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Die Durchquerung der Bergschlucht Torrent de Pareis gilt als eine der anspruchsvollsten Touren auf Mallorca. Riesige Kalkbrocken bezwingen, sich durch steinerne Spalten zwängen und majestätische Felswände bestaunen – all das macht die Tour zu einem unvergesslichen Erlebnis. Unsere Autorin Dorothee Kammel wagte sich für uns durch die Schlucht…

Es ist pechschwarze Nacht, als die Wandergruppe sich in Port de Sóller trifft. Treffpunkt 7 Uhr morgens, im Sommer noch früher. Die Rucksäcke kommen in den Kofferraum des Minibusses, jeder der neun Plätze ist besetzt und es geht los. Salvador Suau, Wanderführer und Mallorquiner, lenkt Richtung Lluc. Im Bus herrscht weitgehend Ruhe, die Wanderer sind noch müde. Serpentine um Serpentine steigt der kleine Bus nach oben, lässt das Orangental von Sóller unter sich. „Im Winter muss man höllisch vor schlafenden Schafen auf der Fahrbahn aufpassen“, sagt Salvador, als der Bus ein Schaf am Fahrbahnrand passiert. „Sie suchen im Winter die Wärme und Trockenheit des Asphalts.“ Mallorcas Königsdisziplin für Wanderfreaks steht heute an: der Torrent de Pareis, eine Schluchtenwanderung, die in den Wanderführern mit der Farbe „Schwarz“ gekennzeichnet ist. Schwarz bedeutet anspruchsvoll, sehr anspruchsvoll.

Schmuggelgeschichten
Nach dreißig Minuten Fahrt ist das Ziel, die Einstiegsstelle zur Wanderung durch die Schlucht, erreicht. Ackerland auf der linken Seite, Steineichen, Schneidegras, Mönchspfeffer und wilde Feigenbäume ziehen sich entlang des Wegs. Auf der rechten Seite erhebt sich der Puig Roig, der Rote Berg, auf dessen abfallenden Seiten eine ehemalige Militärkaserne steht. „Hier stand die Guardia Civil früher, die spanische Grenzpolizei“, erzählt der Guide Salvador. Mallorca war vor dem Tourismus bitter arm, eine Hand wusch die andere, wenn die Schmuggler mit Tabak, Alkohol, Penicillin und der zu diesem Zeitpunkt noch verbotenen Pille für die Frau, über die Berge zogen. Auch die Grenzpolizisten litten Hunger. „Gut geschmierte Seile machen keinen Krach“, fasst es Salvador passend zusammen.

Trittsicher sollte man sein
Es wird langsam Tag, der Morgen ist noch ein wenig diesig und die Luftfeuchtigkeit macht die Steine auf dem Weg glitschig. Jeder Schritt muss gut dosiert sein, der Blick ist immer auf den Boden gerichtet, das Schneidegras dient als Hilfe, wenn man es bei abschüssigen Passagen fest mit der Hand umklammert.
„Wer nicht trittsicher ist, hat jetzt noch die Chance, umzudrehen“, sagt Salvador laut zur Gruppe. Man müsse kein Reinhold Messner sein, aber ein wenig geübt und sicher beim späteren Kraxeln. Der Kommentar löst noch einmal Respekt vor der Tour aus. Reicht die eigene Fitness aus? Von einem Helikopter der Bergwacht möchte niemand freiwillig aus dem schmalen Canyon geholt werden.

Hessische Klänge…
Die Männer der Gruppe haben Landbrot, Landwein, Wurst, Käse und andere Dinge für das spätere Picknick zugeteilt bekommen. Doch bis dahin liegen noch mehrere Stunden Wanderung und Klettern vor den Teilnehmern. Nach zirka einer guten Stunde taucht die Öffnung des Torrent auf. Tief, schmal, beeindruckend. Salva dosiert die Pausen gut und nutzt diese für witzige und spannende Erzählungen. „Die Finca dort oben am Hang ist in eine Höhle gebaut.“ Bei ihm klingt es ein wenig nach „Hölle“. Die langgezogenen Vokale im Deutschen und der spanische Zungenschlag fremdeln gerne. Salvas Deutsch ist fantastisch, er hat es an der Uni in Madrid gelernt. Dank seiner deutschen Frau fließen sogar hessische Klänge ein: die „Woscht“, die es später aufs Brot gibt, spricht er aus, als sei er in Hessen aufgewachsen. Nächstes Jahr hat er 25-jähriges Wanderjubiläum.

Marder wandern auch…
Die Gruppe kommt unten am Beginn des Flussbetts, dem Torrent, übersetzt Sturzbach, an. Jetzt beginnt die eigentliche Klettertour durch die Schlucht. Die Felswände ragen links und rechts empor, Felsbrocken versperren den Weg, wechseln sich mit gut begehbarem Kiesbett ab. Salva erzählt: „Wenn es regnet, ist der Torrent nicht passierbar. Nur mit Neoprenanzug – er macht eine kurze Pause – oder so“. Seine Arme deuten Schwimmbewegungen an. Nach dem letzten Regen hätten die Teilnehmer einer Gruppe durch große Tümpel waten müssen. Er zeigt mit seiner Hand auf Hüfthöhe. „Oder je nach Körpergröße sogar noch höher.“ Die Hand wandert Richtung Brust. „Aber wir warnen die Leute vorher“, fügt er hinzu und lacht. Heute ist es trocken, der Himmel ist bedeckt, die Ersten ziehen trotzdem ihre Jacken aus und wischen sich die Stirn. Die Knie beginnen leicht zu maulen und ein wenig Panik kommt auf. Das ständige Bergab kann eine Belastung für die Beine sein. Vor uns waren schon andere „Wanderer“ hier. Mit kleinen, schwarzen Häufchen haben sie ihren Weg markiert. „Das sind Marderhäufchen“, klärt Salva auf, und schärft der Gruppe ein: „Auf keinen Fall anfassen oder sich draufsetzen, die stinken bestialisch.“ Der sich eingefressene Gestank gelte vor dem spanischen Gericht sogar als anerkannter Scheidungsgrund. Lautes Lachen quittiert seinen Kommentar. Achtung Marderhaufen! schallt es daraufhin immer mal wieder aus der Gruppe.

