Malereien von Birgit Maertins, die sich auf Mallorca für ihre Motive inspiriert.
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„Ich habe mich von den Farben der Insel heilen lassen“

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„Womit soll ich bloß anfangen?“ Birgit Maertins (58) hat sich gerade erst hingesetzt, als ihr die Frage herausplatzt. Dabei hat sie alles minutiös vorbereitet für das Interview: die zwei Stühle auf dem Balkon vor ihrem Atelier sind mit Blick über die Landschaft ausgerichtet, der Sonnenschirm wirft den Schatten an der richtigen Stelle, der Wein hat die perfekte Temperatur. So eine durchgestylte Organisation liegt einem vermutlich im Blut, wenn man vier Kinder großgezogen hat. Aber dann kommt eben doch der Punkt, wo man nicht weiter weiß. Dann greift man nach einem Strohhalm, der die Richtung vorgibt. In diesem Fall sind es die Fragen, an denen sich Birgit in unserem Gespräch entlang hangeln kann. Aber sie kennt Situationen im Leben, in denen es weit schwieriger war, trockenen Fußes aus dem Sumpf zu steigen, in dem sie versunken war. Und dieser Strohhalm war Mallorca. „Die Insel hat mir geholfen, mich selbst wieder bunt zu sehen.“

„Der Alltag ließ mir keine Zeit für Kunst“

Es begann mit einem Kurzurlaub vor 28 Jahren. Kurz nach der Wende, alles war im Umbruch und ihre Kinder noch klein, genoss sie mit ihrem Mann ein verlängertes Wochenende im Süden. Auf der Insel, von der alle schwärmten. Sonne, Wärme, Freiheit. „Beim Abschied auf dem Weg vom Hotel zum Flughafen sind mir fast die Tränen gekommen. Als wir an den Gärten und Häusern vorbeigefahren sind, hab ich mir vorgestellt, wie ich dort sitze und den Bussen hinterher gucke.“ Damals schon wurde in ihr die Sehnsucht geboren, auf Mallorca leben zu wollen. „Aber das ging ja nicht“, setzt sie gleich darauf hinzu und am Ton ist die Stimme der Vernunft zu hören, die ihr damals ins Gewissen redete. „Wir hatten Arbeit in Deutschland, ein Haus abzuzahlen und vier Kinder im Alter von 1 bis 11 Jahren.“ Bedrängt vom Alltag rückte der leichtfüßige Traum in den Hintergrund. Für Muße und Kreativität war zu Hause sowieso nicht viel Spielraum. Die Gitarre, die Birgit früher überall hin mit begleitet hatte, kam höchstens noch für ein Gute-Nacht-Lied zum Einsatz. Ganz zu schweigen von den verpassten Möglichkeiten, sich im familiär vererbten Talent auszuprobieren. „Mein Großvater war Maler. Kein großer Name – Max Maertins. Aber in Neuenhagen bei Berlin hat er Anfang des Jahrhunderts die Familie mit seiner Kunst ernähren können. Als ich jung war, hab ich mich zwar für seine Bilder begeistert, aber hatte überhaupt keine Ambitionen, es selbst mit der Malerei zu probieren. Später dann fehlte mir die Zeit.“ Ein Leben also, wie es sich den meisten von uns darbietet: Arbeit, Familie, gemütliche Wochenenden, einmal im Jahr Urlaub. Höhen und Tiefe.


