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Mallorca-Liebhaber Rainer Holbe (80) ist einem breiten Publikum aus der ZDF-Starparade bekannt, die er von 1969 bis 1981 am Samstagabend mit bis zu 28 Millionen Zuschauern moderierte. Der Journalist (u.a. Frankfurter Rundschau) und Goldene Kamera-Preisträger (1989) war 1974 bis 1992 Moderator beim RTL-Radio und Fernsehen sowie anschließend bei SAT1, und widmete einen großen Teil seiner Sendungen sowie als Buchautor übersinnlichen Phänomenen. Nach vielen Jahren in Luxemburg lebt Rainer Holbe heute in Frankfurt.

EL AVISO: Sie mögen Mallorca. Was macht für Sie die Insel aus?
Rainer Holbe: Es ist die Geschichte von Frédéric Chopin und George Sand, deren zahlreiche Briefe von der Insel ich gelesen hatte und in denen sie vom unendlich blauen Meer schwärmten, dem milden Klima und der opulenten Vegetation. Schon allein die 24 Préludes op. 28 (Teile davon entstanden auf Mallorca, Anm. d. Red.) während eines Spaziergangs aus einem der kleinen Kopflautsprecher zu hören, gehört zu den Wundern dieser Welt. Auch deshalb komme ich immer gerne wieder.

EA: Die Starparade war eine Gala-Veranstaltung, live, mit großem Orchester und Fernsehballett. Warum gibt es heute so etwas nicht mehr?
RH: Eine solche Sendung ist schlichtweg zu teuer. Zusammen mit den Technikern, dem Ballett und dem Orchester waren wir knapp 200 Personen. Die Show-Gäste wie Neil Diamond kamen vorwiegend aus Übersee. Von Sonntag bis Donnerstag wurde geprobt. Da kommt schon etwas zusammen.

EA: Betrachtet man die ganzen „alten“ Showmaster von Frankenfeld, Kulenkampff über Juhnke, Elstner bis Gottschalk – kommt da noch etwas nach?
RH: Hans-Joachim Kulenkampff war ein gebildeter Herr, Peter Frankenfeld ein geistreicher Conférencier, Gottschalk ein witziger Zeitgenosse. Die Herren sprachen mehrere Sprachen, und Leute wie Martin Walser oder Aristoteles waren für sie keine Fremden. Menschen mit solchen Talenten suchen sich ihre gutbezahlten Jobs normalerweise in den Chef-Etagen großer Unternehmen. Im Show-Geschäft gibt es sie kaum noch. Gottschalk ist der einzige, der mir da einfällt. Er besitzt die einzigartige Gabe, über sich selbst zu lachen.
EA: Nun sind Sie ja mit Beiträgen der gedruckten Presse treu, aber auch online unterwegs. Wie sieht die Medienzukunft aus Sicht eines „alten Medienhasen“ aus?
RH: Mit unseren Smartphones, Tablets und Laptops erkunden wir die ganze Welt und schaffen ein Bild von uns selbst. Dieses Wissen, wer man ist, wie sich das eigene Sein definiert, ist auch eine Frage der Philosophie. Identität ist das, was einen Menschen ausmacht. Journalisten von heute werden zum Beispiel nie ohne ein Smartphone auskommen. So ein Ding weiß ziemlich gut, wer wir sind. Weil wir es immer bei uns tragen und fast alles mit ihm machen können. Wer es schafft, einen einfachen Zugang zu sich selbst zu finden, kann sich eines Bestsellers so gut wie sicher sein…

EA: Viele ihrer Sendungen bei RTL und SAT1 und Ihre Bücher handeln vom Übersinnlichen, u.a. das Buch „Niemand stirbt für immer“. Ist das für Sie eher Journalismus oder Unterhaltung?
RH: Alles im Fernsehen ist Unterhaltung.
Selbst die Nachrichtensendungen und die TV-Magazine. Die Idee zum Übersinnlichen hatte übrigens Frank Elstner mit den „Unglaublichen Geschichten“. Und weil ich ihm zufällig auf dem Flur des Funkhauses begegnet bin hatte er auch gleich einen Moderator. Das Thema war neu in der Medienwelt und das Interesse des Publikums enorm. Was Fernsehleute suchen, erfüllte sich mit einem Schlag. Wir polarisierten, man sprach über uns. Die einen riefen „Hosianna“, die anderen „Kreuzigt ihn“.

