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Interview

1984 erwirbt Dr. Will Kauffmann das Herrenhaus Son Bauló in Lloret de Vistalegre als Standort für Fotoproduktionen. Er betreibt das Anwesen seit 1998 in Form der heutigen Kulturfinca; seit sechs Jahren zusammen mit seiner Frau Yvonne. Will Kauffmann ist Fotograf, Philosoph, Mathematiker, Veranstalter und Hotelbetreiber. Wir befragten ihn zur mallorquinischen und der deutschen Kultur auf der Insel.

Will Kaufmann: Eine Oase, in der man etwas umsetzten kann

EL AVISO: Was hat Sie bewegt, auf Mallorca ein Kulturzentrum aufzubauen?
Will Kauffmann: Das Kulturzentrum ist eigentlich aus dem Nichts erwachsen. Früher fotografierte ich öfter Plattencover, wobei die Künstler lieber hierher, als in mein Fotostudio nach Frankfurt kamen. In der Folge meinte ich, wenn ihr schon mal hier seid, können wir auch gleich einen Auftritt realisieren. So entstanden die ersten Konzerte auf Son Bauló. Die Finca hat sich dann im Laufe der Zeit zu einem Kulturzentrum entwickelt, welches zu 90 Prozent von deutschem Publikum frequentiert wird. Leider existieren zu wenig Mitanbieter, wie zum Beispiel deutschsprachige Kleinkunstbühnen. Ich hätte gerne mehr davon auf der Insel.

EA: Kultur – ursprünglich Cultura, Bearbeitung, Pflege, Ackerbau – hat sich entwickelt. Was bedeutet für Sie Kultur mit Blick auf den Lebensraum Mallorca?
WK: Kultur bedeutet für mich einerseits Beschäftigung mit sinnlichen Dingen. Zu Essen und Trinken gesellen sich beispielsweise Musik, Literatur, sowie auch wissenschaftliche Inhalte, die sich weiterentwickeln, mit welchen man sich gerne befasst und mit denen man selbst nicht stehen bleibt. Andererseits finden wir hier einen kleinen Mikro-Kosmos, eine Oase, in der wir umsetzen können, was im Großen und Ganzen umgesetzt werden soll. Unser Gemüsegarten, ein paar Tiere sind kleine Initiativen, die uns hier auf dem Land Freude bringen und zum Gesamtkonzept beitragen.

EA: Wie stark ist die kulturelle Identifikation auf der Insel im Vergleich zu Deutschland?
WK: Sicherlich gibt es auf der Insel eine kleine Gemeinde, die sich mit der Kultur identifiziert, wie man sie hier bei uns erleben kann. In Deutschland geschieht das bewusster und intensiver finde ich. Hier suchen die Menschen eher unabhängige Ruhe und Entspannung. Während Kultur ernstgenommen eines gewissen Aufwandes bedarf, eines Engagements, welches möglicherweise manche einfach abgelegt haben. Sie sind hergekommen, um unbeschwert eine schöne Zeit zu genießen. Das natürlich auch vor dem Hintergrund von vielen Deutschen im Alter von 50 oder 60 plus.

EA: Führt das Inseldasein etwa zu einer kulturellen Trägheit?
WK: Dazu habe ich sogar schon einmal Befragungen unternommen, mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass der kausale Verdacht der Insel-Trägheit klar dementiert wurde. Wenn ich hier an einem Samstagabend, um nur ein Beispiel zu nennen, eine weltbekannte Pianistin aus New York zu Gast habe und sich das Wetter nass und ungemütlich zeigt, dann bleiben viele lieber in ihren vier Wänden und trinken ihren Wein. Unabhängig vom Wetter ist es völlig unberechenbar, wie viele Gäste zu einer Veranstaltung kommen. Den konsequenten Schritt selbst an Spitzenangeboten teilzuhaben, vermisse ich. Es wird vieles kurzfristig entschieden, selbst bei ausführlichen Ankündigungen und Beschreibungen, etwa in EL AVISO.

EA: Ist das auch ein Thema der räumlichen Distanzen, die auf Mallorca ja immer ein Gesprächsthema sind?
WK: Ja sicher, Entfernungen werden hier anders empfunden. Will ich in Frankfurt an einer kulturellen Veranstaltung teilnehmen, fahre ich oft eine Strecke von 35 Kilometer oder mehr, ohne darüber nachzudenken. Auf Mallorca liegen zwischen verschiedenen nahen Orten oft Welten, übrigens auch für Mallorquiner.
EA: Identifikation bedeutet immer auch Abgrenzung. Welches sind für Sie die Trennlinien bundesdeutscher und mallorquinischer Kultur?
WK: Die Trennlinie ist zunächst ganz klar einmal die Sprache und zweitens wie man Kultur sieht. Man muss sich bloß anschauen, wie das mallorquinische Angebot aussieht. Auf Son Bauló verfolgen wir ein gewisses Niveau, welches von den Mallorquinern nicht an der Qualität gemessen wird, sondern am augenscheinlichen Unterhaltungswert, der im Vordergrund steht. Das ist anders bei den Deutschen, die zunächst einmal den qualitativen Inhalt Qualität beurteilen.

