Pater Tomeu Pastor-Oliver ist Mitglied des Franziskanerkonvents San Antonio de Padua in Artá, das im Jahr 1585 gegründet wurde. Er stammt aus einer der traditionsreichen mallorquinischen Familien, wurde im vergangenen Jahr für Sonderaufgaben nach Rom berufen und verbringt seither ein Teil seiner Zeit im Mutterhaus des Ordens.

Pater Tomeu vor dem Vatikan

EL AVISO: Pater Tomeu, brauchen wir Gott?
Pater Tomeu: Erlauben Sie mir, dass ich darauf mit anderen Fragen antworte, die sich jeder von uns stellen sollte: Brauche ich in meinem Leben jemanden, der mich mit einem freundlichen und liebevollen Lächeln anschaut? Jemanden, mit dem ich über mich ganz ehrlich sprechen kann? Jemanden der mich manchmal im Vertrauen und aus großer Freundschaft in den Arm nimmt? Jemanden, bei dem ich mich ausweinen kann? Jemanden, mit dem ich gemeinsam etwas Schönes bewundern kann? Jemanden, der mir sagt: “Ich verzeihe Dir”? oder “Ich liebe Dich? Jemanden, der mir einen Witz oder eine nette Geschichte erzählt? Jemanden, der sich für mich einsetzt und dabei etwas riskiert? Jemanden, der mir sagt, wie ich eine glückliche Frau oder ein glücklicher Mann werden kann …. und bereit ist, mir zu helfen?
Wenn ich nach all dem kein Bedürfnis habe, dann brauche ich auch Gott nicht. Wenn ich aber ein Mensch bin, der diese Bedürfnisse hat, dann bin ich auch ein Mensch, der Gott braucht…. Gott ist die Person, die alle diese Sehnsüchte tief, ehrlich und ohne Vorbehalte erfüllt.
EA: Unsere Zeit ist schnelllebig, zynisch, voller Zweifel und populistischer Verführungen. Hat der Glaube in dieser Zeit noch eine Chance?
Pater Tomeu: Diese Zeichen sind traurige Folgen “unserer Krankheiten”, für die wir dringend Hilfe brauchen. Jesus sagt: “Es sind die Kranken, die die Ärzte und die Heilmittel brauchen, nicht die Gesunden”. Aber, wollen wir tatsächlich erkennen, dass wir krank sind und dass wir einen Arzt brauchen? Sind wir ehrlich genug, um uns unserer Fehler und Schwächen zu bekennen? Wollen wir überhaupt gesund werden? Sind wir nicht zu stolz, um die Realität wahrzunehmen? Meine Antwort ist: Wenn wir bereit sind, zu erkennen, dass wir “krank” sind, ja, dann haben wir eine Chance, eine Chance für den Glauben. “Den Arzt” und die Heilungsmittel haben wir.
EA: Der Zulauf sektenartiger Gebilde, nimmt eher zu. Muss die katholische Kirche ihr Angebot an die Menschen nicht deutlicher machen?
Pater Tomeu:
Auf Grundlage meiner Einblicke und meiner Kontakte mit vielen Menschen, gerade jetzt in Rom, kann ich sagen, dass ich immer wieder überrascht bin, wie viele Katholiken in allen Bereichen und in der ganzen Welt für die Gesellschaft arbeiten und sich einsetzen. Und das meine ich nicht als lobpreisende Propaganda, sondern ehrlich und aufrichtig. Das muss ab und zu und viel öfter gesagt werden, denn dieses übergreifende und selbstlose Engagement ist unspektakulär für die Medien und macht keine Schlagzeilen. Deshalb besteht oft der Eindruck, dass die Katholiken sehr wenig für die Menschheit tun.
EA: Was sagen sie Menschen, die angesichts von Ungerechtigkeiten, Missbrauchsskandalen, Grausamkeiten und Kriegen an Gott und seinem „Bodenpersonal“ zweifeln?
Pater Tomeu: Jeder Mensch und jede Gemeinschaft kann immer besser sein, besser denken, besser handeln, sich besser einsetzen. Wir sind niemals perfekt. Wir können auch sehr boshaft sein, das gilt auch für die Männer und Frauen, die sich selbst als Katholiken bezeichnen. Weil wir, die Katholiken, selbst Menschen mit Fehlern sind – ich könnte sehr lange über die schwarze, sehr schwarze Seite unserer Kirche reden –, sind wir auch kritisierbar, und das mit Recht. Menschen, die uns hart kritisieren, haben ebenso das Recht, an Gott und an seinem “Bodenpersonal” zu zweifeln. Die Menschen unserer Generation sind nicht die ersten die das tun. Ein äußerst hart betroffener Mann von der Enttäuschungen Gott und den “Theologen” gegenüber war Hiob. Er steht in der Bibel als ein Symbol, inwieweit eine Enttäuschung einen Menschen niederwerfen kann.
Wer die Ungerechtigkeiten, die Missbrauchsskandale, die Grausamkeiten und Kriege nicht sieht oder nur am Rande wahrnimmt, der sieht die Realität total falsch. Aber wer die Augen und das Herz nur für das Negative hat, der ist ebenso blind. Wenn uns das Negative von Gott entfernt, warum zieht uns das Positive nicht zu Gott hin?
EA: Dem großen Gelehrten Benedikt ist ein großer Mensch Franziskus gefolgt, lebenserfahren, bescheiden, engagiert und auch streitbar. Hat sich mit Papst Franziskus die Rolle der Kirche und des Papstes verändert?
Pater Tomeu:
