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Martin Winterhager hält nichts von orthodoxem Möbelbau. Seine Entwürfe sprühen vor Fantasie und loten die Möglichkeiten von Materialien aus, die auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheinen. Aber plötzlich sind Eiche und Beton wie für einander geschaffen.

Wenn Martin Winterhager ruhelos durch seine Werkstatt tigert, ist das ein gutes Zeichen. So nämlich werden bei ihm geniale Einfälle geboren. „Die besten Ideen kommen mir, wenn ich in Bewegung bin.“ Der kreative Möbeltischler experimentiert mit Holz und anderen Werkstoffen, wobei er ihnen ihre verborgene Schönheit in immer neuen Variationen entlockt.

Der Tisch als Mittelpunkt des Lebens
Inspiriert von der Umgebung, in der ein Möbelstück seinen künftigen Platz einnehmen wird, verfällt Martin auf die ungewöhnlichsten Gestaltungsvariationen: Ein gewaltiger Tisch aus alten Gerüstbalken für eine Bar, eine Einbauküche mit Messing und Altgold, Lederschlaufen als Griffe, mit Akustikstoff bespannte Schranktüren oder Tischbeine aus Eisen, die beim Abbrennen mit Leinöl ihren Korrosionsschutz erhalten. „So hat man früher auch die Geschützrohre von Kanonen behandelt“, erklärt Martin. Seine Suche nach ausgefallenen Methoden, Gebrauchsgegenständen einen unverwechselbaren Charakter mitzugeben, führt ihn auf die erstaunlichsten Spuren. Im Zusammenspiel mit den Ideen seiner Frau Tina entstehen Unikate, die zum Teil an Konzeptkunst erinnern. „Am liebsten baue ich Tische“, gesteht Martin Winterhager. „Ein Tisch ist der Mittelpunkt des Lebens in einem Haus, man berührt ihn täglich, man sitzt dort mit der Familie und mit Freunden, daran knüpfen sich schöne Erinnerungen an gutes Essen und lange Gespräche.“

Tischler Martin Winterhager in seiner Werkstatt in Calonge.

Auswandern mit Nussbaumbohlen
So ist ihm auch der Tisch aus seiner WG-Küche in Hamburg in Erinnerung, von wo aus er sich 2007 auf den Weg nach Mallorca machte. „Ausgewandert bin ich damals mit einem VW-Bus von der Feuerwehr, vollgepackt mit Bohlen aus fränkischem Nussbaumholz.“ In einer Werkstatt in Felanitx konnte der ausgebildete Möbeltischler beruflich auf der Insel Fuß fassen, bis er sich 2008 selbstständig machte. Martin und Tina bezogen ein Bauernhaus in Ses Salines, wo er die anliegende Garage als Werkstatt nutzte und im Hühnerstall den Lackierraum einrichtete. „Eine wunderbare Zeit“, schwärmt er. Für die beiden Kinder, den inzwischen 14-jährigen Sohn und seine 7-jährige Tochter, war der Papa immer gleich nebenan, so musste er Job und Familie nie trennen. Tina, die ausgebildete Sommelière, arbeitete zunächst als Geschäftsführerin in dem Laden von Flor de Sal in Santanyí, wo sie auch Weindegustationen veranstaltete. Ein kreatives Team, das durch die Nähe der Heim-Werkstatt auch beruflich zusammen rückte. Die außergewöhnlichen Stücke, die Martin produzierte, fanden so viel Anklang, dass irgendwann die Entscheidung im Raum stand, einen Schritt weiter zu gehen. „Die Arbeit wurde für mich allein zu viel und die Aufträge so groß, dass sie nicht mehr in meiner Butze zu realisieren waren. Die Bibliothek für einen Scheich musste ich im Garten montieren und lackieren, weil die sechs Meter langen Borde nicht in die Werkstatt passten.“ Die Zeit für Veränderung war gekommen.

