Falknerei ist eine Lebenseinstellung

Die Falknerin Laura Wrede über ihre Arbeit und die neuen Kurse, die sie anbietet

Als der Geländewagen am Feldrand parkt, flutet eine kleine Jagdgesellschaft aus den geöffneten Türen heraus. Laura nimmt ihren Sohn auf den Arm, ihr Mann Patric hievt den Kinderwagen aus dem Auto und zwei Hunde entwischen mit aufgeregtem Schwanzwedeln auf den Acker. Athena aber lässt die Hektik um sie herum völlig kalt. Unbeeindruckt sitzt das Falkenweibchen majestätisch auf seiner Stange im Gepäckraum und wartet. Als ob sie wüsste, dass der ganze Trubel nur ihr gilt. Laura wirft sich die Falknerweste mit den voluminösen Taschen um und zerteilt eine Hühnerkeule, um Fleischstücke an einer Schnur zu befestigen. „Heute machen wir Federspieltraining“, erklärt sie. Dazu wird sie die Ersatzbeute durch die Luft schwingen, so dass der Falke im mehrmaligen Anlauf zum Angriff übergehen muss. Das schult ihr Reaktionsvermögen und festigt die Beziehung zu Laura.

Die leidenschaftliche Jägerin Laura Wrede mit Sohn Adrian, ihrem Hund und Falke Athena.

Laura von Arabien

Laura Wrede ist eine erfahrene Falknerin. Gelernt hat sie die Kunst der Beizjagd im arabischen Emirat Katar, wo sie als einzige Frau diesen Sport betrieb. Sich dort durchzusetzen war eine enorme Herausforderung, die sie in ihrem Buch „Laura von Arabien: Als Frau allein unter Beduinen“ beschrieben hat. Seit 2016 lebt sie mit ihrem Mann Patric Boes auf Mallorca und betreibt die Falknerei als Beruf und Berufung. „Mit den Falken draußen in der Natur zu sein, das ist meine Welt“, erzählt sie. Vor Jahren hat sie in Deutschland ihren Jagdschein gemacht, kann mit Flinte und Gewehr umgehen, aber die Jagd mit Falken hat für sie eine ganz andere Dimension. „In der Falknerei bin ich Dirigent, gebe dem Tier vielleicht eine Richtung vor. Sobald ich den Falken fliegen lasse, bin ich nur noch Zuschauer der Natur.“ Diese Jagdvögel bleiben auch wilde Tiere, wenn sie in menschlicher Gemeinschaft leben. „Sie lassen sich nicht verhätscheln oder streicheln“, erklärt Laura. „Meine Falken sind zahm genug, dass sie mit mir arbeiten, aber Haustiere werden sie nie.“ So hat auch Athena einen festen Bezug zu Laura, sie ist aber nicht auf sie angewiesen. Würde man sie in die Freiheit entlassen, könnte sie allein überleben. Theoretisch. Denn obwohl Falken ein Alter von 24 Jahren erreichen können, werden sie in der Natur nur halb so alt. Strommasten und Windräder sind ihre tödlichsten Feinde.

Falknerin Laura Wrede mit Sohn Adrian auf einem Feld bei Training mit Falke Athena.

Ungezähmter Eigensinn

Auf dem Acker zwischen den Weinfeldern, auf denen Laura mit Athena trainiert, sind solche mörderischen Quellen weit entfernt. Es ist so still, dass Vogelgezwitscher und Insektenzirpen den Ton bestimmen. Athena steigt auf den dicken Lederhandschuh, den sich Laura übergestreift hat. Am Gurt, den der Vogel auf dem Rücken trägt, wird ein GPS-Sender befestigt. Ein wichtiges Utensil, wie sich an diesem Nachmittag noch herausstellen soll. Jetzt bekommt Athena das endgültige Signal, dass sie sich gleich in die Lüfte erheben darf, denn Laura nimmt ihr die Haube ab, die bisher ihren Kopf bedeckte. „Falken haben ungeheuer sensible Augen“, erklärt sie. Die Haube schützt sie vor Stress, weil sie sich unweigerlich auf etwaige Beute stürzen würde, obwohl die Zeit dafür noch nicht gekommen ist. Für das Training geht Patric mit Athena auf dem Handschuh nun in die eine Richtung, während sich Laura mit dem Federspiel ganz am Ende des Feldes aufstellt. Sie schwingt die Schnur mit der Ersatzbeute und simuliert so eine Jagdsituation für Athena. Die Übung dient dazu, ihr Reaktionsvermögen zu schulen und die Beziehung zur Falknerin zu festigen. Die Beute-Attrappe in Lauras Hand dreht sich, Athena erhebt sich in die Lüfte und steuert darauf zu. Ein bis zwei Mal stürzt sie sich darauf, aber auf das Spiel hat sie heute offenbar keine Lust. Ihre Unabhängigkeit demonstriert sie, als sie sich in den Himmel schraubt, sich dem Wind anvertraut und den Blicken entschwindet. Laura kann noch so viel mit dem Federspiel locken, aber Athena hat offenbar noch keinen Hunger und genießt die Freiheit des Nachmittags.

