Im Mini-Land der Weihnachtsgeschichte

José Luis Mateo (78) widmet seine Leidenschaft einer monumentalen Belén

Wie ein Theatervorhang öffnet sich das Garagentor. Josés einladende Handbewegung scheint zu sagen: „Hereinspaziert!“ Hinein in die Wunderwelt einer kolossalen Weihnachtskrippe, die sich hinter der unscheinbaren Fassade mitten in einem stillen Wohnviertel von Palmanova verbirgt. Und tatsächlich genügt schon ein einziger Blick, um sich verzaubern zu lassen. Auf der enormen Fläche von über 30 Quadratmetern eröffnet sich ein Landschaftspanorama mit Bergen und Tälern, Hügeln und einem Flusslauf. Die Szenen, die sich darauf abspielen, sind mitten aus dem orientalischen Leben jener Zeit gegriffen, in der Jesus das Licht der Welt erblickte. Vor dem Beduinenzelt nahe der Pyramiden sitzen Männer um ein Lagerfeuer. Auf dem Markt zwischen Schalen mit Früchten und Gemüse feilschen die Menschen um die Preise, im Handwerkerviertel dreht sich die Töpferscheibe und ein Mühlrad, auf dem Acker treibt ein Mann mit Pflug seine Ochsen an und im rötlichen Licht der Taverne sieht man einige stille Zecher um das Weinfass hocken. Je länger man den Blick über das Tableau schweifen lässt, desto mehr Feinheiten kommen zum Vorschein.

José Luis Mateo hat eine 30 Quadratmeter große Weihnachtskrippe in der Garage seines Hauses in Palmanova gebaut. Die neun Meter lange Landschaft zeigt den Alltag der Menschen im vorderen Orient zur Zeit der Geburt von Jesus Christus.

Sittengemälde aus dem Jahre 1

Die ausgefeilte Illumination und bewegliche Elemente erwecken die märchenhafte Kulisse zum Leben. In einer detailversessen ausgestatteten Küche flackert das Herdfeuer, ein Schwein dreht sich am Spieß, jemand wendet die Maiskolben auf seinem Grill und die Angel des Fischers taucht unverdrossen immer wieder in den See ein, an dessen Ufer Segelboote vor sich hin dümpeln. Es fehlen weder Wasser schöpfende Frauen noch Schlangenbeschwörer in dem Sittengemälde des Jahres 1 unserer Zeitrechnung. Dass sich in dieser heiligen Nacht Großes anbahnt, lässt sich anhand des zentralen Geschehens der Weihnachtskrippe erkennen, dessen Schauplatz aus dem allgemeinen Gewusel des Alltags ausgenommen ist. Während hoch auf dem Plateau vor dem Tempel römische Legionäre patrouillieren, ist in der heimelig angeleuchteten Höhle darunter das Bild der heiligen Familie arrangiert. Es nähern sich die drei Könige aus dem Morgenlande und eigentlich fehlt nur noch der Stern von Betlehem darüber, um dem Matthäus-Evangelium vollkommen zu entsprechen.

José Luis Mateo hat eine 30 Quadratmeter große Weihnachtskrippe in der Garage seines Hauses in Palmanova gebaut. Die neun Meter lange Landschaft zeigt den Alltag der Menschen im vorderen Orient zur Zeit der Geburt von Jesus Christus.

Traditionelles „Scheißerle“

Zwar nicht bibelgetreu, aber doch traditionell katalanisch hockt in den nahen Büschen ein „Scheißerle“ mit heruntergelassener Hose. „Natürlich wendet er der heiligen Familie den Rücken zu“, macht José aufmerksam. Die caganer genannte Figur mit dem nackten Hintern fand einstmals als Glücksbringer Eingang in die Krippengestaltung, mittlerweile werden damit prominente Personen aufs Korn genommen, die an Physiognomie und Outfit leicht zu erkennen sind. José Luis Mateo aber mag es lieber klassisch. „Ich glaube fest an Gott, deshalb ist es mir vergönnt, so eine schöne Krippe zu bauen“, stellt er klar. Für ihn ist die Gestaltung der belén nicht irgendein Hobby, sondern eine besondere Herzensangelegenheit.

José Luis Mateo hat eine 30 Quadratmeter große Weihnachtskrippe in der Garage seines Hauses in Palmanova gebaut. Die neun Meter lange Landschaft zeigt den Alltag der Menschen im vorderen Orient zur Zeit der Geburt von Jesus Christus.