EA: Wer prägt aus Ihrer Sicht denn die Kultur auf Mallorca, wer fördert sie?
WK: Wir sind hier stark abhängig von den politischen Wahlen, den regierenden Parteien und den unterschiedlichen Interessensgruppen. Die Regierung bestimmt, wer gefördert wird. Es scheint als bewegen sich Entscheidungsträger hin und wieder in Grauzonen. Ich kann nicht erkennen, ob bewusst und gezielt eine Kulturrichtung erreicht oder gefördert werden soll.
Dort wird das Balearen Orchester als Prestige-Projekt enorm subventioniert, während seinerzeit dem Café Barcelona als einzigem ehrgeizigen Jazz-Club auf der Insel der Strom abgedreht wurde. Meines Empfindens nach fließen bedeutende Fördermittel an den Ausländern unter den Kulturschaffenden vorbei. Wiederum verständlich: die eigene Kultur gilt es zu pflegen.
EA: Welchen Stand hat aus Ihrer Sicht die kulturelle Integration der Deutschen oder aber auch die Abgrenzung der Mallorquiner?
WK: Die Mallorquiner sind eine geschlossene Gesellschaft. Vielleicht ist das traditionell, ein Phänomen der Insellage, heute aber sicherlich keine bewusste Abschottung. Schaut man auf die Karfreitagsprozessionen, wo ausschließlich Männer und Frauen der Bruderschaften im unheimlichen Büßer-Kapuzen-Gewand die Festzüge gestalten, sind es hauptsächlich Groß-Familien, es kommt keiner rein und vielleicht auch keiner raus. Sie klassifizieren sich selbst untereinander und Ausländer sind da einfach nicht vorgesehen.

EA: Also ist Integration auf Mallorca per se nur begrenzt möglich?
WK: Voll umfängliche Integration ist wahrscheinlich gar nicht möglich. Wir können gut zusammenleben, gegenseitige Hilfe einfordern und Freunde gewinnen, aber wirkliche Integration in die Familien hinein, ist so gut wie ausgeschlossen.
EA: Was würden Sie sich von Deutschen auf Mallorca in Hinblick auf mehr Annährung wünschen?
WK: Die mallorquinische oder wenigstens einigermaßen die spanische Sprache zu beherrschen ist Voraussetzung, um sich einfach besser und öfter miteinander unterhalten können. Selbst dann kommt eben der gewisse Punkt: wir kennen einen Schweizer, der seit 25 Jahren mit einer Mallorquinerin verheiratet ist, seit 25 Jahren hier lebt, für ein mallorquinisches Unternehmen arbeitet, wahrscheinlich schon besser mallorquinisch als schweizerdeutsch spricht, aber für die Mallorquiner immer der Ausländer geblieben ist.

EA: Sie hatten in der Vergangenheit auch Highlights, Besuch von öffentlich bekannten Personen der Politik, der Wirtschaft und der Wissenschaften. Welche Schwerpunkte setzen Sie mit Ihrem Programm im neuen Jahr und was wünschen Sie sich für 2019?
WK: Die meisten dieser Begegnungen sind ausschließlich persönlicher Natur, sie verlaufen ohne Publikum und ohne Medien-Aufsehen.
Auch ein ranghoher Politiker schätzt überaus einmal sein Frühstück barfuß in Jogginghose zu genießen. 2019 wird so laufen wie bisher.
Ich suche und wähle passende Künstler, interessante Interpreten und gute Beiträge aus, Themen und Seminare, die bereits existieren, werden modifiziert. Die Zielrichtung ist, nicht nur pure Unterhaltung, sondern auch Wissen zu vermitteln. Was ich mir für 2019 wünsche wäre ein Mäzen, der Fixkosten wie z.B. ein adäquates Honorar oder Reisekosten der Künstler aus dem Ausland mitträgt – das wäre ein großer, nützlicher Schritt.
Das Gespräch führte Frank Heinrich Fotos: Diego Blanco

Frank Heinrich und Dr. Will Kauffmann

SON BAULÓ: VERANSTALTUNGEN IM JANUAR
Am Samstag 5. Januar präsentiert ab 19 Uhr der Inselradio-Moderator und Sänger Jörg Jung unter dem Motto „New York – New York“ Highlights der goldenen Jazz- und Swing-Ära mit Stücken von Billy Holiday, Ella Fitzgerald, Frank Sinatra, Count Basie oder Duke Ellington (19 Uhr, 18 Euro). Vorab gibt’s ab 17.30 Uhr optional ein Buffet (22 Euro).
Eine Woche später, am 12. Januar, gibt es ein Doppelkonzert. Zum einen Bleuse & Bleuse, die im Stil des Films Sound of Music auftreten. Mit Emmanuel Bleuse, Solo-Cellist des Sinfonie-Orchesters der Balearen, und seinen sechs musikalischen Geschwistern. Sie spielen Werke von Beethoven, Mozart, Tschaikowsky, Haydn und Brahms. Zudem treten die Volvox Brothers auf eine alternative Rock Band, in welcher vier Bleuse-Brüder (zwischen 8 und 16 Jahre alt) zusammen spielen (18.30 Uhr, 18 Euro). Auch hier gibt’s ab 17 Uhr optional ein Buffet (22 Euro).
Und am Sonntag, 20. Januar tritt das Oriol Palau Classic Duo auf (13 Uhr, 18 Euro). Ab 11 Uhr gibt es optional einen Brunch (22 Euro). Am Samstag, 26. Januar, spielen Norbert Fimpel (Saxophon) und Dani Roth (Piano) Blues, Funk, Soul, Rock und Jazz (19.30 Uhr, 18 Euro). Optionales Buffet ab 18 Uhr (22 Euro).
Camí de Son Bauló 1, Lloret de Vistalegre Reservierungen unter
Tel.: 971 524 206, www.son-baulo.de



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