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Gustavo Peñalver Vico, der am 11. April 2019 seinen 80sten Geburtstag feiert, ist einer der bedeutendsten Künstler Spaniens. Er kam als Kind nach Mallorca, lebte in der Franco-Ära der 70iger und 80iger Jahre in Berlin, genießt dort wie in vielen europäischen und amerikanischen Metropolen hohe Bekanntheit und Anerkennung und lebt und arbeitet seit 1995 in seinem Atelier Son Turó in Cala Ratjada zusammen mit seiner Frau Regine.

Die Tür öffnet sich, vor mir steht ein Mann mit unruhigen, aufblitzenden Augen. Es ist Gustavo Peñalver Vico, der Gustavo, ein junger 80jähriger, in einem Atelier voller Farben, bunter Bilder und Skulpturen. Er entschuldigt sich für die Unordnung, die ich aber gar nicht wahrnehme. Wie soll das Atelier eines großen spanischen Malers aussehen, anders sein als ein Ort kreativer Ansammlungen, Experimente und Schöpfungen. Gustavo springt sofort von einem fesselnden Thema zum anderen.
„EL AVISO, das läuft aber gut“, sagt er beiläufig. Ich bestätige das und frage, wie er darauf kommt. „Ich habe vor kurzem am Müller Markt gestanden“, sagt er, „und ein Mann rief seiner Frau zu: Ich muss noch mal zurück, ich habe den EL AVISO vergessen.“ Er lächelt kurz, und schon hat er ein Buch in der Hand, mit dem er mir zeigt, wie er aus Fotografien Inspirationen für seine gemalten Figuren gewinnt. Assoziativ scheint er Bilder zu entwickeln, sprachlich wie auch mit seinen Werken.
Eine Erzählung aus einem farbenfrohen Leben folgt der nächsten. Ohne Verbitterung berichtet er über die Franco-Zeit, die ihn ins Berliner Exil trieb, und schwärmt begeistert mit leuchtenden Augen von seiner Frau Regine. Am Ende steht die Aufgabe ein viel zu langes Interview zu kürzen – und das freundschaftliche Angebot. „Lassen sie uns doch du sagen“.
Danke Gustavo, und herzlichen Glückwunsch zum 80sten Geburtstag

EL AVISO: Ihre Werke werden durchweg anerkennend mit vielen Adjektiven verbunden: farbenprächtig, grotesk, absurd, einfallsreich, originell, genial, unverwechselbar, egozentrisch. Wie beschreiben Sie Ihre Werke?
Gustavo Peñalver Vico: Groteske Gestalten in absurden Situationen – man braucht nicht mehr zu sagen, das ist es. Und dazu gehört die Lust zu malen, ich habe rund 4.700 Ölbilder gemalt.
EA: Ihre Bilder zeigen eine deutlich erkennbare Entwicklung von acht oder zehn Perioden, 1969 haben sie gesagt, sie haben Ihren Weg gefunden – expressionistisch, kubistisch. Wer hatte Einfluss, wer war ihr größter Lehrmeister, Miró?
Gustavo: Ja, am Anfang stand die Suche, und ich hatte das Glück, dass ich zeichnen konnte. So fing ich an mit Skizzen, malte dann mit Plakafarben. Zu Miró hatte ich 15 Jahre Kontakt, er wohnte nicht weit von mir. Ich
habe ihm oft Farben gebracht, wenn er nicht selbst in die Stadt fahren wollte. Noch heute habe ich eine kleine Bank von ihm, er hatte sechs davon, um darauf sitzend zu malen. Eine hat er mir geschenkt. Was die Leute denken ist, dass Miró Einfluss auf meine Malerei hatte. Das ist aber nicht so. In meiner Arbeit inspiriert haben mich zunächst Utrillo und dann vor allem Matisse, auch Nicolas de Staël, der diese Fläche hatte und mit dem Spachtel arbeitete, halb abstrakt, halb figurativ malte. Aber von allen hat mich Matisse in meiner Arbeit wohl am meisten beeinflusst.

