Ralph D. Wienrich (79) lebt seit rund 20 Jahren in Artà und gilt als intimer Kenner der Bonner wie auch der Berliner Republik. Über fünf Jahrzehnte begleitete er als Redakteur bei Der Spiegel, Bild, RTL und ZDF die aktuelle Regierungspolitik und war im Austausch mit Politikern wie Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher, Franz-Josef Strauß und Helmut Schmidt. EL AVISO befragte ihn vor diesem Hintergrund zu der aktuellen Situation von Medien und Politik.

EL AVISO: Spiegel, Bild, ZDF – die Zeiten steigender Auflagen und Zuschauerzahlen sind Vergangenheit. Woran liegt das?
Ralph D. Wienrich: Es liegt im Kern an der Qualität der Kollegen und der Exklusivität. Aber auch die Akzeptanz ist in der Bevölkerung nicht mehr die, die wir einmal hatten. Wenn wir als Spiegel angeklopft haben, öffneten sich die Türen von ganz alleine. Wir hatten einen Zugang zur Politik. Hinzu kommt, dass jeder heute alles wissen kann, weil Politik alle Kanäle der Information nutzt. Wir mussten uns damals um jede Information bemühen, und wir haben unsere Kontakte exklusiv zu den politischen Entscheidern aufgebaut und uns ausgetauscht und hatten in den Ministerien ein ungeheures Ansehen. Bei Bild war es etwas anders, da öffneten sich viele Türen, weil man Angst vor uns hatte.

EA: Hat sich etwas in der Erwartungshaltung der Mediennutzer geändert? Sind Zuspitzung, Süffisanz und Sarkasmus noch empfehlenswerte Bestandteile eines Journalismus, der im Grunde keine Lösungen bietet?
RDW: Guter Journalismus bewirkt auch immer eine gute Lösung. Das heißt, wir haben aufgezeigt wo der Hase im Pfeffer liegt und haben nachweisbar vieles bewirkt, was zu Veränderungen geführt hat, besonders durch Enthüllungen. Unser Erfolg lag auch in unserer Glaubwürdigkeit. Beim Spiegel hatten wir immer die entscheidenden Dokumente, bei Bild war das nicht der Fall, da es um die kurzlebigere Information ging, beim ZDF, aus Gebühren finanziert, wird lediglich der Chronisten-Pflicht genüge getan. Als ich von RTL zum ZDF kam, dachte ich, ich komme in den Vorruhestand. Beim Spiegel hat den Lesern gefallen, dass wir die Handelnden vorgeführt haben, bei Bild auf andere Art und Weise, was politische Eintagsfliegen anging. Heute ist man mit viel weniger zufrieden, alles ist schnelllebiger.

EA: Wie hat sich denn das Verhältnis von Journalisten und Politikern entwickelt?
RDW: Es gab da schon bemerkenswerte Entwicklungen. Ich habe in Bonn Kollegen erlebt, die sich durch „Wohlverhalten“ einen lukrativen Job in der Fraktion einer an der Regierung beteiligten Partei „erschrieben“ haben. Was die Informationen anging, war es ein Geben und Nehmen, und meist von Fairness geprägt. Ein Beispiel: Genscher bot mir, als er Innenminister war, exklusiv eine Kabinettsvorlage zur Inneren Sicherheit an. Was dann in Folge nicht kam, war Genschers zugesagte Kabinettsvorlage. Ich war sauer auf Genscher und mein Chefredakteur Peter Boenisch war sauer auf mich. Ich recherchierte, dass Genscher mit seiner Kabinettsvorlage von Brandt zurückgepfiffen worden war. Diese „Bruchlandung“ des Ministers machte ich publik, was ihm missfiel. Trotzdem schätzte er meine Arbeit und bei einem klärenden gemeinsamen Mittagessen machte er mir dann ein interessantes Job-Angebot mit weiteren Karriere-Aussichten. Als ich ihm wenig später absagte, weil ich Zweifel hatte, als Journalist in einem Ministerium so zu funktionieren, wie in einer Redaktion, erhielt Günter Verheugen die Position und Genschers Karriere-Beschreibung ging auf. In der Bonner Politik war alles näher, wir hatten einen persönlicheren Umgang zwischen Politik und Journalismus als heute in Berlin.

EA: Ist es denn die Politik, die auf Anstöße der Medien – soweit noch ernst zu nehmen – nicht mehr reagiert?
RDW: Ja, wir haben eine völlig neue Situation, auch vernebelt durch die Informationsflut des Internets. Aber die Trägheit der Politik treibt die Menschen auf die Straßen. Und es hat den Anschein, als wolle das Volk in die Hände nehmen, was die Politik nicht mehr zu leisten in der Lage ist. Dann setzt ein gelernter und in diesem Zusammenhang tragischer Mechanismus ein: Der politische Gegner zum Beispiel in Person eines jungen Mädchens wie Greta Thunberg wird nieder gemacht. Da maßt sich ein Christian Lindner von der FDP an, jungen Menschen den Ratschlag zu geben, lieber in die Schule zu gehen, als für ihre Zukunft zu demonstrieren.
EA: Die meisten Journalisten-Kollegen haben die Wahl Trumps zum US-Präsidenten bis zum Ergebnis für absolut unwahrscheinlich gehalten. Übersieht man weite Teile der Bevölkerung, bis heute?
RDW: Das war die Ignoranz der Medien. Man hat es nicht vorausgesehen, weil man sich damit nicht tiefer befasst hat. Die Medien begnügen sich vor allem in Deutschland damit, festzustellen, Trump ist ein Idiot, aber sie setzen sich nicht weiter damit auseinander, weil sie erkannt haben, dass sie nichts ändern können.