Es wird eng…
Heute ist die Runde ausschließlich deutschsprechend. Der Mann mit der kleinen runden Brille kommt aus dem Norden, ein Ehepaar aus der Nähe von Frankfurt, zwei Freundinnen mit Vater und Partner aus Chemnitz. Auch Österreichisch ist zu hören. Die meisten sind geübte Wanderer, eine Teilnehmerin überholt gerne rechts, nimmt die Felsen mit Leichtigkeit und scheint fast ein wenig unterfordert zu sein, während die anderen dankbar die Hilfestellungen von Salva bei kniffligen Stellen entgegennehmen.
Jetzt kommt so ein felsiges Nadelöhr. Salva steht bereit. Seine Anweisungen sind klar: „Rechte Hand hier, linker Fuß dort, rechter Fuß auf meinen Oberschenkel.“ Mit etwas Überwindung stellt man das kantige Schuhprofil der Wanderstiefel auf seinem nackten Oberschenkel ab. Doch nur so schafft man es, die glattgeschliffenen schmalen Felsen zu bezwingen. An einigen Stellen muss man den Kopf einziehen, der Rucksack schabt am Kalkfelsen entlang, die glatten Steine dienen als Felsenrutsche. „Man muss ein Seil dabeihaben“, betont Salva. Bei der nächsten schwierigen Stelle kommt es zum Einsatz. Die Gruppe seilt sich ab, einer nach dem anderen, während die anderen geduldig oben warten. Ein leichter Nervenkitzel begleitet das Warten bei der Vorstellung, gleich in die Tiefe abzutauchen.

Picknick als Belohnung
Legt man hin und wieder den Kopf in den Nacken, kann man den schmalen Himmelsstreifen über den imposanten Felswänden sehen. Wenn man Glück hat, sieht man dort Mönchsgeier kreisen. Die geschützte Population ist in den letzten Jahren gewachsen, eingeführte Gänsegeier vom spanischen Festland kamen hinzu. „Die verstehen sich auch ganz gut“, sagt Salva, „nicht wie die Katalanen und Madrid.“ Der Torrent ist Naturschutzgebiet. Obwohl es jedem Kletterer beim Anblick dieser Kletterwände in den Fingern juckt, gilt hier strenges Kletterverbot. Campieren auch, „es sei denn, man muss es aus der Not heraus tun“, so Salva. Ein leichtes Zittern in den Oberschenkeln macht sich bemerkbar, die Kräfte lassen nach, die an diesem Morgen weitgehend menschenleere Schlucht beginnt sich allmählich mit einigen Wanderern, darunter Kindern, zu füllen. Es sind Ausflügler, die von der Mündung her ein Stück den Canyon entlang wandern. Weit bis zum Ziel kann es also nicht mehr sein, so die Hoffnung. Das Picknick mit ´Woscht und Wein` wartet dort auf die Gruppe. Zirka fünf Stunden nach dem Start ist die Gruppe am Ziel. Salva holt ein rot-weiß kariertes Tuch aus seinem Rucksack. Der Wein im Lederbeutel, das Brot, Käse und die anderen Zutaten werden von den Trägern herausgekramt. Salva schneidet großzügig Stücke vom Käse, der Wurst und dem mallorquinischen Landbrot ab. Auch Olivenöl und pürierte Tomaten hat er mitgebracht. Er macht es vor: „Käse und mallorquinische Mandelsplitter auf das Brot legen, fertig.“ Die Mandelsplitter sind in Wirklichkeit dicke Knoblauchstücke… Beine ausstrecken, zugreifen, den Wein aus Binissalem genießen. Und ein wenig stolz auf sich selbst sein, diese beeindruckende und anspruchsvolle Tour gemeistert zu haben. „Jetzt einen Applaus für die Träger, dann einen für sich selbst“, sagt Salva. Und natürlich gibt es eine Runde Applaus für den mallorquinischen Guide, der die Gruppe fantastisch und umsichtig durch die Schlucht geführt hat.

Infos zur Tour
Die Canyontour wird regelmäßig in den trockenen Monaten von April bis Oktober angeboten. In den anderen Monaten nach vorheriger Absprache und je nach Wetterlage. Besonders Abenteuerlustige durchwandern und durchschwimmen den Canyon mit Neoprenanzug. Diese Wanderung ist nichts für Ungeübte. Man sollte die Tour nie alleine unternehmen. Schon häufiger musste die Bergwacht Wanderer, die sich übernommen hatten oder verunglückt waren, aus der Schlucht retten. Am besten man durchquert den Torrent mit einer geführten Gruppe und erfahrenen Bergführern. Kontakt zu Mallorca Muntanya: www.mallorcamuntanya.com, info@mallorcamuntanya.com Tel.: 654 986 171
Dorothee Kammel

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