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2. Teil unserer Kurzgeschichte

In einer Zweisamkeit der etwas besonderen Art versuchen Romana und Ottokar auf ihrer kleinen, idyllischen Finca “Can Petit” ihren Altag in den Griff zu bekommen, wobei der Eine dem Anderen bisweilen fürchterlich auf die Nerven geht. Öl ins Feuer dieser kapriziösen Beziehung gießt zu allem Überfluss die 84 jährige Komandante Mima.
Ja, solche Männer durften sich vorbehaltlos in ihrem Wohlwollen sonnen. Es war eben jene faszinierende Kongruenz zwischen diesen beiden Männern, wenngleich der eine bereits jenen glückseligen Daseinszustand erreicht und in seiner Urne die ewige Ruhe – wohl auch vor seiner Herrin – gefunden hatte, die ihr Ottokar so nahe brachte.

Der Mann der Kommandante
Und die Kommandante scheute sich nie, den Verlust ihres Lebensgefährten, der still, wie er gelebt hatte, auch aus ihrem Leben geschieden war, der aber als unauslöschliche Erinnerung in ihre Wirklichkeit zurückgekehrt war, lauthals den mit ihm verloren gegangenen Halt ihres Lebens, ihre Stütze, ihren starken Mann, der sie führte und leitete, lauthals zu beklagen. Wobei dieser – ganz nebenbei erwähnt – mit jedem Todestag seinem Wesen nach ein immer besserer und edlerer zu werden schien. Nicht, dass er etwa ein Schlechter gewesen wäre, er war sicher der Beste überhaupt in dieser Familie, samt seinen Schwächen! Womit die Familie jetzt nur so ihre kleinen Schwierigkeiten hatte: es fehlten ihm, von Sterbetag zu Sterbetag, mehr und mehr auch die kleinen, die unbedeutenden menschlichen Schwächen.
Fast ein Heiliger…
Der Eindruck entstand, als wäre der Pi auf direktem Weg zur Heilig-sprechung. Und das ganz ohne Rom! Nur mit viel Mühe und mit noch mehr gutem Willen erkannte die hinterbliebene Familie ihren Pi. Kommandante Mima aber gefiel sich in ihrer nachtragenden Güte, gerade so, als hätte sie bei ihm posthum etwas gut zu machen. Überzeugt, ein gutes Werk vollbracht zu haben, weidete sie sich dann stets hemmungslos an ihren salbungsvollen, verklärenden Worten. Ihr war es gegeben, sich selbst zu Tränen zu rühren. Sie liebte es, coram publico zu trauern. Und wenn sie dann auch noch ihre emotional beladene Leidenslust heimsuchte, eindrucksvoll untermalt von dem theatralischen Beben ihrer schmalen Unterlippe, dann durchrauschte die Kommandante erlösend das glückselige Gefühl, ihrem Dahingegangenen wieder einmal öffentlich und in Würde gedacht zu haben.

Das Drama des Trauerns
Es war ein ergreifendes Zelebrieren ihrer nach außen drängenden Trauerlust, wie sie das, von stillem Schmerz verzeichnete Gesicht, den immer noch unter der Bürde dieses Schmerzes leicht zur Seite geneigten Kopf mit den hinter einem schemenhaften Tränenschleier verborgenen trauernden Augen und den sich in Fassungslosigkeit verlierenden, weit ausgebreiteten Armen jedermann kundtuend und leidend vor sich her trug, wie der Geistliche die Monstranz. Und es geriet dann immer zu einem Crescendo der Gefühle, wenn sich die Kommandante mit ihrer seligen Trauer in der Umarmung einer ihrer zahlreichen mallorquinischen Freundinnen verlor, um hernach von ihrer Trauer durch die mitfühlende Seele erlöst wieder fröhlich in den Tag zurück zu finden.
Ottokars linke Hände
Ohne Zweifel, Ottokar verdiente gut als anerkannter Forscher eines großen hessischen Pharmaunternehmens. Dabei übersah die Kommandante allerdings großzügig Ottokars kaum existentes und mitfühlendes Engagement auf der Finca seiner Frau, die natürlich auch die Seinige war. Aber dies schien ihm in der Regel weniger bewusst zu sein. Was eigentlich so auch in Ordnung war. Denn überkam ihn schon mal das Gefühl des stolzen Besitzers und wollte er dies einmal so richtig ausleben, und erwuchs daraus überflüssigerweise auch noch das Bedürfnis, sich im Finca-Campo nützlich machen zu wollen, verfiel Romana hernach regelmäßig in ergreifendes Wehklagen! Ihr konnte Ottokar nun mal nichts Recht machen. Das war eigentlich schon Fakt. Aber aus seiner großen Zuneigung zu seiner kleinen Frau erwuchs ihm mitunter der verwegene, infantile Mut zum Helfen. Aber fasste er etwas an – ganz gleich was – es war immer das Falsche. Machte er etwas, war es im Ergebnis unheilvoll, mithin sogar fatal. In seinem brillanten Kopf war eben nur wenig Platz für die kleinen, praktischen Dinge des Landlebens. Auch, dass er dazu neigte, sich in verwaschenen Unterhosen, die er stolz wie Boxershorts trug, im Campo zu bewegen, provozierte seine kleine, energische Frau und rief deren heftigste Missbilligung hervor.

Der Papageienstrauch
Einmal, so erinnerte Peter, offenbarte sich der Unglücksrabe bei ihm mit der diskret vorgetragenen Frage nach einem guten Gärtner, welcher sich auch in der heißeren Jahreszeit zutrauen würde, einen jungen, zarten Papageienstrauch zu pflanzen. Und ohne Peters Frage nach dem Warum abzuwarten tat er ihm mit teilnahmsloser Stimme, die kombiniert war mit einem treuherzigen Blick über die altmodische Brille, seine Not kund. “Ich habe“, sagte er in seinem schwäbischen Deutsch-Rumänisch, “Ihr“ und er machte dabei eine verzweifelte wie hilflose Kopfbewegung in Richtung Küche, “den Papageienstrauch gehimmelt, futsch“. Ratlos warf er seine Hände nach vorn, die Handflächen nach oben offen, um so seine Hilf- und Fassungslosigkeit auszudrücken. „Sie wird toben“, seine Stimme war nur noch ein angestrengtes Flüstern. „Aber es wird Ihr nichts helfen, er ist unwiederbringlich hin. Und er war ein so schönes Gewächs“. Für den Moment konnte Peter nicht ausmachen ob da nicht auch Ironie und Schadenfreude pur mit im Spiel waren und fein „verpackt“ mit durch schwangen. Sein spitzbübischer Sarkasmus machte es Peter mitunter schwer, zu erkennen, tat es ihm nun wirklich Leid oder war es nur der oberflächlich empfundene Schmerz des Intellektuellen. Zuweilen stand er bei Peter im Verdacht auf ganz listige Art und Weise seiner Romana einen Schabernack aufzuspielen. Peter glaubte sogar erkennen zu können, dass Ottokar sich bisweilen dümmer anstellte als es nötig gewesen wäre.
“Fortsetzung folgt… “

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