aber Eingeweihte legen ihn fast im Laufschritt zurück. Denn nur wer zuerst kommt, ergattert einen Sitzplatz, der Rest muss stehen. Aber wenn schon, dann ist der beste Platz dafür im ersten Wagen gleich hinter dem Fahrer. Der bedient die alte Tante Straßenbahn mit einer geschickten Choreografie – die Hand kurbelt, der Fuß setzt die Klingel in Gang. Die Tour durch die Straßen von Sóller gleicht einem Defilee. Passanten und die Gäste in den Cafés fotografieren die Tranvía. Sie ist aber auch ein Schmuckstück! In Betrieb genommen wurde die 4,8 Kilometer lange Strecke zum Hafen 1913. Aus jener Zeit stammen auch noch einige Triebwagen und Wag
gons. Andere sind nicht minder eindrucksvoll, stammen sie doch aus alten Beständen der Lissaboner Straßenbahngesellschaft.

Aufbruch aus der Isolation
Miguel Sina, der an diesem Tag die Tour fährt, ist „Bahner“ in der vierten Generation. Er weiß, was der Tren für die Leute von Sóller bedeutete. Bis zur feierlichen Eröffnung der Eisenbahnlinie 1912 war das gesamte Tal wegen seiner abgeschiedenen Lage hinter der Sierra de Alfabia vom Rest der Insel nahezu isoliert. Der einzige Landweg in die Hauptstadt Palma führte über den gefährlichen Pass Coll de Sóller, über den sich Kutschen und Fuhrwerke steile Pfade hinauf und hinab quälen mussten. Nicht verwunderlich, dass die Bewohner von Sóller engere Handelsbeziehungen zu Marseille unterhielten als zu ihren eigenen Landsleuten. Mit dem Verkauf von Aktien brachte die private Eisenbahngesellschaft „Ferrocarril de Sóller“ Anfang des 20. Jahrhunderts das Geld für das Mammutvorhaben auf. Nach der Einrichtung der Eisenbahnverbindung lag das Tal von Sóller mit seinen begehrten Zitrusfrüchten nicht mehr hinter den sieben Bergen, sondern wurde ein wichtiger Teil des Wirtschaftsgeschehens von Mallorca. Statt mehrerer Tage war man nun lediglich eine Stunde unterwegs. Am Hafen, in Port de Sóller, endet der Ausflug. Während die einen aussteigen, nehmen schon wieder die nächsten Fahrgäste für die Rücktour Platz. Ihre anschließende Fahrt von Sóller nach Palma verläuft schneller als die Hintour, denn auf den Aussichts-Stopp wird dabei verzichtet. Aber was heißt schon schnell bei 25 Kilometern pro Stunde? Das Gefühl, eine kleine Zeitreise zu machen, bleibt erhalten. Allein für dieses Erlebnis lohnt es sich, den Tren de Sóller zu nehmen und zuspüren: Es war einmal, in einem kleinen Tal auf Mallorca…
Information Preise und Abfahrtzeiten im Internet
http://trendesoller.com (Keine Reservierungen möglich, Zahlungen nur in Bar.Preise: Palma-Sòller-Palma 25 €, Straßenbahn je Strecke 7 €; Kombiticket Zug und Straßenbahn hin und zurück 32 €) 
Christiane Sternberg. Fotos: Marcos Gittis

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