Seit Plastiktüten in Supermärkten nicht mehr zu haben sind, besinnt man sich auf die guten alten Korbtaschen. Hier auf Mallorca kann man mit dieser Entscheidung sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – die Umwelt schonen und die lokale Tradition am Leben erhalten. Denn geflochtene Taschen gehörten früher zwar in jeden Haushalt, doch das Handwerk ist so gut wie ausgestorben.

Guiem Cassellas ist der letzte noch von seiner Arbeit lebende Palmenflechter auf Mallorca. In seiner Werkstatt zeigt er wie kunstfertig er die bearbeiteten Blätter zu langen Zöpfen flechtet. Diese werden dann an der Nähmaschine in Form von Taschen, Fächern, Kisten und Körben zusammengenäht. Oder auch zu halbaren Fächern wie hier.

Einer der letzten seiner Art ist Meister Guiem Cassellas Gelabert (54) in Artà. Während andere das Flechthandwerk nur noch als Hobby betreiben, lebt er von dem, was seine Hände an kunstvollen Gebilden fertigen. Llatra (oder auch Llata, wie man in Capdepera sagt) nennen sich die geflochtenen Gegenstände, die aus den Blättern der Zwergpalme entstehen. Taschen, Fächer, Hüte, Peitschen, Kiepen, Körbe für alle Gelegenheiten. Die Region um Artà und Capdepera, wo besonders viele dieser Bäume wachsen, die die Mallorquiner Garbato nennen, war einst die Hochburg des Llatra Handwerks. „Diese Arbeit hat die Leute hier gut ernährt“, sagt Guiem, „Es gab Dutzende von Llatra-Werkstätten in der Gegend, dazu noch die Schreinereien, die Formen für die gefl ochtenen Handtaschen gefertigt haben. In den 1970er Jahren wurden die meisten Werkstätten aufgelöst. In den 1980er Jahren gab es noch zwei bis drei professionelle Llatra-Meister. Jetzt gibt es nur noch mich.“ Hinzu kommen die „Ses Madones de sa Llatra“, kunstfertige Seniorinnen, die das Handwerk noch beherrschen und die in Capdepera seit über zehn Jahren die Tradition hochhalten, indem sie mit Vorführungen ihrer Arbeiten bei Festen und Märkten viel Publikum anlocken.

Handwerk kostet vor allem Zeit
Während Guiem spricht, scheinen seine Hände zu fliegen. Ohne hinschauen zu müssen, schlingen seine Finger die glatten, weißen Palmitos zu geflochtenen Bändern. Die vier Zentimeter breiten „Trenzas“ wachsen und wachsen, bis sie 15 Meter Länge erreicht haben und zu einer Rolle zusammengelegt auf ihren Einsatz warten. Sie sind das Grundgerüst für alle Produkte, die daraus an der Nähmaschine ihre endgültige Form erhalten. „Wenn nicht bald etwas geschieht, wird das Handwerk aussterben“, sagt Guiem düster voraus. Er selbst hat schon als Fünfjähriger seiner Mutter beim Flechten geholfen, die nächste Generation, sein Sohn Ignasi (21), ist inzwischen mit ins Geschäft eingestiegen. Aber das reicht noch lange nicht aus, um die Tradition zu retten. Selbst die wöchentlichen Kurse, die Guiem in Sant Llorenç gibt, halten den Schwund nicht auf. Das Problem sind nach seiner Ansicht auch die Korbtaschen, die aus Marokko importiert werden und auf den Märkten reißenden Absatz finden. „Früher stand ich mit meiner Mutter auf Märkten, um unsere Sachen zu verkaufen. Aber wir haben nicht wie die anderen typisch-mallorquinischen Traditionswaren einen besonderen Platz zugewiesen bekommen, sondern gingen zwischen den anderen Taschenhändlern regelrecht unter. Dabei suchen doch die gerade die Touristen nach authentisch-mallorquinischem Handwerk.“ Diesen Konkurrenzkampf tut sich Guiem seit ein paar Jahren nicht mehr an. Seine Flechtwaren verkauft seine Frau in ihrem Laden in Artá, über dem auch die Nähwerkstatt untergebracht ist. Ansonsten fertigt er individuelle Bestellungen für Einzelkunden und Großabnehmer an. Für handgefertigte Stücke sind seine Produkte erstaunlich preiswert. Eine Markttasche kostet gerade mal um die 30 Euro. Das sei gar nicht so erstaunlich, meint Guiem. „Die Palmitos bekomme ich aus der Natur umsonst, Transportkosten entfallen und nicht mal Mehrwertsteuer wird auf mallorqinisches Kunsthandwerk fällig. Das einzige, was ich wirklich investiere, ist meine Zeit.“

Guiem Cassellas ist der letzte noch von seiner Arbeit lebende Palmenflechter auf Mallorca.

