Es gibt sie noch, die von der Zivilisation fast unberührten Orte auf Mallorca! Einer davon ist die Ermita de Betlem bei Artà. Auf dem Berg „Massis d‘Artà“, etwa 280 Meter über den Meeresspiegel, befindet sich diese bescheidene Klosteranlage. Altersbedingt verließen 2010 die letzten Mönche die Einsiedelei.

Zu erreichen ist die abseitige Stätte über zwei Wege. Wenn man über eine ausreichende Kondition verfügt, dann wäre die Wahl des Wanderweges sicherlich eine richtige Entscheidung. Los geht es in der kleinen, hübschen Siedlung Betlem. Immer weiter hoch, entlang den ca. sechs Kilometer langen Pilgerweg, vorbei an knorrigen Olivenhainen, lieblich duftenden Pinienbäumen und den mallorquinischen Zwergpalmen. Je näher man seinem Ziel kommt, desto atemberaubender wird die Aussicht auf die unberührte, schroffe Felsenlandschaft. Sollte man sich für die einfachere Variante zur Eroberung des heiligen Gipfels entscheiden, sprich für das Auto oder Fahrrad, so ist hier besondere Obacht geboten. Die zementierte Auffahrtstraße ist nicht nur eng, sondern auch ganz schön kurvenreich und es kann auch passieren, dass plötzlich ein Schaf mitten auf der Fahrbahn steht und nicht gerade den Eindruck erweckt, eilig den Ort zu verlassen. Für seine Geduld wird man etwa einen Kilometer vor der Ankunft belohnt, nämlich mit einem wunderschönen Ausblick auf das himmelblaue Meer.

Ohne Fleiß keinen Preis
Oben angekommen, geht es durch die 150 Meter lange Zypressenallee zu dem sehenswürdigen Gebäude. Erbaut wurde das Kloster im Sommer im Jahre 1805 auf den Ruinen des maurischen Landgutes Binialgorfa, auf dem sich ursprünglich ein alter Wachturm und eine Ölmühle befanden. Der Bau der Abtei gestaltete sich damals als nicht besonders einfach und ging sehr schleppend voran. Die benötigten Baumaterialien wurden aus Sóller zur Bucht von Alcúdia verschifft und von dort aus auf Eseln hinauf auf den Berggipfel gebracht. Beim Betreten des nicht besonders großen, eher dunkel gehaltenen und im neoklassizistischen Stil gebauten Gotteshäuschens, fällt der erste Blick sofort auf den Altar. Über den aus Marmor konstruierten Gabentisch befindet sich eine Grotte, die einer Tropfsteinhöhle sehr ähnelt und in der die Geburt Jesu nachgestellt wird. Die Darstellung ist hinter Glas gehalten und bei Sonnenschein wird die Szene durch einen bunten Lichtstrahl, der durch das farbenfrohe Rosettenfenster hindurchschimmert, besonders zur Geltung gebracht.

Kunst, Farbe und Licht
Wenn man sich an dem prachtvollen Farbenspiel erfreut hat, sollte man sein Haupt nach oben richten. An der Decke der Kapelle befinden sich beeindruckende Fresken von dem Künstler Francesc Parietti. In der Hauptkuppel wird die Krönung von Maria durch Christus dargestellt, umgeben von Engeln und dem heiligen Geist. Darüber eine weiße Taube, die auf die Szenerie einen Lichtstrahl leitet. Leider hat die Feuchtigkeit, die sich unaufhaltsam in dem ganzen Gebetshaus ausbreitet und im Allgemeinen ein sehr leidiges Thema auf der Insel ist, auch nicht vor diesen Kunstwerken Halt gemacht. Die Spuren der Humidität sind nicht mehr zu übersehen, auch nicht an den Wänden, an denen sich mehrere Bilder von dem Maler Manuel Bayeu mit Szenen aus dem Leben Christi befinden.
Eine weitere Sehenswürdigkeit im Inneren ist die Statue des „Christus der Agonie“, die sich in dem rechtsseitigen Altar befindet. Besonders bei den Anwohnern der Kulturstadt Artà wird dieses Holzkruzifix sehr verehrt. Somit ist die Kapelle jedes Jahr am 1 Mai das Wallfahrtsziel für hunderte von gläubigen Pilgern und Anhängern des Jesu Christi und der heiligen Jungfrau Maria.

Dem Stress entfliehen
Im Hof des Anwesens, das einen kreuzförmigen Grundriss hat, befinden sich aus Beton errichtete Sitzmöglichkeiten, die einen zum längeren Verweilen geradezu einladen. Nachdem man sich bequem niedergelassen hat, kann man getrost eine kleine Pause einlegen und seinen selbst mitgebrachten Proviant verzehren – ein Kiosk, Bar oder gar Restaurant sind nicht vorhanden. Während des Schmausens weht einem eine kühle Brise um die Nase und das Glockenspiel der weidenden Schafe hört sich beinahe wie rhythmische Musik an. Bevor man diesen idyllischen Ort wieder verlässt, sollte man unbedingt seine Wasservorräte überprüfen. Sollten diese verbraucht sein, so gibt es etwa 300 Meter weiter, Richtung Osten, die Wasserquelle „Font de s‘Ermita“, in der das ganze Jahr hindurch erfrischendes, trinkbares Gut sprudelt. Nicht weit davon ist die Lourdesgrotte und eine weitere Picknickmöglichkeit. Die Öffnungszeiten sind im April bis einschließlich September von 10-19 Uhr und für den Rest des Jahres von 10-17 Uhr. Es gibt weder Internet oder Telefon, auch die Handys haben auf diesem mystischen Berg keinen Empfang. Aber bisher hat es noch nie jemanden geschadet für eine kurze Zeit unerreichbar zu sein und diesen Luxus auch mit einem guten Gewissen zu genießen.
Juliane Mayol Pons

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