- Anzeige -

Für diesen Abschied fehlte ihm jegliche Phantasie! Er wollte sie nicht aus seinem, aus ihrem Leben gehen lassen. Das unbarmherzige Gefühl der Endlichkeit berührte ihn unsanft und erinnerte ihn erbarmungslos daran, dass es Zeit war, Abschied zunehmen, dass sie gekommen war, diese Zeit, verlustbringend. Noch aber war sie mit ihm in diesem Raum, den er mit ihr teilte. Aber peinigend hetzte die ihn lähmende Angst, so für ihn nie vorstellbar, vor sich her, gnadenlos. Nichts war mehr verhandelbar! Das Schicksal ließ nicht mehr mit sich reden! So also fühlte sich das Ende an, kam es nicht unbemerkt, blitzschnell über dich, sondern drängte es sich schleichend langsam, quälend und angstmachend in deine Gegenwart, und nötigte dich so, Minute für Minute bitter seine unheilvolle, todbringende Macht zu erkennen und schmerzhaft akzeptieren zu müssen. Beide aber unterlagen sie noch ihrem grausam Gewährenden: Ihrem gemeinsamen Leben war eine letzte Frist gesetzt.

Alles begann in der Berlitz-Schule
Seine Gedanken liefen Amok. Waren sie wirklich schon so schnell am Ende ihres so schönen Anfangs angekommen? Dieser so erotisch aufregende erste Kontakt zwischen ihnen damals, in der BerlitzSchule, in Frankfurts Kaiserstraße, der bis heute gehalten hatte. Von den achtzehn befreundeten Paaren waren sie als einziges nicht Geschiedenes übrig geblieben! Klug und umsichtig hatte sie diesen Mann durch die gemeinsamen Jahre geführt. Ihre unbestritten größte Leistung war, ein auf Grundlaufen ihrer Ehe zu verhindern, hatte er schon mal für bedrohliche Untiefen gesorgt. Aber sie ließ ihm seine lange Leine. Ihr Wesen, liebend, tolerant, ermöglichte ihm so schon mal was verboten war! Für ihn war es Liebe auf den allerersten Blick. Nichts bei ihm war Gier gesteuert. Sie saß in dem großen, ungemütlichen Warteraum und beschäftigte ihn vom ersten Blickkontakt an. Schön, auf eine bezaubernd natürliche Weise war sie schön, dezent geschminkt, apart und umwerfend elegant. Stil und Klasse waren bei ihr harmonisch vereint. Unablässig, beinahe ungeniert, ließ er seinen unverfrorenen, besitzanmeldenden Blick von ihrem Gesicht, in dem ein scheues, sibyllinisches Lächeln ruhte, eingerahmt von wunderschönen langen schwarzen Haaren, über ihre 38iger Figur zu diesen irre schönen Beinen wandern. Für ihn war sie perfekt.
Als sie schließlich in den Klassenraum gebeten wurden nahm er seine Chance wahr und setzte sich neben sie. Aber es war die falsche Klasse. Also alles noch einmal von vorn. Sogleich fürchtete er hektisch um ihre Nähe, denn er hatte zuerst an einem Tisch Platz nehmen müssen, dessen zweiter Stuhl leer geblieben war. Was wird sie machen, gleich? Setzte sie sich neben ihn, oder aber würde sie diesen leeren Stuhl einfach ignorieren? Sein Adrenalin rebellierte als sie wenig später den Raum betrat, sich kurz umsah, dann aber zielstrebig auf ihn zu kam und sich mit einem aufregenden „Hallo“ neben ihn setzte. Ihn beeindruckte diese Selbstverständlichkeit, mit der sie ihm begegnete, ohne Unverbindliches preiszugeben. Die oder keine, stellte er für sich siegessicher fest. Und diesen Sieg hat er bis heute täglich feiern können.

Ein lautloses Verstehen
Nun aber stand er als Verlierer in seiner stumm und einsam gewordenen Gegenwart! Sollte es den erhofften, gemeinsamen Lebensabend für sie beide nicht mehr geben? Bücher lesen, Musikhören, gemeinsam? Das alles gerade jetzt, nach ihren überstandenen, beinahe normalen Beziehungs-Unebenheiten, wo sie noch einmal einander so intensiv als liebende, vergebende und verstehende Partner erkannt hatten und diese Einzigartigkeit ihrer Partnerschaft seit langem nun schon so bewusst lebten! Es war dieses lautlose Verstehen, das sie beide an sich mochten, dass sie sich in der wundervollen Einsamkeit ihrer traumhaften 400-jährigen Finca, droben auf dem Feldherrnhügel, selbst genügten und es war ihrer beider erleichternde, wie beglückende Erkenntnis, dass Liebe nicht nur Sturm und Drang war, dass danach noch sehr viel mehr kam, um Liebe und Leben in dem mehr an Jahren für Seele und Körper attraktiv zu halten! Aber warum musste sich der Tod so abrupt zwischen sie drängen als ihre Liebe am schönsten und ihr Glück am vollkommensten war, fragte er verbittert.
Ihr liebevolles Lächeln und ihre zum Abschied winkende Hand sind alles, was ihm blieb von dieser ungewöhnlichen Frau. Aus der Dunkelheit des Koma heraus, in das sie so plötzlich gefallen war, kamen sie nicht mehr zueinander. Er wusste in diesem Moment, wo er seine Frau mit Angst und Verzweiflung in seinen Armen hielt, um sie in ihrem, in seinem Leben zu halten, das er mit ihr das verlieren würde, was ihn sein ganzes Leben ausmachte! Hatte er sich doch ausschließlich über diese Frau definiert!

