José F. ist Allgemein-Arzt in einem der medizinischen Zentren der Insel, kurz PAC (punts d‘atenció continuada) genannt. Offiziell dürfen Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitssystems der Insel keine persönlichen Stellungnahmen oder Kommentare abgeben – das bleibt den Pressesprechern und den Verantwortlichen vorbehalten. Deshalb haben wir den Namen geändert und zeigen auch kein Bild der betreffenden Person. Das Gespräch fand vor zwei Wochen statt.

EL AVISO: Im spanienweiten Vergleich gibt es auf den Balearen relativ wenige Infizierte und Tote. Und die Zahlen stagnieren ja aktuell sogar. Waren die Balearen gut vorbereitet oder woran liegt das?
José F.: Zum einen konnte die Insel ja relativ schnell gut abgeschottet werden, was die Verbreitung sicherlich eingedämmt hat. Aber zum anderen hat sich das öffentliche Gesundheitssystem auf Mallorca, die “atención primaria“ von IbSalut, gut vorbereitet und professionell umstrukturiert. Die Situation, mit einer potentiell tödlichen Pandemie konfrontiert zu sein, ist neu für alle und stellt eine physische und psychische Herausforderung dar. Ich erlebe Engagement, Kreativität und Professionalität von Seiten des Personals im Gesundheitswesen, von den Chefs in der Einsatzzentrale bis zur Putzkraft im Gesundheitszentrum.

EA: Was wurde gemacht?
JF: Seit Ende Januar wurde die Situation auf Mallorca stetig den Bedingungen angepasst und dafür die Protokolle vom Gesundheitsministerium benutzt. Vom 14. März an (der erste “estado de alarma”) wurde die Patientenversorgung auf den Balearen komplett und rigoros an die Corona-Virus Pandemie angepasst. Dies bedeutet, es gibt momentan zwei getrennte Linien in der Versorgung: die Patienten mit anderen Krankheiten und diejenigen mit einer Virusinfektion bzw. Atemwegserkrankung. Es gibt dafür auch getrennte Räume, und das gesamte Personal ist in diese zwei Gruppen aufgeteilt. Die alte Situation, dass ein Patient einem Hausarzt und einer Schwester zugeordnet ist, wurde vorübergehend ausgesetzt.
EA: Wie läuft das jetzt konkret ab?
JF: Der Patient wird gebeten, zunächst anzurufen, um ein telefonisches Screening, sozusagen eine erste Anamnese zu ermöglichen. So muss der eventuell infizierte Patient nicht auf die Straße, die Ausgangssperre kann besser umgesetzt werden und der nicht mit dem Corona-Virus infizierte Patient muss sich keiner zusätzlichen Gefahr aussetzen, in dem er in ein Arztzentrum geht und sich dort möglicherweise ansteckt. Das sind die Telefonnummern: 971 437 079 und 902 079 079. Die Telefonnummer 061 ist für den medizinischen und die 112 für den absolut lebensbedrohlichen Notfall auf Mallorca vorbehalten. Diese beiden Nummern sollen nicht durch Fragen blockiert werden.

EA: Was ist, wenn ich vielleicht das Virus habe?
JF: Patienten, die Symptome an sich feststellen, sollten zunächst anrufen. Bei leichten Krankheitsanzeichen wird man telefonisch weiterbetreut, damit man eine etwaige Verschlechterung früh abfangen kann. Es gibt sogar eine mobile medizinische Einheit, die sogenannte UVAC (unidades volantes de atención al Covid-19), die zu Spezialfällen fährt und eine Probe bei Symptomen wie Fieber und Husten entnimmt. Wenn der Patient selber Auto fahren kann, wird er zu einer COVIDExpress-Stelle geschickt, die das gleiche macht.