EA: Ist es denn die Politik, die auf Anstöße der Medien – soweit noch ernst zu nehmen – nicht mehr reagiert?
RDW: Ja, wir haben eine völlig neue Situation, auch vernebelt durch die Informationsflut des Internets. Aber die Trägheit der Politik treibt die Menschen auf die Straßen. Und es hat den Anschein, als wolle das Volk in die Hände nehmen, was die Politik nicht mehr zu leisten in der Lage ist. Dann setzt ein gelernter und in diesem Zusammenhang tragischer Mechanismus ein: Der politische Gegner zum Beispiel in Person eines jungen Mädchens wie Greta Thunberg wird nieder gemacht. Da maßt sich ein Christian Lindner von der FDP an, jungen Menschen den Ratschlag zu geben, lieber in die Schule zu gehen, als für ihre Zukunft zu demonstrieren.
EA: Die meisten Journalisten-Kollegen haben die Wahl Trumps zum US-Präsidenten bis zum Ergebnis für absolut unwahrscheinlich gehalten. Übersieht man weite Teile der Bevölkerung, bis heute?
RDW: Das war die Ignoranz der Medien. Man hat es nicht vorausgesehen, weil man sich damit nicht tiefer befasst hat. Die Medien begnügen sich vor allem in Deutschland damit, festzustellen, Trump ist ein Idiot, aber sie setzen sich nicht weiter damit auseinander, weil sie erkannt haben, dass sie nichts ändern können.

EA: Seither scheint man allerorten hilflos, was die Antworten auf Trump, Johnson und jegliche populistische Bewegungen angeht. Was ist schief gelaufen in Journalismus und Politik?
RDW: Wenn wir eine politische Allianz mit Russland hätten, wären wir von unserem atlantischen Partner nicht so erpressbar. Die Russen waren immer ein Schild für uns, und die russische Karte wird zurzeit von Frau Merkel vernachlässigt. Putins Angebot in seiner Bundestags-Rede war eindeutig, darauf sind Deutschland und die EU nicht eingegangen. Im Gegenteil: Die Nato hat sich im Widerspruch zu ursprünglichen Versicherungen vor dem Hintergrund der deutschen Wiedervereinigung in Putins Vorgarten breit gemacht. Politiker wie Hans-Dietrich Genscher und Egon Bahr haben mir bestätigt, dass es Konsens gewesen sei, die Nato nicht nach Osten auszuweiten. Aktuell bleibt abzuwarten, wie die Bundesregierung und wie die EU auf Trumps jüngste Sanktionen bezüglich der Ostsee-Pipeline reagieren werden. Was unser wichtigster Verbündeter hier betreibt ist Imperialismus in Reinkultur!

EA: Die Dummheit feiert in der Politik immer wieder Siege. Haben wir zu viel Durchschnittlichkeit und Karrieristen in der Politik? Hätten die großen demokratischen Führer heute noch eine Chance?
RDW: Der Niedergang der politisch charismatischen Köpfe hat ja mit dem Ende der Ära Kohl schon begonnen. Die ernstzunehmenden Nachfolger wie Lothar Späth, Heiner Geissler und Kurt Biedenkopf hatte er als lästige Konkurrenz entsorgt. Nachfolger Schröder war noch eine Persönlichkeit, allerdings schon mit der werden, ist man doch schon politisch rechts. Das kann doch nicht sein. Wenn man diesbezüglich konsequenter durchgreifen würde, hätte man der AFD den Boden entzogen. Man will doch Lösungen, oder? Die Existenz der AFD ist doch keine Lösung an sich, sondern geht in die falsche Richtung.

EA: Auf der anderen Seite ist man mit Politikern gnadenlos umgegangen. Positive Vorbilder werden auf ihrem Höhepunkt demontiert. Jegliche Halbinformationen werden gehypt, Fake News sind an der Tagesordnung…
RDW: Der Konkurrenzkampf unter den Medien hat ergeben, dass vermeintliche Geschichten einfach herausgehauen werden, um der erste am Markt zu sein. Das hat logischerweise nichts mit Qualität zu tun und ist für die Gesellschaft und demokratische Prozesse nicht dienlich. Der Normalbürger sieht das meist so nicht und wird in seiner Mediennutzung einerseits ungewollt zum Opfer, andererseits trägt er durch sein Unterhaltungs- und Mitteilungsbedürfnis zur Akzeptanz der scheinbar korrekten News bei

EA: Haben Werte in Journalismus und Politik keinen Wert mehr?
RDW: Nein, haben sie nicht. Das ist traurig, aber ich sehe das nicht. Was ich sehe, ist zurzeit ein Komplott der Krücken, das unser Land und unsere Parteien nicht aus der Krise führt.

EA: Ist das ein Kontrollverlust, den man – stark beeinfl usst von den sozialen Medien – so hinnehmen muss?
RDW: Kontrolle ist ein gutes Stichwort. Wer hat heute in der Politik noch den Mut, etwas zu kontrollieren oder zu entscheiden? Auch Journalisten nehmen sich der wesentlichen Fragen nicht an und fordern, das müsste man kontrollieren, weil sie die Reaktion fürchten: Oh, der ist zu links oder zu rechts. Zu anderen Zeiten wurden große Themen mit politischen Konsequenzen erfolgreich gelöst, man denke nur an die Entführung der Lufthansa-Maschine nach Mogadischu. Ich sehe derzeit nichts, was den Kontrollverlust verhindert.

EA: Werden wir einen Jean-Claude Juncker oder eine Angela Merkel noch vermissen?
RDW: Absolut. Juncker ist ein politischer Gigant. Angela Merkel mit genannten Abstrichen auch.
Das Gespräch führte Frank Heinrich

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