Wer ist stark, wer ist schwach?
Mehr als 30 Monate wehrte sie sich klaglos und tapfer gegen dieses lebensbedrohende, 12 Quadratzentimeter große Lymphom, auch wenn der Tod bereits mehrfach bei ihr vorbeigeschaut und sich ihr als letzte Instanz vorgestellt hatte. Aber sich aufgeben, verzagen gar, das gab es nicht für sie. Bleiben wollte sie, bei den Söhnen, den beiden Enkeln und, ja, auch bei ihm, mit dem sie es nicht immer leicht gehabt hatte. Ihr Wille, gesund zu werden, war Quell seiner Hoffnung. Er, der physisch starke, verließ sich auf die Geschwächte, die schwer danieder liegend dem realen Leben immer noch näher war als er es je zu sein vermochte. Was lief schief im alles verantwortenden Universum, Lebensleistungen so ungerecht zu bewerten. Gewiss hätte der Allmächtige sich ihrer liebevoller, behütender annehmen können. Er hätte ihr dienendes und aufopferndes Wesen erkennen und sich diesem bewahrend und beschützend zuwenden müssen! Für sie, die nur immer gegeben hatte, die immer für alle in dieser Familie da war, für sie selbst blieb am Ende nur wenig, zu wenig! Und er, was hätte er zum Erhalt ihres Lebens leisten müssen? Wo liegen über die 47 Jahre ihres Zusammenseins seine, an ihrer Lebens-Substanz zehrenden, Versäumnisse?

Praktizierte Toleranz
Jetzt, ihren Verlust beklagend, fühlt er sich schuldig. Zu spät erkennt er, versagt zu haben, letztlich, um ihr das Leben zu erhalten. Hadern der eigenen Schwäche wegen? Schlechtes Gewissen gar um Versäumtes, nicht Geleistetes zu verdrängen? Nur nicht auf sich, auf sein eigenes Versagen schauen, auf das Böse in ihm, das Kränkende, das Egoistische, Ignorierende, das Fordernde und, ja auch das Ausnutzende, um dann, am bitteren Ende ihrer Gemeinsamkeit, am Endes ihres gemeinsamen Lebens, verängstigt erkennen zu müssen, das einzigartig Gewährende ihres Wesens, das ihn Erhaltende, ist ihm mit ihr verloren gegangen! Dieses von ihr selbstlos getragene gemeinsame Leben war sein egoistisch beanspruchter Lebenskomfort.
Aus ihrer Liebe heraus unterschied sie nie zwischen Dulden und Erdulden. Abstriche am Geben,am Gewähren, am sich Einbringen, ja auch am Hinnehmen hatte sie nie gemacht. Seinen erdrückenden Egoismus vermochte sie nicht abzuwehren. Ihn zu ertragen war ihre Problemlösung. Sie nannte es scherzhaft ihre praktizierte Toleranz. Durch eigenes Erleben begriff und tolerierte sie letztendlich diesen Mann und gewährte ihm so Freiräume, die oftmals über ihre Kräfte gingen! War sie die Falsche in dieser Beziehung? Ging sie in ihr nur deshalb so früh verloren, weil sie ihr nicht gewachsen, weil sie ohne Selbstschutz war? Aus ihrem Wesen heraus setzte sie Ihrem geduldigen Ertragen nie Grenzen. Das Gute ist aus Überzeugung wohl nur allzu gern wehrlos! Zu spät, viel zu spät erkannte er ihre Schutzbedürftigkeit. Ihre Art war es nicht nervend Klage zu führen!

Ihr einziger Ausraster
Ein einziges Mal nur in diesen 47 Ehe Jahren genehmigte sie sich einen bewundernswertknapp formulierten, sehr beherrschten ‚Ausraster‘: “Du bist einArsch“, hatte sie damals, am Heiligen Abend, leise, aber tief enttäuscht gesagt. Mehr kam nicht von ihr. Was war geschehen? Er war mit seinem Last Minute Weihnachtsgeschenk auf den sprichwörtlichen Holzweg geraten. Stolz, als seien es Teller aus purem Silber, hatte er seiner Frau sechs Teakholz Brettchen, bezeichnenderweise auch noch ohne Weihnachtspapier, überreicht…! Ohne das Gute in ihren Augen zu verleugnen schaute sie ihn entsetzt wie sprachlos an. Allein ihr Mitleid mit ihm, das sich in ihrem schönen Gesicht widerspiegelte, machte ihn nieder. Es kam vernichtend über ihn und bedurfte keiner beschimpfenden Worte! Um wie viel wohler wäre ihm gewesen hätte sie ihn doch lautstark beschimpft. Sie aber zog es vor ihn mit milder Traurigkeit und Verzicht zu strafen: Zeitlebens hatte sie keines dieser sechs runden Edelholzbrettchen je benutzt!
Fortsetzung folgt…

- Anzeige -