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Runter von der Bühne, rauf auf die Plaça! Nur so ist der mallorquinische Volkstanz wirklich authentisch. Seit 45 Jahren gibt die Escola de Música i Danses in Palma ihre Leidenschaft für die Inseltradition weiter an Nachwuchstänzer und Publikum.

Un, dos, tres, quatro – und immer schön die Arme nach oben! Die Schrittfolgen geraten noch etwas holperig und die Drehungen sind nicht ganz synchron bei den Tanzpaaren, die sich schwungvoll auf dem Parkett bewegen. Aber aus den Gesichtern der zwanzig Eleven, die sich an diesem Mittwochabend in der Escola de Música i Danses in Palma leidenschaftlich um Haltung bemühen, strahlt Freude und Leidenschaft. Der Anfängerkurs hat längst noch nicht die professionelle Eleganz erreicht, für die die renommierte Tanzgruppe der Schule bei ihren Auftritten bekannt ist. Aber was soll’s! Viele von ihnen kommen ohnehin nur zu ihrem Vergnügen und weil sie beim nächsten Volksfest einfach mittendrin sein wollen, wenn auf dem Dorfplatz der Bal de Bot – der berühmte balearische Sprungtanz – die neidischen Blicke der Nicht-Eingeweihten auf sich zieht. Junge Mädchen, ältere Damen und immerhin auch drei Herren bewegen sich mit Verve nach der Musik vom Band, während Gabriel Frontera Mestre mit dem Klang der Kastagnetten den Rhythmus vorgibt. Er ist der Direktor der Schule und einer von acht Profesores, die hier die Kunst und Lebendigkeit der Folklore lehren. Das Gebäude mitten in der Altstadt von Palma ist nicht nur in seinem ungeschönten Charme vergangener Dekaden die passende Umgebung für die Weitergabe historisch gewachsener Kultur. Auch die Wände sind geschmückt mit traditionellen Motiven. Neben der Tür steht auf einer Säule die Büste eines Herrn, dessen freundlicher Blick auf den Tanzenden ruht. „Bartomeu Enseñat Estrany (Inca 1917 – Palma 1998)“ steht auf der goldenen Plakette darunter. Er war der Spiritus Rector der ersten Schule für traditionellen Tanz auf Mallorca.

Auf Mallorca führt die Frau „Er war ein Forscher“, erzählt Gabriel mit Begeisterung über seinen Vorgänger im Amt. „Anfang der 1970er ist er durch die Dörfer der Insel gezogen und hat sich von den Leuten ihre Tänze zeigen lassen.“ Bis dahin sah man in der Öffentlichkeit nur choreografierte Tänze, die für Touristen aufgeführt wurden. „Aber schon Erzherzog Ludwig Salvator schrieb in seinem Buch über Mallorca: ‘Wenn man die Volkstänze erleben will, muss man auf private Feiern gehen’. Die Besonderheit an mallorquinischen Tänzen nämlich ist, dass sie überwiegend improvisiert werden – und dass die Frau führt. Señor Bartolomeu war so überwältigt von der Fülle der verborgenen Folklore seiner Heimat, dass er alles daran setzte, 1975 die Escola de Música i Danses zu eröffnen. Seit 45 Jahren werden hier nicht nur die alten Tänze und traditionelle Musikinstrumente gelehrt, sondern in den Kinderkursen lernen die Kleinen die gesamte Volkskunst kennen – von den Märchen bis hin zu Dämonen und den Traditionen der dörflichen Feste. „Als erstes musste der Tanz damals runter von der Bühne, rauf auf die Plaça“, erklärt Gabriel das Credo der Schule. Will heißen, die Tradition gehört den Leuten und nicht den Touristen. Die inzwischen inselweit stark gewachsene Gemeinde der leidenschaftlichen Volkstänzer verabredet sich über Whatsapp-Gruppen zu den nächsten Festen, um mitzutanzen – einfach so.