Wir alle sehen, wie verschieden beide Menschen sind: Papst Benedikt (Ratzinger) und Papst Franziskus (Bergoglio). Sie erinnert mich an die Verschiedenheit zwischen den Aposteln Petrus und Paulus. Beide sind für uns von Gott gewählt worden. Beide sind in der Tiefe ihrer Berufung und Verantwortung großartige Persönlichkeiten, dabei ist klar, dass das Temperament von Papst Benedikt eher zurückhaltend und nicht so spontan wie das vom Papst Franziskus ist. Die “südamerikanische Mentalität” von Franziskus macht es vielen Menschen leichter, eine Beziehung zu seinen Initiativen und Worten zu finden. Beide sind standhafte Säulen unseres Glaubens, beide sind fehlerhafte Menschen, beide sind Menschen die bereit sind, das Beste für uns und für Gott zu geben, beide haben fürchterliche Angriffe und Anfeindungen von Menschen aus ihrer Nähe und aus der Ferne zu erleiden. Beide sind zur richtigen Zeit für uns da. Nach vielen Jahren, die vergehen werden, wird die Menschheit und die katholische Kirche einsehen, was für eine besondere Zeit wir jetzt, gerade mit der Präsenz von diesen zwei Menschen erleben. Das ist einfach einmalig!
EA: Wie ist ihr Rat an Menschen, denen in ihrem Leben etwas fehlt, die suchen?
Pater Tomeu:
Ich habe keinen anderen Rat, als den von Jesus aus Nazareth: “Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.” (Mt 11,28). Für viele von uns ist das, was Jesus sagt, zu einfach, um es für wahr zu nehmen. Viele von uns sehnen sich nach etwas, das viel komplizierter, teurer, langwieriger ist…Vielleicht ist es ein großer Fehler von Jesus gewesen, uns nur eine so einfache Lösung anzubieten!
EA: Kann man Glauben lernen?
Pater Tomeu:
Sicherlich kann man Glauben lernen. Für jede menschliche Gabe ist Bildung unbedingt notwendig. Die moderne Zeit hat entdeckt, dass es notwendig ist, zu lernen, sich zu bilden. Aber noch wichtiger als das Lernen ist es, sich weiterbilden, die ständige Bildung, die Fortbildung. Wie viele Christen hören mit 12 Jahren auf, sich im Glauben zu bilden? Viele Erwachsene wollen die harte Lebenssituationen ihrer Existenz mit den Voraussetzungen von einem zwölfjährigen Kind meistern und vertiefen. Das ist einfach unrealistisch. Jede Stufe des Lebens braucht eine entsprechende “Glaubensstufe”.
EA: Es gibt in der Kirche ihres Konvents in Artá ein Bild mit den Symbolen der großen Religionen. Dazu gibt es eine Geschichte – mögen sie uns die erzählen?
Pater Tomeu: Im Jahr 1999, wollten wir, die Brüder der Communität,“das Fest des “Estandart” (Anmerkung: offizielle mallorquinische Fahne) anders feiern, und zwar als Tag der Danksagung und der gemeinsamen Verantwortung für unser Land und unsere Heimat Mallorca. Vertreter der drei größten Religionsgemeinschaften von Mallorca in der Zeit von Ramon Llull (1232 – 1316) – Juden, Muslims und Christen – sollten, in der Kapelle vor unserem großen Landsmann Ramon Llull ein Lob- und Bittgebet an Gott richten, für unsere gemeinsame Heimat und ihre Einwohner. Und tatsächlich, das taten wir. Wir waren um 20 Personen. Für mich war es der eindrucksvollste Moment gewesen, als die Vertreter der drei Religionen – auf
meinem Vorschlag hin – die Texte der Gebete untereinander ausgetauscht haben: Der Vertreter der Christen hat die Gebete des Muslims vorgebetet. der Jude, die der Christen, der Muslim die der Juden.
Und am Ende haben alle drei, mit einem AMEN abgeschlossen. Als Andenken an diesen Tag, hängt an der Wand der Kapelle von Ramon Llull in der Kirche der Franziskaner in Artà ein kleines handgemachtes Bild das “den gemeinsamen Glaube der Söhne und Töchtern Abrahams” versinnbildlichen will: Die Sichel der Muslime als Schiff, das Kreuz der Christen als Mast und der Stern der Juden als Segel.
EA: Was bedeutet für sie Weihnachten und wie werden sie Weihnachten in diesem Jahr verbringen?
Pater Tomeu: Weihnachten ist eine besondere Zeit, die mich einlädt, darüber nachzudenken, wie ich immer mehr und mehr menschlich sein kann. Wenn ich auf das Kind in der Krippe meine Augen und mein Herz richte, dann weiß ich, was Er mir sagen will. Seine Botschaft ist klar: “Sei Mensch”. Wo ich Weihnachten verbringen werde? Ich werde mich überraschen lassen.
Vor zwei Jahren habe ich Weihnachten in Brasilien gefeiert. Vorheriges Jahr in Perú, dieses Jahr in Rom. Ich werde alles auf mich zukommen lassen. Übrigens: in unserem Haus in Rom haben wir eine der schönsten und größten Krippen der Welt.

Das Gespräch führte Frank Heinrich.

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Marzipan für den guten Zweck

Pater Tomeu gehört mit den Brüdern des Franziskanerordens Arta zu den Gründern von Dignitat i Feina (Würde und Arbeit), einem gemeinnützigen Verein, der Menschen, die von Armut und Ausgrenzung bedroht sind, eine Arbeit und damit eine würdige Existenz und Zukunftsperspektiven gibt. Produziert wird vom Mandelanbau bis zur Verpackung ein hochwertiges Marzipan, das unter anderem im alten Bahnhof in Artá aber auch online zu beziehen ist. Dabei gibt es für die Beschäftigung der Hilfesuchenden klare Regeln. Pater Tomeu: „Nur wer arbeiten will, wird bei uns aufgenommen.“ www.dignitatifeina.com

 

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