EA: Als Sie fünf Jahre alt waren, war die Zeit des Spanischen Bürgerkriegs, die Unterdrückung der katalanischen Sprache – wie Sie einmal beschrieben, eine Zeit ohne Farben. Wie haben Sie als junger Mensch und später zu den ausdrucksstarken Farben ihrer Bilder gefunden?
Gustavo: Ja, es war eine graue Zeit, die Straßen waren kaputt von Bomben, man sah ausgebrannte Häuser. Mit 17 Jahren habe ich das erste Mal auf der Straße einen Menschen gesehen mit einem gelben Pullover, Anfang der 50er Jahre ein gelber Pullover, bis dahin für mich unmöglich. Ich sah plötzlich, es gibt Leben, es gibt Farbe, ich hatte Hunger nach Farben.

Groteske Gestalten in absurden Situationen

EA: Sie haben mit Ihren Bildern gegen Franco, die seinerzeitige Homophobie, die Weltmacht USA und den Nationalismus protestiert. War das in Ihrer generellen Darstellung der Weg zur Überzeichnung, zum Grotesken und zur Skurrilität ihrer Bilder, damals um das Dämonische zu bannen?
Gustavo: Es war so. Ich wollte die Figuren ein wenig verkleiden und ihnen ein wenig Vaseline geben. Franco hatte die Zensur sehr intelligent und dabei konsequent aufgebaut. Auch der gefeierte Nobelpreisträger Camilo José Cela war zensiert. 1972 hatte ich eine Ausstellung in einer bekannten Galerie in Madrid. Einer der Besitzer war ein führender Sozialist. Ein großes Bild von mir wurde damals von Franco-Anhängern auf der Straße vor der Galerie zerstört, was auch die internationale Presse berichtete. Dann gab es nächtliche Anrufe „Du bist ein Verräter von Spanien…“. Ein mir gut bekannter Galerist in Barcelona bekam Drohungen, wenn er meine Bilder ausstellen würde, antworte man mit einer Bombe. Es war eine Zeit, in der Menschen in ihrem Büro erschossen wurden. Ich habe damals meine Schlafenszeit geändert, meine Ex-Frau hat von 23 Uhr bis morgens 7 Uhr und ich habe in der übrigen Zeit geschlafen und nachts habe ich gemalt. In dieser Phase habe ich die Musik gehört von Jimmy Hendrix, Frank Zappa und Pink Floyd und ich viel politisch motiviert gemalt. Am Ende bin ich nach Berlin gegangen. Ein befreundeter Notar hat mich dazu eingeladen, er sah meine ständige Angst.

Ich sah plötzlich, es gibt Leben, es gibt Farbe, ich hatte Hunger nach Farben.

EA: Nun überwiegt ja heute für Betrachter eher die Lebensfreude, die Heiterkeit und Farbenpracht, wie Klaus Wowereit es einmal ausdrückte. Empfinden Sie aktuell noch Entsetzen oder Wut, wenn Sie die Weltpolitik erleben?
Gustavo: Ich bin immer politisch. Aber mein Engagement ist heute überwiegend sozial. Ich kämpfe zum Beispiel seit Jahren für Frauen, die weniger als ihr Ehemann verdienen. Der Feminismus ist mir egal, aber diese Ungerechtigkeit geht nicht. Demonstrationen sind dabei überflüssig, man sollte direkt sagen, die Frauen bekommen ab nächsten Morgen mehr auf ihr Konto und fertig. In künstlerischer Form übe ich meine Kritik mit grotesken Gestalten, zum Beispiel mit Farben – violett, lila sind etwa die Kirche mit ihren Tabus wie Sex und Politik. Eigentlich bin ich sehr temperamentvoll, aber ich sage mir auch, das kann ich so nicht machen. Meine Kritik ist diplomatisch und wie gesagt, mit Vaseline.

