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Interview

Sandra Seeling Lipski, in Santa Ponca aufgewachsen, ist Gründerin und Organisatorin des Evolution Mallorca International Film Festival, das seit 2012 jährlich den internationalen Glanz und Glamour der Filmbranche nach Mallorca bringt.

EL AVISO: Sie leben mit Ehemann und Kind in Los Angeles und waren nach der Schauspielschule zunächst vor die Kamera. Wie war der Weg von der Schauspielerei zum Evolution Filmfestival Mallorca?
Sandra Seeling Lipski: Die Schauspielerei ist mittlerweile etwas in den Hintergrund gerückt, weil das Filmfestival sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, ich bin aber immer noch hauptberuflich Schauspielerin und möchte jetzt auch gerne wieder mehr in europäischen Produktionen spielen, um mehr Zeit in Europa zu verbringen und gleichzeitig das Festival noch besser voran zu treiben. Ich habe mit 14 Jahren vier Jahre lang Schauspielerei studiert und habe in Los Angeles drei Jahre lang erfolgreich in Serien gespielt. Dann kam ein Crash durch den fast einjährigen Streik der Schriftstellerunion und es ging nichts voran, ich saß da, wartete auf Anrufe und glaubte, die Kontrolle zu verlieren. Diese Situation wollte ich nicht. Damals ging es gerade los mit der Digitalisierung, kleinen Kameras, der Schnitt-Software auf dem Computer, und ich hatte einen Mann, der Kameramann ist, und das alles hat sehr geholfen, um einen ersten eigenen Kurzfilm zu drehen und den auf mehreren Filmfestivals vorzustellen. Ich habe dann mit 24 Jahren noch mal ein Jahr im CrashKurs Vollzeit Produktion und Regie studiert und auch das Interesse an Filmfestivals war geweckt

EA: Und das Evolution Filmfestival Mallorca…
SSL: Manchmal ergibt sich so etwas. Ich hatte ja den privaten Bezug zu Mallorca, bin hier zur Schule gegangen. Das war zunächst auch nicht so geplant. Nach dem ersten Festival im Jahr 2012 hätte ich nie gedacht, dass ich einen Schwerpunkt auf das Festival lege. Es hat sich dann gezeigt, wenn ich mal einen Tag nicht daran glaube, passierte doch wieder etwas Gutes, das mich zum Weitermachen bringt, und das seit acht Jahren. Ich spiele aber immer noch regelmäßig – gerade wieder in den Filmen „The Wake of Light“ und „Something Round“.

EA: Im Oktober fand das Evolution Filmfestival in Palma – wie gesagt – zum achten Mal statt. Es hat sich prächtig entwickelt, kostet aber auch Geld und persönlichen Einsatz. Inwieweit ist so ein Festival vom Idealismus abhängig?
SSL: Komplett, es ist die komplette Hingabe… (lacht). In Berlin die weitaus größere Berlinale, da ist die Stadt gekommen und hat gesagt, wir wollen gerne ein Filmfestival für Berlin machen und dann hat die Stadt angefangen, Förderungen dafür zu organisieren. Hier in Palma ist es andersherum passiert, ich kam hierher und sagte, ich möchte ein Filmfestival machen und bin zum Stadtrat gegangen und habe nach Geld gefragt. Anfangs vergeblich, aber das funktioniert auch langsam. Die haben jetzt Förderungen, die es vorher gar nicht gab. Es gibt nun eine Festival-Förderung extra für uns und die anderen Festivals. Aber ohne Sponsoren aus der Wirtschaft geht es nicht und es bleibt in jedem Fall komplett eine Leidenschaft.

