- Anzeige -

Einblicke hinter die Kulissen der größten Schauhöhle Mallorcas, den Coves de Artà

Staunend heben die Besucher ihre Köpfe. Oh! Ah! Reflexartig erscheinen die Handys auf der Bildfläche und das große Foto-Klicken setzt ein. Im ersten Saal offenbart sich schon im Ansatz, welch beeindruckende Reise in den nächsten 40 Minuten vor ihnen liegt. Dabei hat Nadia noch nicht einmal angefangen, die wundersame Schönheit der Höhle zu enthüllen. „Welche Sprachen brauchen wir heute?“, ruft sie in die Menge. „Spanisch, Katalanisch, Deutsch, Englisch, Französisch?“ Alles kein Problem für die Conductora. Während sie mit der Gruppe im Schlepptau den abgesteckten Weg treppauf, treppab läuft, Zeit zum Bewundern gibt und die Stationen in mehreren Sprachen erklärt, fragt man sich, was sie selbst wohl dort noch sieht. Die Routine macht doch sicherlich betriebsblind. „Machen Sie Witze? Ich liebe die Höhle!“ Enthusiastisch plaudert Nadia Vandoninck aus dem Nähkästchen.

Guide Nadia Vandoninck führt die Besucher

Die Führerin: Die Höhle beruhigt quengelnde Kinder
„Wenn ich im Winter zum Ticketverkauf eingeteilt bin, habe ich solche Sehnsucht nach der Höhle, dass ich allein mit der Taschenlampe hineingehe.“ Im Sommer sind sechs Höhlenführer im Einsatz, alle 15 Minuten beginnt eine neue Runde. Bei jeder Tour legt man 1,5 Kilometer zurück und bewältigt dreißig Meter Steigung. „An manchen Tagen laufe ich über 3.000 Stufen, je nachdem, wie viele Runden ich gehe.“ Seit sechs Jahren gehört dieser Job zu ihrem Leben. Aber Müdigkeitserscheinungen sieht man der 49-Jährigen nicht an, eher im Gegenteil. „Die Höhlenluft konserviert“, lacht sie. Offenbar strahlt dieser magische Platz auch positive Energien aus. „Manchmal kommen Familien mit quengelnden Kindern an. Wenn sie aus der Höhle rauskommen, sind die Kleinen ruhig. Mir geht es genau so. Sollte ich mal schlecht gelaunt zur Arbeit kommen, bin ich nach der ersten Tour ein anderer Mensch.“

Leiter der Höhle Miquel Ginard

Der Manager: Leute sind schon mit Absicht drin geblieben
Miguel Ginard hat das riesige Höhlengebilde am Kap Vermell als Manager unter Kontrolle. Angefangen hat auch er als Höhlenführer, ist jetzt aber schon seit 31 Jahren in dieser Position, die er von seinem Schwiegervater quasi geerbt hat. Für EL AVISO findet er kurz Zeit zwischen Ticketverkauf, Kioskbetreuung und Organisation der Abläufe. Ein Mann, der überall mit zupackt. Muss er die Höhle auch selbst fegen? „Klar, einige Besucher nehmen Essen mit rein und werfen Papier durch die Gegend. Dann muss jemand von uns schon mit Besen und Schaufel hinein.“ Seit 1806 ist die Höhle von Artà für die Öffentlichkeit zugänglich. „Bis 1929 ging man hier noch mit Teerfackeln durch und hangelte sich an Seilen herunter“, erzählt Miguel. Sollte heute mal der Strom ausfallen, springt das Notstromaggregat an. Kein Besucher wird in der Finsternis sitzengelassen. „Ich selbst musste mich mal im Dunkeln durch die Höhle kämpfen“, erinnert er sich. „Ein Besucher hatte etwas vergessen, das ich holen wollte und mein Kollege knipste schon das Licht aus. Aber ich kenne jede Stufe und konnte mich innerhalb von zehn Minuten heraus tasten. Trotzdem fühlt es sich sehr einsam an in der großen Stille, die nur vom Klang der Tropfen unter-brochen wird.“ Wassereinfall brauchen Besucher nicht mal bei Starkregen zu fürchten. Der Berg wölbt sich 60 bis 120 Meter über der Decke der Höhle. Erst wenn es drei Tage durchregnet, beginnt das Wasser von oben durch die Steine zu dringen.
Viele ängstliche Naturen brauchen solche Gewissheiten, um sich überhaupt in die Höhle zu wagen. Andere Menschen sind da weniger empfindlich. „Ein Pärchen hat sich mit Absicht von der Gruppe zurückfallen lassen und ist drin geblieben. Als wir sie rausholten, waren die Knie ihrer Hosen und die Hände schmutzig. Ganz offensichtlich wollten sie Sex an einem ungewöhnlichen Ort haben.“

Eintrag ins Gästebuch der Höhle vom 17.9.1877 mit den angeblichen Originalunteschriften von Jules Verne, Victor Hugo, Alexandre Dumas, Paul de Cock und Sarah Bernhardt.