Der Mensch ist geboren, um in Bewegung zu sein…

EA: Sie sind aus Cartagena als Kind nach Mallorca umgezogen, haben während der Franco-Ära 20 Jahre in Berlin gelebt, haben dort und von dort aus Bekanntheit und weltweiten Ruhm erlangt. 1995 sind sie zurück nach Mallorca gekommen. Was bedeutet für Sie Heimat und wo ist Ihre Heimat? Gustavo: Meine Heimat ist überall, in Brüssel habe ich fünf Jahre gelebt, in Paris zwei und 20 Jahre in Berlin. Dann war ich in einer Galerie in Wisconsin in Amerika zu Gast, 14 Jahre lang. Ich bin Kosmopolit. Ich bin ein Mensch, der glücklich ist, wenn er interessante Leute um sich hat und dieses Glück hatte ich immer in meinem Leben. Mein Atelier ist vielleicht gerade eine Heimat, der schöne Ausblick hier, aber ich gebe dem nicht so viel Bedeutung. Meine Blöcke, die ich bemale, das ist auch meine Heimat.

EA: Wie passt ein besonderer, stolzer und großzügiger Spanier, wie Sie der ehemalige ZDF-Intendant Dieter Stolte beschrieb, ins preußische und dabei schnodderige Berlin?
Gustavo: Meine Frau hat in Berlin die Gardinen immer geöffnet, ich habe sie verschlossen. Mir gefällt das Graue, wie in einer Placenta, so hat mir auch Berlin in ihrer Beschreibung als Großstadt gefallen. Auch der Regen, das Kalte mag ich. Die Hitze macht mir Probleme, in den Sommermonaten auf Mallorca bleibe ich zuhause. Ich male viel im Sommer, weil ich möchte, dass die Tage vorbei gehen und ich freue mich auf September – keine Mücken, keine Fliegen und keine Ameisen.
EA: Ihre Schaffenskraft ist mit rund 80 Jahren ungebremst und ich erlebe Sie als erfahrenen, jung gebliebenen Künstler. Knapp 4.700 Werke haben Sie geschaffen, die Kaimauer mit einem Kachelwerk und die Kirchenfenster in Cala Ratjada, gerade eben zehn Skulpturen an der Küste Ihres Heimatortes. Wann kommt das geplante Museum?
Gustavo: Da gibt es eine schlechte Nachricht. Ich habe gerade einen Brief der Regierung der Balearen erhalten, die sagen, das hier vor meiner Haustür ist eine rustikale Zone. Ich habe 5.000 qm gegenüber gekauft und ich wollte das Gebäude im Stil des Bauhauses mit viel Keramik von mir und vielen Farben errichten. Das Rathaus in Cala Ratjada war sofort begeistert, aber ich glaube nicht, dass man das auch in einem zweiten Anlauf mit dieser Inselregierung durchsetzen kann, später vielleicht.

EA: Sinngemäß haben Sie einmal gesagt, die Freiheit zu haben, die Arbeit zu genießen und lebenslange Freundschaften zu haben ist das Wichtigste. Kann das jedermann für sich realisieren oder ist das ein Luxus?
Gustavo: Das ist Luxus, ich glaube schon. Und viele könnten es haben, aber sie nehmen es nicht wahr, weil sie immer mehr und mehr wollen. Der Mensch ist geboren, um in Bewegung zu sein, aber das mehr und mehr ist nicht gut. Am Ende hast Du einen Knoten in deinem Gehirn, du bist nervös, unruhig, unsympathisch, man verliert die Lust zum Lachen. Diese Phase hatte ich selbst einmal über ein Jahr in Berlin. Mittlerweile habe ich es geschafft, 80 Jahre alt zu sein ohne erwachsen zu sein.


Weitere Informationen über: http://artgustavo.com/de/gustavo/
Das Gespräch führte Frank Heinrich

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