EA: Und programmlich? Sie geben auch sozialkritischen Filmen Raum. Wie haben sich die Anforderungen an Filmfestivals entwickelt, was kann es leisten und trägt sich das ohne konsequent kommerziellen Anspruch?
SSL: Es gibt bei unserem Festival sehr viele sozialkritische Filme, die eingereicht werden, etwa derzeit zur Immigration. Ich hatte in diesem Jahr das Wort Integration ins Programm gestellt. Und zwar nicht nur von Menschen, die aus anderen Ländern kommen, sondern auch bezogen auf Familie, in Freundschaften und bei sich selbst. Wir haben einen Film vorgestellt, bei der aus einer Frau ein Mann wird, also Integration in ein neues Ich. Das war ein roter Faden, der sich beim diesjährigen Festival widergespiegelt hat. Bei den Filmemachern hat sich gezeigt, dass sie einerseits ihre Filme vorstellen wollen, wichtig sind aber auch die Networking Opportunities, wie kann man Kontakte gewinnen, welche Leute sind vor Ort. Wir haben etwa den Producers Club und dort unsere Gesprächsrunden, bei denen zum Beispiel Produzenten über internationale Koproduktionen reden. In diesem Jahr kam eine ganze Filmtruppe aus China nach Mallorca. Da wurde dann auch darüber geredet, wie es für Frauen in der Filmbranche ist, in Spanien, in China. Also, immer sehr interessante Themen und die Möglichkeit darüber neue Partner, Finanzierungen, Produzenten zu gewinnen.

EMIFF, 2018 Sandra Seeling mit Schauspielern Melissa Leo und Mads Mikkelsen

EA: … und die inhaltliche Kommerzialisierung des Festival Angebots?
SSL: Da ist Cannes sehr weit vorne mit den großen Blockbustern. Es ist halt diese Star Power und das ist es, was mich auch dieses Jahr so ein bisschen geärgert hat. Es ist schon im Vorfeld immer die Frage, wer kommt, welche Schauspieler und welche VIPs sind da? Und ich finde es schade, da es ablenkt vom eigentlichen Programm, von den eigentlichen Geschichten, die die Filme erzählen, von den Filmemachern, die jahrelang an diesem Film gearbeitet haben. Der Schauspieler hat die Rolle gespielt, aber eigentlich müsste man sich auseinandersetzen mit dem Produzenten und dem Regisseur, auch damit man verstehen kann, was da für eine Arbeit hinter steckt, um den Film zu realisieren. Den Blick auf die Menschen hinter der Kamera haben wir deshalb in diesem Jahr stärker forciert.

EA: Was muss in Zukunft passieren, damit Filmfestivals für engagierte Filmemacher nicht zur Sackgasse werden, weil es anschließend keine interessierten Kinos oder Sendeplätze im TV gibt…
SSL: Festivals sind für die Filmemacher da als eine Art Promotion. Der Film geht im Idealfall durch die Presse, die Filmemacher lernen Verleiher und TV-Verantwortliche kennen. In diesem Jahr hatten wir beispielsweise eine Talk-Runde mit vier Verleihern aus Frankreich, Deutschland, England und Spanien, die natürlich auch kamen, um Partner unter Vertrag zu nehmen. In Berlin bei der Berlinale ist es der Film Market. Das wollen wir jetzt so langsam anfangen, damit in einigen Jahren auch Messestände mit den Verleihern aus der ganzen Welt bei uns vertreten sind. Filme sind am Ende des Tages ein Business.

EMIFF 2019: Preisträger Asif Kapadia mit Sandra Seeling im Interview mit Marilena Estarellas

EA: Wie sehen Sie generell die Situation des Films? Die Besucherzahlen der Kinos nehmen langsam und schleichend ab, ähnlich den Zuschauerzahlen im TVBereich. Programmkinos haben eine überschaubare Zielgruppe…
SSL: Ich glaube, in zehn Jahren ist das Kino vor allem Plattform von Filmfestivals. Als wir anfi ngen, gab es rund 1.000 Filmfestivals, jetzt sind es rund 8.000 Filmfestivals weltweit. In jedem kleinen Ort gibt es ein Filmfestival. Warum? Weil es die einzige Möglichkeit ist, Independent Filme zu zeigen und unter anderen von den Streaming Services eingekauft zu werden. Wir laden mittlerweile auch Netfl ix und Amazon ein, die Content brauchen. Es geht nun mal alles online, für Kinos bleiben da nur die Festivals und Blockbuster, so schade es ist.