Historische Fehlschläge: Die falschen Promis
Wo sich heute der imposante Ausgang der Höhle mit Blick auf das Meer öffnet, war einst der Eingang. Den musste man über eine schmale Rampe erklimmen – bis sich 1860 hoher Besuch ansagte. Isabella II. von Spanien wünschte die Höhle zu besuchen, allerdings war sie so beleibt, dass extra für sie die große Freitreppe angelegt werden musste. Die hat Majestät dann doch nicht benutzt, denn sie reiste nie an. Andere schätzten die Werte der Höhle wesentlich mehr. Die berühmteste Tropfsteinformation, die Säulenkönigin, sollte sogar verschifft werden. Eine englische Firma bot 1840 stolze 25.000 britische Pfund, um das Prachtstück abzuschlagen und mitzunehmen. Zum Glück ließen sich die Besitzer da nicht von dem mallorquinischen Sprichwort „Für Geld tanzt sogar der Hund“ leiten. Besonders stolz wird berichtet, welche kreativen Geister sich von den Höhlen inspirieren ließen. Antoni Gaudí, heißt es, bekam beim Anblick der Tropfsteine Ideen für die La Sagrada Família in Barcelona. Besonders der Einfluss des Höhlenerlebnisses auf die fantastische Geschichte „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ von Jules Verne wird immer wieder hervorgehoben. Dabei hat die Behauptung durchaus Schwachstellen. Eine davon ist, dass sich der Autor erst 1877 ins Gästebuch der Höhle eingeschrieben hat, obwohl der Roman bereits 1864 erschienen war. Ob die Unterschrift echt ist, darf außerdem bezweifelt werden. Am 17. September 1877 haben sich gleich fünf Prominente in dem dicken Buch verewigt: Jules Verne, Victor Hugo, Alexandre Dumas, Paul de Kock und Sarah Bernhardt. Allerdings war das wohl ein Streich literaturliebender Reisender. Alexandre Dumas und Paul de Kock waren nämlich an diesem Tag zwar in der Tat unter der Erde, jedoch nicht in Mallorca, sondern in Frankreich – auf dem Friedhof.

Die Besitzerin: Zwischen Säulen Verstecken gespielt
Seit dem 18. Jahrhundert sind die Höhlen von Artà im Besitz der Familien Quint-Zaforteza. Damals war die Gegend um Canyamel noch zwei Tages-reisen von Palma entfernt. „Man fuhr zunächst nach Manacor, über-nachtete dort, machte sich am nächsten Tag auf nach Artà, wo man wiederum nächtigte, und fuhr dann weiter zur Küste“, macht Maria Zaforteza y Duque de Estrada die einstige Abgeschiedenheit ihrer Besitzungen deutlich. Bevor die Höhle zur touristischen Nutzung er-schlossen wurde, musste man sich noch in Artà einen Führer mieten, der dann mit Fackeln und Seilen die Tour übernahm. „Wir selbst haben so eine historische Führung einmal nachgestellt und uns mit Seilen herunter gelassen. Das schlingert ganz unheimlich“, beschreibt Maria Zaforteza das Erlebnis. Sie kennt die Höhlen von kleinauf und war darin auch bei Dunkelheit unterwegs. „Zusammen mit der Tochter von Clemente Garau, dessen Familie seit Generationen die Führer in den Höhlen stellten, habe ich da drin Verstecken gespielt. Das durfte mein Vater gar nicht wissen!“ Heut ist sie selten in „ihrer“ Höhle. „Manchmal im Sommer, wenn Freunde uns besuchen, gehen wir gemeinsam hinein. Die Erklärungen überlasse ich den professionellen Führern, aber ich erzähle natürlich, was mir persönlich gefällt.“ Dazu gehören die letzten Worte des Poems „La deixa del geni grec“ des Dichters Miquel Costa i Llobera. Maria Zaforteza liebt diese tragische Geschichte von der Pristerin Nuredduna und dem Untergang des letzten Talayot-Stammes in den Coves d’Artà. Berührt zitiert sie die Zeilen, die auf der Tafel in der Höhle eingraviert sind: „Für einen Schlag des Herzens, das in Angst stirbt, würden wir all die Ruhe von Jahrhunderten geben.“
Christiane Sternberg, Fotos: Marcos Gittis

Mallorcas große Schauhöhlen
Cuevas de Artà. Canyamel.
Größte Höhle der Insel Öffnungszeiten 10-18 Uhr Eintritt: 15 €, Kinder 7 bis 12 Jahre 7 €
Bootsfahrten zur Höhle von Font de sa Cala und Cala Ratjada www.cuevasdearta.com
Cuevas del Drach.
Porto Cristo Mit Bootsfahrt auf dem Llac Martel, dem größten unter-irdischen See Europas, zu klassischer Musik und Illumination Eintritt: 16 €, Kinder 3 bis 12 Jahre 9 € Führungen: 10 Uhr, 11 Uhr, 12 Uhr, 14 Uhr, 15 Uhr, 16 Uhr, 17 Uhr
www.cuevasdeldrach.com
Cuevas dels Hams.
Porto Cristo Mit kurzen Filmvorführungen und Lichtshow Eintritt: 21 €, Kinder 4-12 Jahre 11 € Öffnungszeiten: 10-17 Uhr www.cuevasdelshams.com
Coves de Campanet.
Campanet Naturbelassen, dezent, nicht überlaufen Eintritt: 15 €, Kinder 3-12 Jahre 8 € Öffnungszeiten: 10-18.30 Uhr www.covesdecampanet.com
Cuevas de Génova. Génova bei Palma Die kleinste Höhle mit angeschlossenem Restaurant. Eintritt: 10 €
Öffnungszeiten: Di-So 9-18 Uhr
www.cuevasdegenova.com


- Anzeige -