Anmut, Größe, Geist und Mut

Mit dem ihm wesentlichen Thema „Raons Humanes“ – menschliche Beweggründe, befasst sich der wohl erfolgreichste Künstler der Balearen, Joan Bennàssar. Zu sehen sind seine Ausstellungen als Trilogie an verschiedenen Orten.

Am Kalvarienberg in Pollença
Mit dem Titel „Els glaons de les fatigues i grandeses del cor“ – die Schritte der Müdigkeit und Größe des Herzens, will Joan auf „Werte aufmerksam machen, wie Würde, Ehrlichkeit und die menschliche Anstrengung um Erfolg im Leben zu erzielen“, wie er sagt. Es sind Tugenden, die er in der heutigen Zeit in Gefahr sieht. Auf 365 Stufen der sehenswerten Treppe, umsäumt von Zypressen, beleben seine über zwei Meter hohen Skulpturen den Aufgang zu der kleinen Kapelle Eglésia del Calvari. Angelehnt an die Verehrung in der griechischen und römischen Mythologie durch „die Humanisierung der Götter mit menschlicher Erscheinung“ platzierte Joan 44 Männer- und Frauenfiguren, die die Zeit anhalten. Mit ihren sanften Blicken laden sie zur Langsamkeit ein, einer Atempause, einem Innehalten. Aus Zement gemacht, in den Farbpigmenten von Erdtönen bemalt, das Innenleben aus Eisen und Draht geflochten, zeigen seine Skulpturen in Anmut den menschlichen Körper, der für Bennàssar „das größte in der Schöpfung der Natur ist“. Seine Argonauten wie er sie liebevoll nennt, sollen dem Menschen in diesen schwierigen Zeiten Mut machen. „Sie huldigen den Menschen, sprechen ihm Lob aus und sollen ihn an seine eigene Größe erinnern, auch wenn es nur schleppend aufwärts geht.“ Der Ort, die Treppe, die Kapelle, es sind die historischen Hinweise und Symbole, die den Geburtsort des Künstlers freigeben und ihn in ein Freilicht Museum verwandeln.

In der Kirche des Klosters von Santo Domingo in Pollença
„El Foro dels Negocis Públicas i les lleis“ – das Forum für öffentliche Wirtschaft und Recht, ist der Untertitel zu einer weiteren Ausstellung. Dabei geht es um die Art und Weise des Zusammenlebens in einer Gesellschaft. So plädiert er mit seinen Skulpturen und Gemälden an “Mäßigkeit und gesunden kollektiven Stolz, die Empfänglichkeit, um über alles zu verfügen, was zur Erreichung des Gemeinwohls erforderlich ist.“ Weitere aus seinem Figurenvolk versammeln sich hier, zusammen mit seinen großen Gemälden, die in Erdtönen menschliche Figuren, die Gesichter, die Musen, die Nymphen, die Götter darstellen und in Blau den Bezug zum Mittelmeerraum herstellen.

Im Turm von Canyamel
Mit dem Titel „La torre del jardín de las musas“ – der Turm des Gartens der Musen, ist dies der spielerischste Ort seiner Ausstellungen. Er zeigt „die Gefühle, die Freude am Leben, jede Sekunde des Lebens mit der Überzeugung zu genießen, dass es nichts anderes gibt“. Als hätten sie nie woanders gestanden, begrüßen seine göttlichen Musen den Besucher und weisen den Weg in den Turm. In seinen Bildern, einer exotischen Mischung der Antike und der Moderne, werden Frauen genauso wie Männer dargestellt, die sich ihrer eigenen Muse hingeben. Sie musizieren, sie kommunizieren, sie tre‹ en sich, sie verehren sich. Die Mauern des Turms aus Stein, Mörtel und Lehm bilden eine harmonische Einheit zu seiner Kunst, die in Pigmentfarben, Kohle und Kreide freskenhaft durchdringt und den Zauber dieser Ausstellung noch betonen.

Begegnung mit Joan
Als wir sein Haus betraten, wurde uns sofort klar, dass hier ein großer Reisender lebt. Das ganze Haus ist eine einzige Ausstellungsfläche einer Kunstsammlung aus fernen Ländern. Ob aus Japan, Afrika, Mexiko, Indien, USA, wir sehen Masken, antikes Spielzeug, Gemälde, Stoffe, Möbelstücke, Hölzer, Skulpturen, so vieles, das erkennen lässt, wo seine Einflüsse in der Kunst herkommen. Zu der Besichtigung seines großräumigen Ateliers gehen wir durch den verbindenden „Skulpturenwald“. Eine Skulptur fällt besonders auf: Eine Frauenfigur liegt seitlich, wie im Schlaf, auf der Erde und ein Baumstamm schaut aus ihr heraus. Zu der Frage, ob der Baumstamm die Skulptur geboren hat, lacht Joan und erzählt, dass es die Erste in der Art der „Großen“ war, die er gemacht hat. Der Baumstamm war das Fundament der Skulptur. Mit der Zeit machte die Feuchtigkeit den Baumstamm morbide und die Figur „legte sich auf den Boden, wo ich sie bis heute liegen gelassen habe“. Im Atelier angekommen sind wir überwältigt von seinen unglaublich vielen Werken. Am deutlichsten erkennen wir die Kunstrichtung des Primitivismus, die ihn fasziniert. Die vereinfachten ästhetischen Formen der Figuren in den Gemälden und das tiefe, komplexe, emotionale und spirituelle Wissen, das der Primitivismus transportiert, hat sich Joan in seiner Kunst zu eigen gemacht und in einer Kreuzung aus kubistischen und abstrakten Stilmitteln perfektioniert. Was dabei herauskommt, verkauft er in der ganzen Welt. Diszipliniert malt er jeden Tag. Grenzenlos ist seine Neugierde geistige Begrenzung aufzulösen und so experimentiert er, malt teils mehrere Bilder gleichzeitig. Manchmal dauert es Jahre, bis er den Abschluss eines Gemäldes findet. Nach einer längeren Unterhaltung wird klar, was er sagen will, nämlich dass es sich lohnt fragend, suchend, empörend, o‹ en, herzlich, kritisch, liebend, versöhnend und ehrlich seinen Weg zu gehen, das es wichtig ist innere Werte zu haben und zu pflegen und seine Würde nie zu verlassen. „Kunst ist Leidenschaft“.

Info zu Raons Humanes:
Kirche des Klosters
Santa Domingo Pollença:
täglich 10-13.30 Uhr/18-21Uhr
Torre de Canyamel: 18.30-21.30 Uhr
Infos und Atelierbesuch:
www.bennassar.com
Nermin Goenenc, Roman Hillmann,
Fotos: Roman Hillmann, Joan Bennàssar

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