Der Begriff Gyotaku setzt sich aus den Worten gyo (Fisch) und taku (reiben, abdrucken) zusammen und bezeichnet eine Drucktechnik, die erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Fischmärkten an den Küsten Japans verwendet wurde. Ursprünglich diente Gyotaku als eine Art Register für die gefangene Fischart und deren Größe. Der Fischer übergoss die Beute mit Tinte und presste dann ein Blatt Reispapier darauf. Beim Abziehen ergab das ein exaktes Abbild des Fisches. Manchmal fand dieser Vorgang schon auf hoher See statt, wo die Fischer Tinte, Papier, und Pinsel mit sich führten. Neben dem Abdruck vermerkten sie Ort, Datum und Fang und widmeten auch häufig ein Gedicht des Dankes an das Meer und dessen reichhaltiges Nahrungsangebot. Im „Gyotaku“ befinden sich Elemente von spirituellen Beerdigungsritualen. Dabei wird der Fisch sorgfältig vorbereitet: die Flossen werden ausgebreitet, das Maul geöffnet, er wird eingerieben und mit einem dem Leichentuch vergleichbaren Leinen bedeckt. So wird sein Wesen möglichst lebensecht, authentisch und real widergespiegelt. Die Tinte, die traditionell aus Holzkohle hergestellt wird, ist ungiftig und trägt den Namen sumi-e. Man schreibt ihr magische Kräfte zu. Nach dem Fertigstellen das Abdrucks wird sie abgewaschen und der gesäuberte Fisch dann zubereitet.

Gyotaku als Kunst
Jaume Salvadiego hat diese Technik vor Jahren das erste Mal in einer Ausstellung im „Museu Marítim“ in Barcelona gesehen. Später erlernte er die Technik und erweiterte sie. Das beliebteste Model ist ihm der Oktopus, denn mit seinen Tentakeln als Achtfüßler hat er viele Möglichkeiten den Gyotaku zu gestalten. In Tinte gedruckt bemalt er zusätzlich mit Farbpigmenten seine Werke und es ist erstaunlich zu sehen, wie er dem Objekt eine Art Seele einhaucht. Fast lebendig wirkt der Oktopus, allerdings muss er „die Augen nachmalen, denn der Druck nimmt sie nicht richtig mit auf“, so Salvadiego. Der „Cap Roig“ (Roter Drachenkopf), ein beliebter Fisch vor Mallorcas Küste, hat eine gute Textur um „in den Druck zu gehen“. Genauso wie der Kalmar, Turbot (Steinbutt) und auch der Gallo (Petersfisch). Beim Betrachten der Fische erinnert Gyotaku an prähistorische Kunst, allerdings auf Leinen gedruckt. „Mit Sepia-Tinte die Gyotaku Technik auszuführen geht sehr gut, steigert allerdings den Preis des Kunstwerkes“, sagt Jaume Salvadiego, der gerne experimentiert. Er bleibt der Technik treu, modernisiert sie immer wieder mit hinzufügen neuer Details und so wirken einige seiner Gyotaku-Werke wie grafisch designte Gemälde. Damit Gyotaku nicht verloren geht, bietet er regelmäßig Kurse im Kulturzentrum „Casa Planas“ in Palma an.

Arbeiten jenseits von Gyotaku
Jaume Salvadiego, der 1983 nach Mallorca kam, durfte schon mit 14 Jahren in Barcelona angewandte Kunst und Kunsthandwerk studieren. Ein Jahr später machte er Grafiken und Illustrationen für Werbeagenturen. Heute wird er u. a. auch gerne wegen seines Wissens und seiner Kreativität zu Ausstellungen gerufen, die er als Grafik-Designer umsetzt. Aus einer Reihe von Objekten und Werken widmete er dem viel zu früh verstorbenen mallorquinischen Dichter Andreu Vidal (19591998) auf drei Etagen des „Centre Cultural La Misericòrdia“ im letzten Jahr eine beeindruckende Ausstellung mit Miniaturkunst und Collagen, liebevoll umrahmt von Gedichten, Fotos, Gemälden und Diaprojektionen. „Früher habe ich viel am Computer kreiert, vor sieben Jahren habe ich mich entschlossen wieder mit meinen Händen zu arbeiten, zurück zur Basis!“
Bekannt ist er für seine Aquarell-Portraits, die teils mit Zitaten bekannter Künstler, Schriftsteller und Musiker versehen sind. In einer seiner erfolgreichen Ausstellungen zeigte er unter dem Titel „Jazz vs Fights“ Aquarelle, die den Jazz und das Boxen als Kunstformen darstellen und deren Wurzeln einen ähnlichen Ursprung von Leidenschaft, Armut, Gesellschaftskritik und Diskriminierung hätten. „Wussten Sie, dass Miles Davis kurzzeitig boxte?“ Auf die Frage woran er nun arbeitet, sagt er: „Abstraktes! Unmögliche Portraits“. Gespannt sind wir, denn er überrascht immer wieder neu.
Facebook: Jaume Salvadiego, E-mail: jsalvadiego@gmail.com
Nermin Goenenc, Roman Hillmannm, Fotos: Jaume Salvadiego

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