Martin Winterhager an der antiken Bandsäge

Woodworker-Boom im Internet
Seit drei Jahren hat die Tischlerei Winterhager am Ortseingang von Calonge ihren Platz gefunden. Übernommen haben Martin und Tina sie von einem Tischler, der in den Ruhestand ging. Martin kann sich dank der zwei Mitarbeiter mehr auf Kreationen und Entwürfe konzentrieren, Tina kümmert sich als Geschäftsführerin um Kundenkommunikation und Buchführung. „Ich bin sozusagen das Öl im Getriebe.“ Sie sorgt dafür, dass Martins außergewöhnliches Interior Design auf Social Media Kanälen eine Bühne findet und bestärkt ihn, an Challenges der weltweiten Woodworker Community teilzunehmen. Das Interesse an handgefertigten Meisterstücken im Internet erlebt einen wahren Boom. Millionen von Usern schauen dabei zu, wie aus einfachen Werkstücken unter der Hand von Könnern erstaunliche Kreationen entstehen. Die Fertig-Kauf-Mentalität der vergangenen Jahrzehnte hat dazu geführt, dass der Produktionsprozess eines Gebrauchsgegenstandes großes Staunen hervorruft

Martin Winterhager mit einem angestellten Tischler in seiner Werkstatt

Ich erfinde Oberflächen
Bei so einer Challenge, deren Aufgabe darin bestand, einen dreibeinigen Hocker zu tischlern, verwendete Martin Nussbaumholz für die Beine und verleimte verschiedenfarbige Hölzer zu einer Platte, aus der er eine runde Sitzfläche fräste. Kleine Klötzchen dieser farbigen Holzschichten stehen zur Dekoration auf seinem Schreibtisch, griffbereit als Muster für Küchenarbeitsflächen. „Ich liebe unterschiedliche Materialien, ich bin kein Massivholz-Papst.“ Wenn er über Oberflächengestaltung spricht, dringt die Leidenschaft für seinen Beruf besonders stark hervor. „Das ist eigentlich unsere Spezialität. Ich erfinde Oberflächen.“ Der Verkaufsschlager sind sägeraue Strukturen, für die das Holz an der Bandsäge einen WerkstattLook bekommt, der sich trotzdem sanft anfühlt. Aus seinem Musterkoffer holt Martin noch weitere Beispiele hervor: Holzplatten mit einer Beschichtung aus Mikrozement oder aus Metallpulver mit Kunstharz. An der Wand lehnt das Musterstück für einen Tisch, dessen Platte aus Eiche, die Füße hingegen aus einer mit Beton getränkten Spanplatte bestehen, die man wie Holz mit Säge und Hobel bearbeiten kann.

In der Tischlerei

Handwerk im öffentlichen Raum
Im Büro findet sich aber noch ein anderes erstaunliches Stück, das nicht für die Kunden bestimmt ist. Martin stellt das Modell eines Katapults vor sich auf den Schreibtisch. „Die Nachbildung eines römischen Onager. Ich mag alte Militärtechnik“, sagt er und erklärt die Funktionsweise des hölzernen Kriegsgeräts. „So etwas in Originalgröße zu bauen geht nicht hobbymäßig, dazu
braucht man einen Ingenieur und einen Sponsor, der die nötigen 30.000 Euro investiert.“ Am liebsten würde Martin die antike Riesenschleuder für sein Dorf Ses Salines bauen. „Damit wir bei Festen draußen auf freiem Feld Katapultschießen vorführen können.“ Das wäre nicht die erste Arbeit von ihm, die im öffentlichen Raum zu finden ist. „Für Colònia de Sant Jordi habe ich eine Bank aus einem Treibholzstamm gebaut, deren Rückseite der mallorquinische Künstler Salvador Llinàs gestaltet hat.“

Tischlernachwuchs fehlt
Kunst und Handwerk gehören bei den Winterhagers eng zusammen. „Tischler ist ein kreativer Beruf und technisch hoch anspruchsvoll“, sagt Martin. „Leider gibt es immer weniger davon auf Mallorca.
Die alten Tischler machen dicht und der Nachwuchs fehlt“, bedauert er. „Junge Leute wollen lieber irgendetwas studieren, als mit den Händen zu arbeiten. Das ist so schade, denn die Nachfrage nach gutem Handwerk, die wird immer bestehen bleiben.“

Tischler Martin Winterhager mit seiner Frau und Arbeitskollegin Tina Winterhager in der Werkstatt.

Tischlerei Winterhager in Calonge
www.winterhager.com
TIPP: Möbelserie „SinFin“ aus ressourcenschonend in Nordspanien geernteter Kastanie, erhältlich bei Sa Sort Interiores in Santanyí
Christiane Sternberg, Fotos Marcos Gittis

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