Liebestod

Teil 1 unserer neuen Kurzgeschichte

Ein Ende, das nicht anders kommen konnte. Er wehrte sich nicht mehr gegen ihre Art. Ihre Demütigungen nahm er hin, wie sein Hund das tägliche Stückchen Brot von ihm nahm. So, wie er die Welt, seine Welt, mit ihren bisweilen bizarren Ausschlägen nach seiner unverschämt erfolgreichen Karriere als international bedeutender Investor verstand und begriff. So gesehen war alles für ihn in Ordnung. Auch, wie alles hier auf dieser wunderschönen Insel, auf diesem einzigartigen, nahezu zweihundertjährigen Landsitz im Tramutanagebirge geschah…

Eine emotionale Investition in Gefühle

Dass sie in den letzten Monaten immer häufiger die zweistrahlige Dassault von ihm erbat, um von Palma auf den Kontinent zu jetten, um Fototermine in Düsseldorf, München, London und Paris wahrzunehmen, zeigte ihm, das sie ihn brauchte. Und er gewährte seinem Model, das der von ihm bewunderte Karl Lagerfeld seine hinreißend erotische Luxemburgerin nannte, sein Fluggerät ohne jeden Argwohn. Seine wirtschaftliche Macht ließ ihm für Misstrauen und Geiz keinen Platz. Dass ihre Liebesbeziehung wandlungsanfällig geworden war, mochte sie naturgemäß lange vor ihm wohl gespürt haben.

Aber seine Bereitschaft des Hinnehmens, des Gewährens war gewachsen mit der Zeit. Für ihn, für den Besitz Zeit seines Lebens einen ganz speziellen Stellenwert hatte, war diese Beziehung eine emotionale Investition in Gefühle. Diese Liebe handelte er exklusiv an seiner ganz privaten Börse. Und dies bisher mit großem Gewinn. Aber zu spät wurde ihm bewusst, dass er den sich einschleichenden Gefühlsschwankungen nicht annähernd so souverän gewachsen war wie denen an der Börse, wo er Millionen Verluste lockerer verkraftete als Christianes Stimmungsschwankungen. Mit denen er immer schwerer zu kämpfen hatte.

Seine Aggressionen schwanden

Beladen mit seinem Kummer und seinem Schmerz zog er sich ohne Aggressionen zurück, sein Alleinsein war dann seine Stärke, auch sein Trost. Er nahm seinen Schmerz an, um ihn dann, wie in Notwehr, vor seiner Seele wieder auszubreiten. Er machte sich nichts mehr vor, er wusste um den natürlichen Prozess, den die zwischen ihnen liegenden Jahre zwangsläufig eines Tages in Gang setzen würden. Sein gefasster kritischer Blick auf seinen gut durchtrainierten, aber doch so viel älteren Körper enthüllte ihm unerwartet ein Problem, dass er mit Geld nicht aus seiner Welt schaffen konnte. Und er fragte nicht mehr nach dem Warum.

Seine Jahre, seine Erfahrung standen gegen ihre eigenwillige Art ihn, den so viel älteren Mann, zu lieben. Das alles so sein musste und nicht anders, es war normal, es war gut so. Die ihn in letzter Zeit immer öfter heimsuchende Angst zu hart, zu ungerecht ihrer Jugend gegenüber sein zu können, nahm ihm jegliche Aggression. Mildes Verstehen regierte sein Denken, Handeln und Verzeihen. Das beträchtliche Mehr an Jahren, das zwischen beiden lag, ignorierte er hartnäckig, seine welkende Natur kompensierte er mit ihrer aufreizenden Jugend und seinem beträchtlichen Vermögen.

Liebe oder wirtschaftliche Macht?

Aber kein einziges Mal traute er sich in den letzten Wochen der Frage zu stellen, was die eigentliche Basis ihrer Liebesbeziehung sei. Er wurde Opfer eines Trugschlusses Christiane würde seine wirtschaftliche Macht im Gegensatz zu ihm für bedeutsam halten. Es mochte für ihn und seine Ehrlichkeit sprechen, dieses ihn so verjüngende Wesen mit Beginn ihrer Beziehung von ihm finanziell unabhängig gemacht zu haben. Auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte und ihre sie auszeichnende Persönlichkeit es ihm schwer machte sie als reines Lustobjekt zu sehen, wollte und konnte er sich diese Liebesbeziehung ohne ihre Sexualität nicht vorstellen.

Immer noch tolerierte er diesbezüglich selbstzufrieden seine einnehmende wie vernichtende Maßlosigkeit. Tief in seinem Inneren war manifestiert: Christiane sollte ihm gehören, sein Eigen sein und das auch bleiben. Darauf war er eingestellt. Der Besitz dieser einzigartigen knabenhaften Begehrlichkeit, diese fesselnde Mischung von Erotik und Sinnlichkeit, die ihn, den alten Sack, über die Maßen geil machte und ihm nie den Verzicht auf diesen jungen Körper auch nur erahnen ließ, sondern vielmehr seinen uneingeschränkten Anspruch auf die lustvolle Befriedigung seiner mittlerweile unkontrollierbar gewordenen Triebhaftigkeit nur noch verhängnisvoll anheizte.

Fortsetzung folgt…

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