„Ich dachte, ich würde nie wieder Fuß fassen“

Und dann tat sich plötzlich ein Abgrund auf. „Mein Mann starb, als ich 45 Jahre alt war“, erzählt Birgit. „Da stand ich nun, alleinerziehend mit einem Hauskredit, den ich jetzt allein bedienen musste. Meinen Job als selbstständige Werbe-Promoterin konnte ich vergessen. Ich brauchte wieder eine feste Anstellung.“ Die fand sie auch, aber das Gehalt reichte bei weitem nicht, um alle Verbindlichkeiten zu bedienen. „Damals war ich so verzweifelt, dass ich dachte, ich würde nie wieder Fuß fassen.“ Über Jahre dauerte das Tief, aus dem es kein Entrinnen zu geben schien. Der erste Silberschein am Horizont bot sich ihr, als sie einen Mann kennenlernte, der sich mit ihr zusammen den Herausforderungen stellte. „Es ist so wunderbar, einen neuen Partner zu haben, der hilft, über das Alte hinweg zu kommen. Plötzlich kann man Berge versetzen.“ Auch Schuldenberge. Aber die Traurigkeit, die Angst vor unerwarteten Schicksalsschlägen – all das saß tief in ihr drin. Die alte Fröhlichkeit blieb unter einer dicken Schicht von Melancholie gefangen.

Malerin Birgit Maertins auf der Terrasse ihrer Finca in Mallorca

„Hier bekam ich Wind unter die Flügel“

Bis zu dem Punkt, als sie bei einem Urlaub endlich wieder den Himmel von Mallorca über sich erblickte. „Hier bekam ich Wind unter die Flügel.“ Sie erinnerte sich an den verblassten Traum vom Leben im Süden. „Ich ahnte, dass Mallorca meine Rettung sein könnte.“ Dieses Mal passte auch alles. Die Kinder waren aus dem Haus, der Arbeitgeber genehmigte ihr eine Auszeit und sie hatte den richtigen Mann an ihrer Seite. „Im Mai 2014 sind wir versuchsweise nach Mallorca gezogen, einfach gucken, ob man hier leben kann, ohne das Zuhause in Deutschland aufzugeben.“ Ihre Wohnung in Portocolom war Birgits Basislager für die Entdeckungsreise auf der Suche nach sich selbst. „Du stehst auf der Insel mit ausgebreiteten Armen und weißt: Du lebst!“ Alle Zwänge und Anspannungen, so versichert Birgit, seien von ihr abgefallen. „Ich konnte entspannt einatmen.“
Gleichzeitig reifte der Wunsch, diese überwältigenden Gefühle und Gedanken in Bildern festzuhalten. „Ich quoll ja über vor Emotionen, dankbar für die Zeit, die ich hier verbrachte.“ Den Hafen von Portocolom hatte sie jeden Tag vor der Nase. Er wurde ihr zum Symbol für das Lebensgefühl, das sie neu ergründete. „Diese Farben, diese Aussicht – das musste ich malen!“ Es war ein inneres Drängen, das keinen Aufschub duldete. „Im Internet habe ich recherchiert, was man dazu braucht. Dann bin ich einfach losgefahren nach Manacor in den Laden für Künstlerbedarf und habe Farben, Pinsel und Leinwände gekauft.“ Lachend unterbricht sie sich, als sie sich daran erinnert, dass sie noch drei Mal zurück musste, weil immer noch etwas fehlte. „Ich hatte ja nicht die geringste Ahnung. Aber peinlich war mir das gar nicht, es fühlte sich einfach richtig an.“