Sammeln im Sommer, flechten im Winter
Ab Mitte Juni, wenn die Nächte nicht mehr so feucht sind und weniger Tau auf den Blättern liegt, zieht Guiem durch die Landschaft auf der Suche nach den Zwergpalmen, denen er mit einer Art Metallzange die jungen Triebe (Palmitos) entfernt. Pro Pflanze liegt die Ausbeute bei maximal zwei bis drei Ablegern, daher ist der Sammelradius ziemlich groß. Auf seinem Grundstück legt er die Blätter zum Trocknen aus. „Bis zum 5. August muss alles fertig sein, denn danach steigt die Regen-Wahrscheinlichkeit“, erklärt er. Die zu Ballen gebundenen Palmitos kommen nacheinander für 12 Tage in den Schwefelofen, wo sie gebleicht und von Ungeziefer befreit werden. „Schwefeln macht das Material außerdem stärker, flexibler und wasserdicht“, verrät der Meister. Nach all dieser Vorarbeit beginnt in den kalten Monaten dann die Zeit des Flechtens und Nähens.

Werkstatt in Artá.

Die Geheimnisse der Flechtkunst
Manchmal, sagt er, sitze er schon morgens um sechs – noch im Pyjama – am Tisch und fertige die erste Trenza des Tages. Ein bis zwei Stunden, je nach Länge, braucht er dafür. „Die Chinesen haben ein Sprichwort, das genau auf mich zutrifft: Wähle einen Beruf, den du liebst, und du musst morgens nicht zur Arbeit gehen.“ Seine kreative Ader scheint unerschöpfl ich. Er beherrscht 20 verschiedene Flechtmuster. „Die Kombination aus Mustern und Farben ergeben unendlich viele Gestaltungsmöglichkeiten. In den Läden oder auf der Straße erkenne ich jede einzelne meiner Taschen wieder, die ich gemacht habe.“ Meister Guiem fi ndet es schade, dass sein Handwerk so aus der Mode gekommen ist. Vor ein paar Jahren hat er begonnen, in Artá zu den alten Leuten zu gehen, die das Flechten noch beherrschten, und sich ihre Geheimnisse verraten zu lassen, bevor sie ganz mit ihnen verschwinden. Im Laden seiner Frau hängt eine ganze Galerie farbiger Verzierungen, nach Nummern sortiert, an der Wand. Die Muster gehören zu dem Vermächtnis seiner Mutter, die im vergangenen Jahr verstorben ist. Sie hat ihrem Sohn so viel wie möglich von ihrem Wissen hinterlassen.

Vergessene Alltagsgegenstände
Das mühsame, zeitaufwändige Handwerk will heute kaum noch jemand ausüben. „So etwas lernt man nicht nebenher“, sagt Guiem. Seit in den 1970er Jahren der Tourismus auf Mallorca ins Kraut schoss, verdingten sich die einstigen LlatraProfi s in den neu eröff neten Hotels. Dort fanden sie leichtere Arbeit gegen gutes Geld und waren sogar sozialversichert. Nicht nur das Wissen und die Fähigkeiten der geschickten Handwerker geriet dadurch in Vergessenheit, sondern auch die Produkte wurden von neuen Errungenschaften verdrängt. Markttaschen durch Plastikbeutel, zum Beispiel. „Kaum einer kennt noch die Bezeichnungen der Waren, die früher zum Alltag gehörten.“ Dank Guiems Geschick tauchen im Laden seiner Frau all die praktischen Gegenstände aus der guten, alten Zeit wieder auf: Carreterro, die Seitentasche für Lasttiere; Maletes (kofferähnliche Handtaschen) und die kleineren Maletins, mit denen die Damen einst von Artà nach Palma reisten; Körbe mit und ohne Deckel, in denen man früher das Essen mit zur Arbeit nahm, oder der Rucksack-Vorläufer „Pantaleca“, ein Körbchen mit angenähtem Stoff , in dem man sich seinen Proviant für einen Ausfl ug auf den Rücken schnallte.

Klappern gehört zum Handwerk
Jedes einzelne Stück von Meister Guiem ist von Anfang bis Ende handgefertigt, stammt aus der Region, besteht aus natürlichem Material und ist authentischen traditionellen Vorbildern nachempfunden. Wäre es ein Start-up, würde er gefeiert werden für den innovativen Ansatz. Aber mit so einem Hype hat er nichts am Hut. Er sitzt lieber in seiner Werkstatt und seine nie ruhenden Hände fl echten aus einer schier endlosen Zahl von Palmitos lange Bänder und gestaltet daraus die schönsten Produkte. Dass Klappern zum Handwerk gehört, hat da eher Araceli Iranzo aus Madrid verstanden, die sich von den Ses Madones de sa Llatra zu ihrem Unternehmen „Antic Mallorca“ in Llubí hat inspirieren lassen. Die Taschen und Accessoires, die von ihr angeboten werden, haben eine Story und einen modernen Webauftritt – und einen wesentlich höheren Preis. Aber auch Araceli Iranzo widmet sich mit Kursen der Weitergabe des faszinierenden Kunsthandwerks. Und das ist, was zählt.
Christiane Sternberg, Fotos: Marcos Gittis

Laden & Werkstatt:
Artà, C/. Taulera 7, geöff net Mo-Fr 9-13 und 17-20 Uhr, FB: @Jo tambe he fet llatra assegut a la fresca
Llatra Workshop mit Meister Guillem: jeden Dienstag 18-20 Uhr im Kulturhaus „Espai36“ in Sant Llorenç des Cardassar, C/. Mayor 36, www.espai36.cat
Museo de sa llatra:
Ständige Ausstellung über Palmblattfl echtkunst in der Burg von Capdepera, Vorführung jeden Mittwoch von 10.30-13.30 Uhr, Eintritt: 4 Euro
Antik Mallorca: www.anticmallorca.com

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