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1. Teil unserer Lesereihe

Die beiden konnten eigentlich nicht so recht als Paar bezeichnet werden. Weder war sie ihm Ehefrau, noch Partnerin, auch wird sie ihm nie so recht Geliebte gewesen sein. Und er, der er immer mit seinem dunkelgrauen, traurigen Drei-Tage-Bart, der seine verwelkenden Gesichtszüge undra-matisch einrahmte, nur recht umständlich seinem Tagewerk nachzugehen vermochte, der mit seiner Ungeschicklichkeit in den praktischen Dingen, die halt im Campo nun einmal täglich bewältigt werden mussten, mehrfach sein Scheitern erlebte, dieser Mann war für Romana eine liebenswürdige wie hinreißende Nervensäge

Ottokar!
Bei allem was er tat war er in ihren Augen stets nur unheilvoll präsent. Wehe dem, was in diesem kleinen Reich wuchs oder wachsen sollte, ging er, der Intellektuelle, daran, sich hier verwirklichen zu wollen! Was war er wohl für sie gewesen, früher, als alles noch glühte? Wie sah sie ihn, was konnte er ihr wohl bedeutet haben, damals, im gemeinsamen Sturm und Drang, oder sollte alles nur so ein säuselndes Lüftchen gewesen sein, ehedem?
Natürlich, die Zeit, die sie in romantischer Schwelgerei und Träumerei verbracht haben mochten, sie war lange schon Vergangenheit. Kaum denkbar, dass diese beiden Menschen, die eigentlich konträrer nicht zueinander leben konnten, sich emotional in Leidenschaft verlieren mochten. Einst! Dass da überhaupt mal etwas war, gewesen sein konnte – allein die Vorstellung daran hatte etwas Unwirkliches! Sicher ertrug jeweils der Eine den Anderen. Aber das auch nur für kurze Zeit. Ihre Chance, diese spärliche, sie beide zuweilen fürchterlich anstrengende Gemeinsamkeit ihres Alltags überhaupt zu überleben, lag wohl einzig und allein in der Distanz von anderthalb tausend Kilometern. Diese konnte, immer wenn nötig, wie ein wohltuender Puffer zwischen sie beide gelegt werden.

Chance ihres Alters! Oder: FrankfurtHoechst als Fluchtburg Ottokars! Die einst gefeierte Staatsschauspielerin in der osteuropäischen Perle Bukarest, spielte kein Theater mehr. Von dieser Bühne war sie abgetreten, längst schon. „Can Petit“, ihre mallorquinische Finca, nahe Artà, war jetzt ihre Welt, das Forum schlechthin. Nur hier machte Romana noch Theater. Und zwar ihm! Theatralisches Solo, so konnte das genannt werden, was die kleine, energische Person überzeugt die kreative Ausgestaltung ihrer Zweisamkeit nannte. Drastischer ausgedrückt und von Ottokars Warte betrachtet bedeutete dies: sie ging ihm zuweilen fürchterlich auf die Nerven. Hier schien auch Ottokars eigentliches Problem zu liegen.
Daher verwunderte es den einstigen Banater Schwaben keineswegs, als sich bei ihm eines Tages die Erkenntnis breit zu machen begann, dass er von Zeit zu Zeit ihrer so gar nicht mehr bedurfte.
Dann immer war für ihn der Moment gekommen, wo er – war sie im weiträumigen Garten mit ihren hysterischen Hühnern beschäftigt und deren Eier sie akribisch zu nummerieren pflegte – zum solarbetriebenen Telefon griff, um sich wieder einmal ein Ticket nach Frankfurt reservieren zulassen. Ottokar wollte, nein, er musste dann immer weg, um überhaupt wiederkommen zu können. So betrachtet verwöhnte er Romana großzügig mit seiner Abwesenheit.

Die Kommandante mischt sich ein
Stand seine Abreise wieder einmal unmittelbar bevor und war diese zu allem Überfluss auch noch der Kommandante Mima auf deren Finca „Son Bieu“ zu Ohren gekommen, griff diese, unwillig ihr 84-jähriges Haupt schüttelnd, zum Telefon um sich sogleich heftigst in Romanas und Ottokars innerste Angelegenheiten einzumischen. Die Kommandante wollte einfach, dass er blieb. Sie erwartete von Romana, dass sie ihn – so sah sie es selbst-gerecht – besser behandelte, ihn weniger kommandierte. Und obwohl dies gewissermaßen einer grotesken Selbstverleugnung gleichkam, denn genau diese an Romana kritisierten Wesenszüge waren so sehr ihre eigenen, betrieb die Kommandante unbeirrt ihre Einmischung weiter! Sie mochte ihn. So einfach war das für sie. Er hatte ihre ganze Sympathie. Schon allein aus dem simplen Grund, weil er alles für Romana tat, vor allem finanziell. Was sie nicht ohne innere Ergriffenheit stets laut rühmte und ungeniert auch Jedermann öffentlich zugänglich machte.
Und sie tat dies auf ihre laute, direkte Weise, vor allem auch weil Ottokar in seiner Art der Unterwürfigkeit, seiner Bereitschaft nämlich, Romana die wichtigen Dinge des Lebens ergeben zu überlassen und sie als Herrscherin klaglos anerkannte, ja, weil diese seine Art der Ergebenheit die Kommandante so beglükkend an ihren Verblichenen erinnerte, für den Widerspruch, ebenso wie für Ottokar, ein Fremdwort war. Beide waren sie stille, pflegeleichte Partner. “Fortsetzung folgt…”

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