„Ich musste lernen, mich selbst bunt zu sehen“

Und dann tauchte sie ein in das große Abenteuer Malen. „Ich saß schon morgens vor dem ersten Kaffee an der Staffelei, ich war wie im Rausch.“ Dennoch war das Ergebnis ein anderes, als sie erwartet hatte. „Ich malte mit viel zu dunklen Farben, denn meine Traurigkeit und eine innere Negativität schwangen noch immer mit. Ich dachte, dann nehme ich einfach hellere Farben, aber das war naiv. Ich musste erstmal lernen, mich selbst bunt zu sehen.“ Diese Erkenntnis kam ihr Schritt für Schritt in den Gesprächen mit Künstlern, von denen sie sich nicht nur Wissen über Maltechniken aneignete. Sie verinnerlichte auch den wichtigen Lehrsatz, dass Kunst sichtbar macht, was im Inneren vorgeht – selbst wenn die Leinwand nur ein Feld mit Mohnblumen zeigt. „Zuerst muss man seine Gefühle verarbeiten, dann kommen die richtigen Bilder zum Vorschein.“
Bei dem Ausnahmekünstler Axel Kentsch in Es Carritxo fand sie den Meister, den sie brauchte, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln. „Erst habe ich ihm nur stundenlang zugeschaut, dann hat er mich als seine Schülerin akzeptiert.“ Der Austausch mit Kentsch, dem seine fortschreitende ParkinsonKrankheit selbst Schranken und Kämpfe in der Ausübung seiner Arbeit auferlegt, brachte Birgit einen großen Schub. Zu der Kreativität, die sich anfangs geradezu anarchisch Bahn gebrochen hatte, kam nun auch Können hinzu. Sie begann auf eigene Faust zu experimentieren, wagte sich an Material-Mix und Abstraktionen. Damit entfalteten ihre Arbeiten in kürzester Zeit eine erstaunliche Reife. Inzwischen verschenkt sie ihre Bilder nicht mehr, sondern sie findet immer mehr Käufer dafür, ohne je eine eigene Ausstellung bestritten zu haben.

„Es ist ja nicht mehr viel übrig vom Leben“

Nachdenklich schaut Birgit über die Bilder, die sie für uns im Atelier aufgebaut hat. „In Deutschland würde ich sicher anders malen.“ Dann lauscht sie ihren Worten nach. „Nein, dort hätte ich diese Emotionen gar nicht, die ich brauche, um mich so auszudrücken. Dieses Glücklichsein, diese Freiheit, dieses ‚Leben, hier bin ich wieder‘! In Deutschland bin ich vor allem Mutter, Oma, Angestellte. Wenn man wie ich fünf Enkelkinder hat, werden da viele Erwartungen gestellt. Oma, kannst du mal auf die Kinder aufpassen … Und ich könnte dazu nicht nein sagen.“ Bevor sie weiterspricht, legt sie sich sorgsam ihre Worte zurecht. Sicher wurde sie in ihrer Haltung schon oft missverstanden. „Ich möchte mein Leben genießen. Das ist in meinen Augen ein erlaubter Egoismus. Uns kann die Familie ja jederzeit besuchen kommen. Platz ist genug. Aber ich bleibe hier. Mein letztes Stück Leben will ich mir einteilen, wie ich es möchte. Es ist ja nicht mehr viel da, das meiste ist gelebt.“

Birgit Maertins mit Enkelin Emy beim Malen auf der Finca in Mallorca

„Ich will meine künstlerischen Erfahrungen weitergeben“

Inzwischen ist Birgit mit ihrem Mann endgültig nach Mallorca gezogen. Regelmäßig kommen ihre Kinder und Enkel zu Besuch in die Finca bei Sant Llorenç, immer im Wechsel mit Freunden aus der alten Heimat. Das „Sa Barraqueta“ ist ein offenes Haus, in dem viel gefeiert wird, in dem es fröhlich zugeht. Birgit ist beileibe keine zurückgezogene Künstlerseele, sondern eine unterhaltsame und aufmerksame Gastgeberin. Es scheint, als hätte sie wieder zu sich gefunden, hier auf der Insel. Was kommt als nächstes? „Meine Ziele sind in letzter Zeit gewachsen. Ich möchte durchstarten, in Galerien ausstellen und vor allem meine Arbeit mit Kindern ausbauen. Bei meiner Enkelin habe ich gemerkt, dass es mir Freude macht, meine künstlerischen Erfahrungen weitergeben zu können. Es muss ja nicht jeder so spät beginnen wie ich, seine Gefühle in Farben zu verwandeln.“
Christiane Sternberg, Fotos: Marcos Gittis
Kontakt Birgit Maertins studio@artmallorca.de, www.artmallorca.de
FB-Seite: @artmallorcastudio
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