EA: Und Ihre eigene Meinung? Bedeutet der Tod ein schwarzes Nichts oder Licht? Gibt es ein Jenseits und gibt es Botschaften aus dem Jenseits?
RH: Ich habe mich über zehn Jahre in Radio- und Fernsehsendungen mit diesen Themen beschäftigt und zahlreiche Bücher darüber geschrieben. Dabei handelt es sich um die Grundfragen unserer Existenz, die man nicht so einfach aus dem Hut zaubern kann. Mein Freund – der ZDFModerator Wolf von Lojewski – schrieb mir nach Erscheinen meines Buches „Verborgene Wirklichkeiten“: „Es sind jedoch verblüffende Aussagen, denen wir mit der Strenge der Vernunft nicht auf die Schliche kommen.“ Wenn ein Journalist eine Medizinsendung moderiert, kann er noch lange nicht einen Blinddarm entfernen. Und wenn ich mich mit den großen Fragen der Menschheitsgeschichte beschäftige, weiß ich nicht mehr darüber als mein Nachbar, den das ebenfalls mit großer Ernsthaftigkeit beschäftigt. Ich weiß, dass ich nichts weiß. Sokrates.
EA: Wir leben in einer wissenschaftlich geprägten, in einer rationalen Welt. Welche Rolle spielen für Sie Spiritualität, Religion und Glaube?
RH: Sie haben recht. Wir leben gleichzeitig in einer ebenso phantastischen wie realen Welt. Sie wird sichtbar für jeden, der bereit ist, sein Denken zu verändern und das Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Freies Denken kann zu wunderbaren Einsichten führen und uns unsere Ängste nehmen.
EA: Ist Wertevermittlung bei allem Individualismus noch möglich?
RH: Wir können unsere selbst ermittelten Werte weitergeben. Wir sollen es sogar. Der Philosoph Immanuel Kant hat für uns eine wichtige Erkenntnis geprägt, die sagt, dass der Mensch niemandem etwas zufügen soll, was man ihm nicht auch selbst zufügen dürfte. Wenn du nicht selbst geschlagen werden willst, dann darfst du auch keinen anderen schlagen. Das nennt man den kategorischen Imperativ. Das ist ein bisschen so wie der Satz „Was du nicht willst, dass man dir tut – das füg auch keinem anderen zu.“ Vielleicht hat Kant das etwas komplizierter ausgedrückt, aber im Prinzip läuft es auf das Gleiche heraus. Von Philosophen lernen heißt unser eigenes Dasein leichter zu nehmen.

EA: Johann Wolfgang von Goethe hat Sie ein Leben lang begleitet. Mit neun Jahren haben Sie den Faust I auswendig rezitiert. Welchen Einfluss hatte Goethe auf Ihre Lebenseinstellung?
RH: Meine Mutter hatte mir „Faust I“ unter den Weihnachtsbaum gelegt. Es war die entbehrungsreiche Zeit nach dem Krieg, und lange war die Tragödie des Doktor Faust mein einziges Buch. Immer wieder las ich es meinen Eltern vor. Bald konnte ich den Text auswendig. Goethes bedeutendes Werk hat mich mein Leben lang beeindruckt, getröstet und ermutigt. Noch heute profitiere ich von der Weisheit dieses außergewöhnlichen Menschen. Und seinem Humor.
EA: Sie haben einmal gesagt, die Suche nach dem Sinn unserer Existenz ist keine Flucht ins Irrationale, sondern ein lebenswichtiges Unterfangen. Haben Sie für sich selbst Antworten gefunden?
RH: Ich bin ein Leser. Und ich habe viele Antworten gefunden. Ohne die Lektüre von Büchern wäre ich – im Guten wie im Schlechten – nicht zu dem geworden, der ich jetzt bin.

EA: Hat Corona Ihre Antworten, Einschätzungen und Hoffnungen verändert? Gibt es nach Corona eine bessere Welt?
RH: Eine bessere Welt können wir nur in uns selbst erschaffen. Die Wissenschaft hat inzwischen herausgefunden, wie Corona funktioniert. Aber bisher konnte uns niemand sagen, warum es existiert.
EA: Sie sind Großvater, haben drei Enkelkinder und ein Buch mit dem Titel „Wir neuen Großväter“ veröffentlicht. Was unterscheidet die Großeltern von heute von den alten Herrschaften der Nachkriegsgeneration?
RH: Sie haben mehr Zeit, um sich mit ihren Enkeln zu beschäftigen. Und in der Regel sind sie auch materiell besser ausgestattet. Solche Verhältnisse sollte man nutzen. Enkel lernen nicht nur von ihren Großeltern. Umgekehrt ist es genauso. Ohne Leo, Ferdinand und Max hätte ich
noch immer kein Vertrauen in die digitalen Zahlungsprozesse und wüsste nicht, welche Spuren wir im Netz hinterlassen.
EA: Was geben Sie Ihren Enkeln für die Zukunft mit?
RH: Einen Rat: Lesen, lesen, lesen!
www.rainerholbe.de

Das Gespräch führte Frank Heinrich

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