Bollwerk der Kunst

Wer an der Hafenstraße in Palma entlangfährt, sieht es schon von weitem: Ein spannender architektonischer Mix aus alt, sehr alt, und neu – das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Es Baluard. Es wurde am 31. Januar 2004 eingeweiht und mit rund 100.000 Besuchern pro Jahr und etwa 5.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, verteilt auf drei Ebenen, ist es das wichtigste Museum der Balearischen Inseln. Der Name bezieht sich auf die frühere Funktion, denn auf Katalanisch bedeutet „Baluard“ schlicht „Bollwerk“ – und das war es seit seinem Bau im 16. Jahrhundert.
Was gibt es zu sehen? Die Kunstsammlung vom Es Baluard enthält über 700 Kunstwerke vom späten 19. Jahrhundert bis heute und glänzt immer wieder durch die vielen temporären Ausstellungen mit Gemälden, Skulpturen, Fotografien, Videos und Installationen. Darüber hinaus werden Bildungsaktivitäten, Konzerte, Performances, didaktische Workshops und Seminare angeboten.

Frauenpower
Zur Zeit gibt es von drei Frauen je eine Ausstellung: Marina Planas (Mallorca): Ihre Ausstellung „Enfoques bélicos del turismo: todo incluido“ („Kriegerische Annäherung des Tourismus: all inclusive“, bis 27. September) basiert auf dem Werk ihres Großvaters, dem Fotografen Josep Planas. Hunderte von ihm damals produzierte Postkarten erzählen ihre Geschichten. Sie wurden von den damaligen Touristen in die ganze Welt verschickt. Martha Rosler (New York): Ihre Ausstellung ¿Cómo llegamos allí desde aquí? („Wie kommen wir von hier dorthin?“, bis 30. August) beschäftigt sich mit Politik, die unter den Interessen von Macht, Klassenhierarchie, wirtschaftlichem Imperialismus und sozialer Kontrolle über den Körper von Frauen verstanden wird. Ana Vieira (Portugal): Ihre Ausstellung „El hogar y la huida“ („Das Zuhause und die Flucht“, bis 30. August) analysiert die verschiedenen Arten von Beziehungen zwischen Menschen und den Objekten und Räumen, mit denen sie koexistieren und scha¥ t so eine Dialektik zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen dem Äußeren und dem Inneren oder sogar zwischen Pause und Bewegung. Eine weitere Ausstellung: „Colección. De la posguerra a la contemporaneidad“ („Sammlung. Von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart“, bis 1. November) präsentiert knapp 70 Werke von u. a. Joan Miró, Pablo Picasso, Georges Braque, André Masson, Antoni Tàpies, die um die Zeit zwischen 1940 und 2017 entstanden sind.

Die neue Direktorin Imma Prieto
Seit Oktober 2019 ist die katalanische Kuratorin, Kunstkritikerin sowie Professorin für zeitgenössische Kunst und neue Medien Imma Prieto neue Direktorin vom Es Baluard. Geboren 1975 in Vilafranca del Penedès ist sie die Nachfolgerin von Nekane Aramburu, deren Vertrag 2019 nach sechs Jahren ausgelaufen war. Von der Zeitung El Mundo wurde sie 2019 als eine der 20 einflussreichsten Frauen in der zeitgenössischen Kunst in Spanien angesehen.
Neue Ansätze
In dem Zeitraum des Lockdowns durch COVID-19 waren Prieto und ihr Team über das Internet im steten Austausch mit vielen Museen und Kulturscha¥ enden. Das Es Baluard soll seinem Namen gerecht werden und das Bollwerk sein, das sich mit den drängenden Fragen der Zeit auseinandersetzt, als Plattform der Diskussion und dem kreativen Austausch dienen, sowie zu einem neuen Bewusstsein durch Aufklärung und Kritik aufrufen. Ein Museum zur Refl ektion, als Spiegel der Gesellschaft und Hilfe zur Sozialisierung durch Kultur für alle. „Man muss sich das Museum vorstellen, als einen offenen Raum im Dienste der Stadt, der als Wissensgenerator verstanden wird und den kritischen Geist aktivieren kann.“ Mutig setzt sie auf die Umsetzung von Themen im sozialen Bereich, will die Öffentlichkeit mehr einbeziehen, das Verborgene in der Gesellschaft hervorholen und das, was fremd ist, näher bringen. IhreThemen sind Rassismus, Armut, Fluchtursachen, Klima, die Gender-Thematik und Feminismus.

Globaler Austausch
Mit einem großen Lachen hält Imma einen großen Ordner in ihren Händen. Wir sollen die ersten sein, die davon hören. Es ist die Vorlage für ihr ganz neues Projekt, das „Kunst- und Gedankenlabor“. Die Umsetzung einer neuen Internet Plattform im globalen, internationalen Austausch zu verschiedenen Bereichen wie u. a. Ökologie, Soziologie, Kultur ist in Arbeit. Dazu sollen sich Künstler, Fotografen, Mathematiker, Feministen, Anwälte, Ökonomen, Journalisten, Architekten, Soziologen, Aktivisten – generell Menschen mit hohem Wissensstand – aus der ganzen Welt treffen. „Gemeinsam neue Ziele entwickeln und verfolgen, stark werden für Kultur und soziale Veränderung im Austausch mit der Welt“, das sind ihre Ziele. Dazu werden Menschen aus vielen verschiedenen Nationen eingeladen, um mit ihnen Workshops, Konferenzen sowie Ausstellungen zu veranstalten. Imma will sich auch dafür einsetzen, das ausstellende Künstler einen Arbeitsvertrag mit festem Gehalt und den dazugehörigen sozialen Absicherungen bekommen – dies wäre eine absolute Neuerung. Nicht nur auf Mallorca, sondern auch jenseits der Insel.
Nermin Goenenc, Roman Hillmann.
Fotos: Es Baluard, Roman Hillmann Es Baluard Museu d‘Art Modern i Contemporani de Palma Plaça de la Porta de Santa Catalina, 10 Palma.
Geöffnet: Di.-Sa. 10-20 Uhr, So. 10-15 Uhr
www.esbaluard.org

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