EA: Klingt alles perfekt und durchdacht, aber was lief oder läuft nicht so rund?
JF: Masken, Kittel und Handschuhe zum Schutz des Personals waren anfangs nicht ausreichend genug vorhanden. Das viel zu spät georderte Schutz-Material ist in den meisten Gesundheitszentren auf Mallorca verspätet eingetroffen. Bis dahin mussten sich Ärzte und Krankenpfleger Schürzen aus Mülltüten und Kopfschutz aus Verbandsmaterial und Taucherbrillen selber basteln. Die virusresistenten ffp2 Masken gibt es zwar, aber nur in sehr limitierter Zahl. Meistens werden die einfacheren Masken getragen, die eher dem Fremd- als dem Eigenschutz dienen. Dieses Problem gab und gibt es weltweit. Unter den zigtausenden Infizierten und Toten gibt es auch viele unter dem medizinischem Personal. Mittlerweile haben wir übrigens adäquate Schutzkleidung bekommen.

EA: Was ist mit Tests?
JF: Alle verlangen nach Tests, dabei wurden und werden nicht mal Screening-Tests beim medizinischen Personal durchgeführt, nur im Krankheitsfall. In Spanien werden nur schwere Fälle, die im Krankenhaus sind, getestet, beziehungsweise Erkrankte, wenn sie zu essentiellen Berufsgruppen zählen. So weiß man letztlich nicht, wie die tatsächliche Durchseuchung der Bevölkerung ist. Ideal wäre es, wenn man jeden Patienten der Krankheits-Symptome hat, testen könnte, was ja übrigens auch Fernando Simón sagt, der spanische Epidemiologe. Deutschland steht weit besser da. Hier führen rund 250 Laboratorien ca 300.000-500.000 Covid 19-Tests pro Woche durch.

EA: Was ist mit dem Schutz der Bevölkerung?
JF: Auch hier gibt es – trotz Warnungen von Ärzten und Wissenschaftlern, trotz Erfahrungen mit Sars und Mers – nicht genügend Masken, kein Handdesinfektionsmittel und keine Handschuhe für die Bevölkerung. Und zwar in ganz Spanien. Mittlerweile werden bei Bus- und Bahnfahrten Masken ausgegeben und es wurde eine Preisgrenze für die sogenannten Alltagsmasken auf 96 Cent festgelegt. Ein Tropfen auf dem heißen Stein.

EA: Welche Fehler wurden gemacht und wie kann man für die Zukunft vorsorgen?
JF: Masken, Beatmungsgeräte, medizinische Tests und essentielle Medikamente wurden in letzter Zeit in großer Anzahl außerhalb von Europa hergestellt. Da sollte ein Umdenken stattfinden. Ressourcen müssten für Krisenzeiten angelegt werden und könnten unter den EU-Nachbarn nach Bedarf verteilt werden (Aktuell gibt es entsprechende EU-weite Vorschläge einzelner Regierungen, Anm. d. Red.). Beim Thema Gesundheit darf man nicht abhängig sein. Italien verbrauchte schon im Monat Februar alleine ungefähr 90 Millionen Masken. China ist der wichtigste Produzent von medizinischer Schutzkleidung. Bereits vor der Krise stellte das Land fast jede zweite Maske weltweit her, immerhin etwa 20 Millionen Stück, am Tag. Klar kann man jetzt, wo China aus dem Gröbsten wieder raus ist, und die Produktion wieder angekurbelt hat, Millionen von Masken dort bestellen, aber man darf sich nicht abhängig machen. Rund 80% der Wirkstoffe, die in der EU abgegeben werden, werden nach Schätzungen ebenfalls im NichtEU-Ausland produziert. Und wieder ist es China, diesmal im Verband mit Indien, die dahingehend Vorreiter sind. Schon vor der Coronakrise gab es in der EU Lieferengpässe bei Medikamenten, und zwar in der sogenannten Basisversorgung der Bevölkerung.

EA: Welche generellen Vorschläge würden Sie machen?
JF: Die Politiker in Spanien, aber auch in anderen Ländern, hätten vorausschauender handeln müssen. Nach Sars- und Mers-Epidemie hätte man wissen müssen, dass irgendwann unweigerlich eine große Pandemie kommt – und auch nach Covid 19 weitere kommen werden. Man hätte dafür Vorsorge treffen können. Ein Land darf die Sicherheit und den Schutz der eigenen Bevölkerung nicht an andere delegieren und nicht dem freien Markt überlassen. Und man sollte in Europa wieder kreative, hochausgebildete und innovative Unternehmer in diesen Bereichen fördern.
Das Gespräch führte Martina Zender

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