Die schnellsten Tiere der Welt

Natur kann man nicht erzwingen, also gestattet Laura dem Falken eine Auszeit. Wir ziehen uns mit Kind und Hunden auf das Weingut Can Piza zurück, wo eine kleine Verkostung auf uns wartet. In diesem gemütlichen Ambiente finden auch die theoretischen Teile der Kurse statt, die Laura seit einiger Zeit anbietet. „Ich habe beschlossen, Leute in meine Welt einzulassen und ihnen die Faszination der Falknerei nahe zu bringen.“ Die Fakten über diese faszinierenden Tiere sind ebenso spannend wie die Beobachtung des Flug- und Jagdverhaltens live am Feldrand. Wanderfalken wie Athena sind mit Spitzengeschwindigkeiten von 320 km/h die schnellsten Tiere der Welt. Und sie haben einen erstaunlichen Stammbaum, denn wie alle Vögel stammen sie von den Dinosauriern ab, ihre engsten Verwandten sind daher Krokodile und Alligatoren. Die Falknerei als Jagdform hat eine 3.500 Jahre alte Tradition und gilt mit der Eintragung in die Unesco-Liste des Immateriellen Kulturerbes als geschützte Kulturform. „Wie sehr die Falknerei unsere Kultur beeinflusst hat, zeigt sich an den noch heute gängigen Redewendungen wie ‘unter die Haube kommen’ oder ’jemanden um den Finger wickeln’“, sagt Laura und demonstriert, wie die Langleine für das Training am kleinen Finger des Falkners befestigt wird.

Falke Athena angeleint bein Training.

Umweltfreundliche Schutztruppe

Zur häuslichen Menagerie gehören bei Laura auch noch Alfred, der Rabe, und Carlos, Athenas männliches Gegenstück. Carlos und Alfred stammen von spanischen Züchtern, Athena aber wurde in Tschechien gezüchtet und von einem katarischen Scheich gekauft, aus Katar hat Laura sie mit nach Mallorca gebracht. Regelmäßig kontrollieren Beamte der Seprona (Servicio de Protección de la Naturaleza), der Naturschutzabteilung der Guardia Civil, die artgerechte Haltung der Falken. Dazu gehören eine geräumige Voliere, die Badebrente, in der sich die Vögel reinigen können, und angemessenes Futter, das Laura vom Tierarzt bezieht. So wird staatlicherseits zugleich die Menge kontrolliert, damit nicht etwa ein unregistriertes Tier mit durchgefüttert wird.

Wenn sich Athena bei der Jagd selbst versorgt, sind es meist Tauben, auf die sie fliegt. Aber auch Fasane, Enten oder Rothühner verschmäht sie nicht. Falken sind Ansitzjäger, die sich einen Überblick über die Lage verschaffen, bevor sie blitzschnell auf ihre Beute herabstoßen. „Dabei beobachten sie, welche Taube am schwächsten ist und wo sich der Einsatz lohnt“, erläutert Laura. „In freier Wildbahn sterben 60% der Jungfalken, weil sie nicht jagen können. Jeder misslungene Anflug frisst Energie. Wenn sie klein sind, gehen sie auf alles, bis sie lernen, welchen Versuch sie sich hätten sparen können.“ Das Weingut, auf dem Athena jagt, freut sich, dass der Taubenbestand dezimiert wird. Laura unterstützt darüber hinaus ein Falkner-Team, das am Flughafen von Palma mit seinen Falken an den Start- und Landebahnen dafür sorgt, dass sich dort keine für den Flugverkehr gefährlichen Vögel aufhalten. Aus den höfischen Jagdvögeln ist hier sozusagen eine umweltfreundliche Schutztruppe geworden.

Falknerei ist eine Lebenseinstellung

Inzwischen hat Athena ihren eigenmächtigen Ausflug beendet und ist zu Laura zurück gekehrt. Zur Sicherheit kommt sie nun an die Langleine, um das Federspieltraining ohne auszubüxen fortzusetzen. Diesmal fliegt sie ohne Umwege auf die Beute-Attrappe zu und schnappt sich den Happen in der Luft. Brav sitzt sie anschließend auf Lauras Hand und pflückt kleine Fleischstücken von den Knochen. „Falknerei ist eine Lebenseinstellung“, sagt Laura. „Man muss sein Leben nach dem Tier ausrichten.“ Gejagt oder trainiert wird immer um die gleiche Zeit, wenn Athena Hunger verspürt. Geht es hinaus in die Natur, ist Lauras Sohn auch meist dabei. Er beobachtet vom Kinderwagen aus das Schauspiel oder sitzt im Baby-Tragerucksack auf dem Rücken seiner Mama. 

Falknerei ohne Jagdschein

Der Traum, mit Falken zu jagen, ließe sich auf Mallorca relativ leicht erfüllen. Um in Deutschland Falkner zu werden, braucht man zunächst den Jagdschein und kann anschließend in einer dreimonatigen Ausbildung den Falknerschein machen. In Spanien ist die vorherige Jagdausbildung nicht nötig. Ein erster Schritt, um sich mit den Vögeln und dem Metier überhaupt bekannt zu machen, sind die Kurse, die Laura anbietet. Es ist ein kleines Abenteuer, die faszinierenden Tiere aus der Nähe zu erleben und ein wenig in die Welt der Falknerei einzutauchen.

Kurse:

5-6 Teilnehmer

ab 45 € (1,5 h)

Abendkurse mit Tapas und Wein 60 €

E-Mail: laurawrede@gmail.com

Buch-Tipp:

„Laura von Arabien: Als Frau allein unter Beduinen”

Lübbe Verlag, 15 Euro (Kindle 11,99 Euro)

Christiane Sternberg, Fotos: Marcos Gittis

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