Gabriel Frontera, Direktor der Escola de Música i Danses in Palma de Mallorca

Mallorcas Country Dance
Inzwischen verschnaufen die Teilnehmer des Anfängerkurses und Gabriel wechselt die Musikrichtung. „Contradansa“, ruft er in den Saal und man ahnt, dass jetzt etwas besonderes kommt. Die Musik ist langsamer als zuvor und die Paare ordnen sich zu Gruppen an, tanzen durch die Mitte einer langen Gasse oder wechseln im Kreis zu anderen Partnern. Wer jemals einen Hofball in historischen Filmen gesehen hat, dem kommt diese Schrittfolge bekannt vor. Contradansas sind nämlich die hiesige Variante der Kontratänze, die im 17. Jahrhundert Europa eroberten. Aus Frankreich ist die Quadrille bekannt, die englische Zunge hat daraus Country Dance gemacht und ihn zum Square Dance weiterentwickelt. Dass Mallorca seine ganz eigene Fassung des beliebten Gesellschaftstanzes pflegte, kam erst vor einigen Jahren ans Licht. Die Forschungsergebnisse samt historischer Nachweise über die Choreographie und einer beigelegten CD hat die Escola de Música i Danses 2009 herausgegeben. Wer sich für die musikalische Tradition der Balearen interessiert, kennt vielleicht nicht den Namen der Tänze, wie Jota, Bolero, Fandango, Mateixes oder Cossiers, aber hat sicher schon einmal begeistert zugeschaut. So auch bei den Cavallets am letzten Tag des Jahres, wenn Tänzer mit Pferdeatrappen und Schellen die Stadtväter auf der Prozession zur Kathedrale begleiten und dort eine Art höfische Zeremonie aufführen.

Jetzt spielt nur noch einer die Kastagnetten
Dass die Arbeit der Escola de Música i Danses höchste Anerkennung verdient, zeigt sich in den ihr verliehenen Auszeichnungen – Bronze für Touristische Leistungen (1986), Goldmedaille der Insel Mallorca (2015), Goldmedaille der Stadt Palma (2019). Das Ajuntament stellt der Schule auch die Räumlichkeiten zur Verfügung. Seit 45 Jahren hat sie in der Carrer Jaume de Santacilia ihr Domizil – und doch stand sie kürzlich beinahe vor dem Aus. Ein neuer Mieter, übrigens ein Deutscher, wie Gabriel verrät, beschwerte sich nach seinem Einzug über den Lärm. Die Musiker, die auf den typisch-mallorqinischen Instrumenten, der Sackpfeife (Xeremía),den Tambor-Trommeln und der Hirtenflöte (Flabiol) üben, mussten sich einen neuen Probenraum suchen. Die Tänzer durften bleiben. „Wir haben uns mit dem Mieter geeinigt, allerdings darf jetzt nur noch einer Kastagnetten spielen, weil es sonst zu laut wird.“
Sieger bei internationalen Meisterschaften Dass die ausgefeilte Kunst der mallorqinischen Tänzer auf der Weltbühne bestehen kann, zeigen die Siegestrophäen von internationalen Folklore-Festivals, die in der Vitrine ausgestellt sind. Vergangenes Jahr siegten sie in Bulgarien, dieses Jahr freut sich die Truppe auf ihre Reise nach Brasilien. „Wir fahren jedes Jahr zu einem Festival“, sagt Gabriel Frontera Mestre. Von den Auftritten hängen Gruppenfotos und Gastgeschenke aus aller Herren Länder an den Wänden der Schule. Sie ist Mitglied der Federation of International Dance Festivals (FIDAF) und Gabriel Frontera Mestre ist Vizepräsident der Europäischen Teilnehmerländer sowie der Repräsentant Spaniens. Aber die VolkstanzWelt ist seit 1987 auch auf Mallorca zu Hause. Alle zwei Jahre findet eine Meisterschaft auf der Insel statt, die von einer internationalen Jury bewertet wird. „Die Gruppen tanzen aber nicht nur in Palma, sondern auch in verschiedenen Dörfern“, erklärt Gabriel. „Wir zeigen unseren Gästen das andere Mallorca.“

Hier wird einfach nur getanzt Das begeisterte Engagement für den Erhalt der Folklore möchte Gabriel erst recht den hier wohnenden Residenten nahebringen. „In der Schule tanzen ja nicht nur Mallorquiner, sondern auch Deutsche, Engländer und eine Schweizerin. Ausländer werden von uns besonders herzlich aufgenommen, weil sie Interesse an unserer mallorquinischen Kultur zeigen.“ Wer sein Herz an die Tradition der Insel verloren hat, ist hier ohne Vorurteile willkommen. „Hier bei uns gibt es keine Politik, keine Religion, keinen sozialen Status. Hier wird getanzt.“
Christiane Sternberg, Fotos: Marcos Gittis, Gabriel Frontera Mestre

Escola de música i danses de Mallorca

Kontakt: Escola de Música i Danses de Mallorca FB: @Escola de Música i Danses de Mallorca, C/. Jaume de Santacília 3 in Palma
Kurse: Anfänger, Montag+Mittwoch (18.30-21 Uhr) Kinder ab 4 Jahre, Samstag (11-13 Uhr)
Gebühren: 150 € pro Jahr, Kinder ermäßigt
Feier zum 45. Jubiläum der Schule: Große Gala am 11. Mai 2020 im Teatre Principal de Palma
Buch: „La Contradansa a Mallorca / Projecte de recerca i de recuperació“, Hrsg. Institut d’Estudis Baleàrics, 2009 (mit CD, erhältlich in der Schule)

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