Schauplatz mit 300 Figuren

Aus Navarra stammend, hat er von kleinauf erlebt, wie sein Vater in der Weihnachtszeit mit den eigenen Händen eine Krippe baute. „In unserer Gegend war es üblich, dass die Krippen selbst gemacht wurden.“ Diese Erinnerung und offenbar auch das nötige handwerkliche Geschick brachte er mit, als er 1969 nach Mallorca übersiedelte. Der Job als Repräsentant einer Konservenfabrik führte ihn auf die Insel, die Liebe zu seiner Carmen hielt ihn. Als seine zwei Kinder heranwuchsen, nahm er die Familientradition wieder auf und baute seine erste eigene Krippe. „Die passte damals noch auf eine Tischtennisplatte“, erinnert er sich. Angesichts der heutigen Dimensionen, auf denen er seine fantasievollen Kreationen verwirklicht, eine geradezu dürftige Variante. Das Fundament der jetzigen Krippe ruht auf einem Unterbau aus Böcken, Tischtennisplatte, einer Kühltruhe und einem Billardtisch. Immer mehr Szenen kamen im Laufe der Jahre dazu, inzwischen tummeln sich 300 Figuren auf dem Schauplatz und der Betrachter schreitet eine Länge von neun Metern ab, um alle Einzelheiten ins Auge fassen zu können. Als Vorbild für die Ausstattung von Landschaften und Figurenensemble dienen José vor allem historische Filme. Seine Frau ist den begeisterten Ausruf gewöhnt, der erklingt, wenn er wieder eine Inspiration hatte: „Esto es para el belén!“

Hinter den Kulissen

Dem Wunder hinter die Kulissen zu schauen, nimmt ihm kein bisschen an Faszination. Im Gegenteil! Geradezu spannend ist es zu entdecken, was den Zauber des gesamten Gebildes ermöglicht. Aus Styropor entstehen die Behausungen, die Berge formt José aus Kork und Papier, die Säulen des Tempels sind aus Flaschenkorken. In Anlehnung an die Krippengestaltung früherer Jahrhunderte verwendet er wenn möglich Naturmaterialien und so stehen zwischen künstlichen Palmen auch grün angemalte Kienäpfel, die als Bäume dienen. Unterirdisch ist alles verkabelt, um Häuser beleuchten und Requisiten mittels kleiner Motoren antreiben zu können. Die Perspektive erreicht José mit einem Spiegeltrick, der beim Blick in kleine Höhlen eine größere Tiefe vorgaukelt. Sein besonderer Stolz aber ist der Flußlauf, in dem das Wasser wie in einem echten Bach plätschert.

José Luis Mateo hat eine 30 Quadratmeter große Weihnachtskrippe in der Garage seines Hauses in Palmanova gebaut. Die neun Meter lange Landschaft zeigt den Alltag der Menschen im vorderen Orient zur Zeit der Geburt von Jesus Christus. Das im Panorama verteilte Moos hält er mit Wasser aus der Sprühflasche frisch.

Das ganze Jahr über Weihnachten

In früheren Jahren baute José jedes Jahr seine Weihnachtskrippe neu auf und ersann immer andere Varianten. Ab Oktober bekam Carmen ihren Mann kaum noch zu Gesicht, weil er nach der Arbeit in der Garage verschwand und bis nachts um drei werkelte. Zur Weihnachtszeit strömten außer der Familie dann auch die Nachbarn und letztlich selbst Schulklassen herbei, um einen Blick auf das Weihnachts-Wunderland von José zu werfen.

Inzwischen ist in seiner Garage das ganze Jahr über Weihnachten, denn nach einer schweren Krankheit ist es für ihn zu mühevoll, die belén ab- und wieder aufzubauen. Also bleibt sie an Ort und Stelle stehen, wird gewartet und bekommt trotzdem ab und zu neue Elemente, damit es nicht langweilig wird. José sprüht das Moos auf den Hügeln von Betlehem mit Wasser ein, damit es frisch bleibt. Er freut sich über Besucher, die sich extra auf den Weg nach Palmanova machen, um seine Weihnachtskrippe anzuschauen. Ob nun aus weihnachtlicher Vorfreude, kindlichem Vergnügen oder technischem Interesse – jeder steht hier mit leuchtenden Augen davor und erfreut sich an dem traditionellen Brauch, den José zu seinem Lebenswerk gemacht hat.

Besuch der Weihnachtskrippe von José Luis Mateo in Palmanova mit Voranmeldung unter 971 682 677.

Christiane Sternberg, Fotos Marcos Gittis

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