EA: In der Konsequenz hatten und haben es ja Schauspieler nicht leicht, sie haben es selbst erfahren. Was raten Sie jungen Menschen?
SSL: Jungen Menschen, die Schauspieler werden wollen, rate ich: Wenn es irgendetwas anderes gibt, was euch im Leben interessiert, dann macht lieber das andere. Da braucht man Durchhaltevermögen, um die eine Rolle für den Durchbruch zu bekommen, manchmal viele Jahre, und es ist wichtig, dass nicht der Erfolg, sondern der Weg das Ziel ist.

EA: Es gibt seit Anbeginn des Films das Thema Besetzungscouch. Mit Harvey Weinstein ist es hochgekocht und öff entlich geworden. Setzt sich der neue ethisch begründete Anspruch der Branche durch?
SSL: Ja, er muss sich durchsetzen. Ich bin auch Feministin, stehe hinter jeder Frau, aber es liegt eben auch an uns Frauen. Wir müssen selbst sagen: Stopp, und sagen, was wir denken. Das ist jetzt passiert und das darf nicht wieder einschlafen.

EA: Welche Trends sehen sie bei den Produktionen? Es gibt beispielsweise die immer schnelleren Schnitte, oder die bewegte Kamera? Was will das Publikum von heute und von morgen sehen?
SSL: Da gibt leider diesen Einschnitt von Social Media, der vieles kaputtmacht, die Art wie man Filme schaut und die Aufmerksamkeitsspanne. Das geht immer alles schnell, in Sekunden. Das spiegelt sich im Film wider, die Schnitte sind schneller, selbst in Filmen, die eigentlich ruhiger sein müssten. Es ist eine anhaltend schwierige Situation, und beispielsweise bei ruhigeren Kamerafahrten muss man sich natürlich immer auch fragen, was macht das Publikum noch mit, wann schaltet es ab, spielt vielleicht mit dem Mobiltelefon.

EA: Und was sehen wir morgen – im Kino oder im TV? Gibt es international thematische oder Genre-Trends bei Produktionen?
SSL: Ich sehe zwei Trends: Die Frau, die zum Mittelpunkt wird, die der Action Held ist, der Bösewicht ist, sich durchsetzt und die Hauptrolle einnimmt. Die Filme werden schon teilweise von Frauen selbst produziert. Und der zweite Trend ist die Immigration, die Mischung der Kulturen, was ja geschichtlich gesehen alle 100 bis 200 Jahre passiert. Toleranz muss wieder viel größer geschrieben werden und das Evolution Filmfestival steht mit seinem Titel „Bridging Cultures, Bridging People“ vollkommen dahinter.

EMIFF 2019: Eröff nungsgala im Teatre Principal in Palma

EA: Sie sind auf Mallorca verwurzelt, ihre Mutter und ihr Bruder leben hier. In L.A. gestalten sie auch Programme anderer Festivals mit. Können Sie sich selbst ein Leben auf Mallorca vorstellen?
SSL: Nach den letzten Filmfestivals rede ich mit meinem Mann immer darüber. Denn ich merke schon, ich kann hier auf Mallorca das Festival vielleicht auch erweitern. In Utah gibt es beispielsweise das Tandems Lag Utah, bei dem man im Sommer Workshops anbietet, mit fünf Autoren, es werden Drehbücher diskutiert, Mentoren kümmern sich um den Nachwuchs. Das würde ich auch gerne hier machen, aber das geht von L.A. aus nicht. Wenn ich hier einen Job fi nde, der gut bezahlt ist, dann können wir uns das vielleicht vorstellen. Also, wenn mich jemand haben will für die anderen vier Monate, machen wir das… (lacht). .

Das Gespräch führte Frank Heinrich, Fotos: Diego Blanco, Silvia Acedo

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